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Im Gesundheitswesen brodelt es

Klatsch-Aktionen im März, ein versenkter Corona-Bonus im Dezember und nun eine Diskussion übers Umkleiden: Ein Überblick über die Dinge, die in der Gesundheitspolitik passieren oder eben nicht.
01. Februar 2021
Redaktorin

Im vergangenen März wurde noch applaudiert und systemrelevante Berufe rückten durch die Corona-Krise plötzlich ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Doch brachte das vergangene Jahr tatsächlich etwas ins Rollen? Ein grober Überblick, was in der Gesundheitspolitik in den letzten Monaten passierte:

Eine Verordnung des Bundesrates setzte im März das Arbeitsgesetz für das Spitalpersonal bis Juni 2020 ausser Kraft. Vorschriften für Arbeits- und Ruhezeiten wurden coronabedingt quasi aufgehoben. Damit einher ging eine Welle der Solidarität. Im März wurde in der ganzen Schweiz von Balkonen und Fenstern aus für das Gesundheitspersonal applaudiert. Wir sprachen damals mit Pflegefachfrau Lia. Sie stand diesen Klatsch-Aktionen gespalten gegenüber; zum einen war sie sehr berührt, zum anderen hinterliessen diese Aktionen einen bei ihr einen fahlen Nachgeschmack: «Dieser Einsatz war im Gesundheitswesen auch schon vor Corona da. In Ausnahmesituationen zu arbeiten ist für uns alltäglich.»

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Tatsächlich wurde bereits 2017 die Volksinitiative «Für eine starke Pflege» eingereicht. Diese fordert staatliche Unterstützung der Aus- und Weiterbildungen und bessere Arbeitsbedingungen. Die Pflegequalität soll gewährleistet und dem Pflegenotstand entgegengewirkt werden. Es sei wichtig, dass das Personal länger im Beruf verweile. Jährlich würden nämlich 2400 Pflegefachpersonen ihren Beruf aufgeben.

Die Initiative hat durch die Pandemie zwar neuen Auftrieb erhalten, dennoch hat der Bundesrat bereits 2018 deren Ablehnung beschlossen. Vom Parlament wurde ein indirekter Gegenvorschlag ausgearbeitet, der im Falle einer Ablehnung an der Urne in Kraft tritt. Wann die Initiative zur Abstimmung vorgelegt wird, ist noch unklar, voraussichtlich aber dieses Jahr.

Die Schweiz im internationalen Vergleich

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium schätzte 2016 die Zahl des zusätzlich benötigten Pflegepersonals bis 2030 auf 65’000. Dass es im Gesundheitswesen an Personal mangelt, ist also nicht neu. Der Mangel wird durch die Pandemie einfach verdeutlicht. Laut dem Bundesamt für Statistik sieht die Lage der Schweiz im internationalen Vergleich hingegen gut aus. Die Schweiz steht beim Pflegepersonal pro 1000 Personen mit 17,2 Pflegenden an zweiter Stelle hinter Norwegen.

Vergleicht man die Löhne, so sieht es weniger gut aus. Gemessen am Durchschnittslohn sind diese so tief wie praktisch nirgendwo sonst, so die Online-Plattform für das Gesundheitswesen «Med Inside». Sie bezieht sich auf Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der «Tages-Anzeiger» bereitete vergangenen November die Zahlen der neuesten OECD-Statistik auf. Das Resultat: Das Schweizer Pflegepersonal verdient 85 Prozent des Durchschnittslohns in der Schweiz. In Frankreich sind es 93 und in Italien 99 Prozent. In vielen Ländern liegt der Lohn zudem über dem Durchschnittslohn, in Mexiko beispielsweise verdienen Pflegenden sogar das Doppelte.

Häufig sind wir damit konfrontiert, dass Angestellte nicht wissen, was ihre Rechte sind und gerade Frauen sind so sozialisiert worden, dass sie sich weniger beklagen.
Fiora Pedrina (VPOD)

84 Prozent des Pflegepersonals in Spitälern sind Frauen

Über einen gerechten Lohn lässt sich streiten. Diese Zahlen sind aber symbolisch dafür, wo Pflegeberufe in der Schweizer Gesellschaft stehen und eingeordnet werden können. Laut dem Bundesamt für Statistik waren 2019 84 Prozent des Pflegepersonals in Spitälern Frauen. Forderungen im Beruf und Alltag zu stellen, falle gerade vielen Frauen schwer, so Fiora Pedrina. Sie ist beim Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) für die Angestellten des Gesundheits- und Sozialdepartements der Stadt Zürich zuständig. «Häufig sind wir damit konfrontiert, dass Angestellte nicht wissen, was ihre Rechte sind und gerade Frauen sind so sozialisiert worden, dass sie sich weniger beklagen», so die Gewerkschafterin.

Der VPOD organisiert unter anderem den Crashkurs «Fight for your rights». Dieser soll Angestellte im Gesundheitswesen über ihre Rechte aufklären und aufzeigen, wie sie sich kollektiv organisieren und wehren können. Dies sei auch fernab der Pandemie enorm wichtig, nur so könne ein Wandel im Gesundheitswesen geschehen.

Keinen Corona-Bonus, umstrittene Kompensation und Umkleidezeit

Im vergangenen Dezember musste der Zürcher Kantonsrat über zwei Anträge entscheiden. Beide forderten einen symbolischen «Corona-Bonus» mitunter fürs Gesundheitspersonal und beide fanden keine Mehrheit, wie die SP in einer Medienmitteilung schrieb. Dennoch wurde für das städtische Gesundheitspersonal eine Einmalzulage von 5 Millionen ins Budget 2021 aufgenommen.

Bis vor kurzem verlangte die Stadt Zürich, dass städtisches Personal, das in Quarantäne muss, diese durch Überstunden und Ferientage kompensiert. Diese Praxis stiess auf Unverständnis, die beiden Gemeinderatsmitglieder Natascha Wey (SP) und Marcel Bührig (Grüne) reichten eine schriftliche Anfrage beim Stadtrat ein. Mit Erfolg: Die Regelung soll sich wieder ändern.

Was ebenfalls für Unmut sorgt, ist die Umkleidezeit. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hielt 2019 in der Wegleitung zum Arbeitsgesetz fest, dass das Umkleiden vor und nach dem Dienst zur Arbeitszeit gehört. Diese Regelung ist längst noch nicht in allen Betrieben Realität. Der Zürcher Stadtrat hat am 13. Januar entschieden, dass die Umkleidezeit in städtischen Gesundheitsinstitutionen mit einer monatlichen Pauschale von 60 Franken vergütet wird. Dem VPOD ist das zu wenig. Umgerechnet seien mit diesen 60 Franken lediglich vier Minuten für das tägliche Umziehen bezahlt. Ein Hohn, gerade in Hinblick auf die momentanen aufwändigen Hygienemassnahmen.

Nach der Krise werden wir bestimmt gegen den Sparmodus von rechts kämpfen müssen.
Fiora Pedrina (VPOD)

Chancen sind nicht geschenkt

Fiora Pedrina sah die Lage im März 2020 auch als Chance. Ihre Hoffnung war, dass Zusammenhänge nachhaltig gesehen werden und die nötigen Konsequenzen seitens der Politik und Gesellschaft erfolgten. Ihre heutige Bilanz fällt gemischt aus.

Die Sensibilität sei höher als noch vor der Corona-Krise. Dies zeige sich in Zürich in Form von politischen Vorstössen und dass das Gesundheitspersonal weiter oben auf der politischen Agenda sei. Auch in den Medien sei die Thematik präsenter und die schweizweite Protestwoche «Gemeinsam mit dem Gesundheitspersonal» Ende Oktober stimmte positiv.

Klar sei aber, dass Chancen nicht geschenkt sind. Und es enorm wichtig sei, dran zu bleiben: «Politik und Gesellschaft befinden sich noch im Krisenmodus, Entscheidungen werden nach hinten verschoben und der Staat fürchtet um seine Geldreserven. Nach der Krise werden wir bestimmt gegen den Sparmodus von rechts kämpfen müssen.»


Menschen aus dem Gesundheitswesen erzählen

In der Interview-Serie «Held*innen erzählen» sprachen wir im März 2020 mit jungen Menschen aus dem Gesundheitswesen. Nun, fast ein Jahr später, haben wir erneut mit zwei von ihnen und einer Covid-Aushilfe gesprochen. Über ihren Arbeitsalltag und die Pandemie, ihren Lohn und die Covid-Impfung.

  1. Diplomierter Pflegefachmann: «Unsere Anliegen sind vermutlich zu unpopulär und teuer»
  2. Pflegeaushilfe: «Obwohl wir alles geben, gibt es neue Ansteckungen»
  3. Diplomierte Pflegefachfrau: «Ich bin ständig am Feuer löschen und renne von Patient zu Patientin»

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