Im Bermudadreieck: Wohnen hinter der «Nuttentüre»

Partygänger, Prostitution und Polizeisirenen. Mittendrin: der 25-jährige Marc Bender. Der Anwohner gibt ein Einblick ins Leben im Bermudadreieck, dem wohl kontroversesten Ort der Schweiz.
06. Januar 2018

Die Prostituierten schmeissen sich regelrecht an die Hälse der Männer. Zu Beginn des Abends mit wenig Erfolg, im Verlaufe des Abends und mit steigender Trunkenheit der Männer nimmt die Erfolgsquote jedoch zu. Seit bald drei Jahren wohne ich hier im Bermudadreieck. Unser Balkon ist das Herzstück der Wohnung. Denn sitzt man am Wochenende hier und bestaunt das stetige Treiben unten auf der Hohlstrasse, wird einem Spektakel geboten. Es fehlt nur noch Popcorn und es wäre wie im Kino.

Ein Blick hinunter zeigt, wieso man hier von Kino sprechen kann. Links auf der Leinwand ist das Restaurant «Biergarten» und das allseits bekannte Bermudadreieck zu sehen. Das Bermudadreieck beinhaltet das Hotel «Regina», das Restaurant «Sonne» und das «Chilli’s». Den Namen verdankt das Dreieck, weil Gäste dort gerne abstürzen, einem das Geld durch die Finger rinnt und man hier regelrecht verloren gehen kann. Ja, es ist laut! Deshalb werde ich oft gefragt, ob man durch die äusseren Umstände hier überhaupt schlafen kann: Man gewöhnt sich an den Lärm.

Um in meine Wohnung zu kommen, muss man durch die Ladenpassage zwischen Hohlstrasse und Brauerstrasse gehen. Der Durchgang wirkt neu. Er beinhaltet gleich mehrere Sexshops und am anderen Ende sind Prostituierte zu sehen. Zuerst öffnet man die Haustür und kurz danach die «Nuttentüre», wie sie bei uns in der WG genannt wird. Der Name entstand als wir hier eingezogen sind und die Prostituierten noch hier arbeiteten. Sie vermittelt uns Sicherheit, dass nicht jeder Freier oder Obdachlose bis zur Wohnungstüre vordringen kann. Es war schon mehrfach der Fall, dass Obdachlose morgens noch im Treppenhaus schliefen. Die Wohnung wirkt dann, entgegen der Erwartung der meisten, sehr geräumig und modern.

Durchgang zur Wohnung

Der Schreihals und die Bettlerin

Von unten sind vereinzelt Schreie zu hören. Ein Mann schreit nach seiner Mutter. Viel Verzweiflung liegt in der Stimme, als bräuchte er ihre Hilfe. «Schreihals» nennen wir ihn. Scheinbar haben ihn die Drogen in den Bann gezogen. Die Polizei hat ihn schon öfters mitgenommen, aber er treibt sich immer noch hier rum.

Eine weitere Person, die öfters für Unruhe sorgt, ist eine Bettlerin, die bekannt ist für den Spruch «Papi, bitte 20 Franke biiiitte!». Sie wartet meistens am Bankautomat und bearbeitet die Personen, die Geld abheben. Mein Mitbewohner Nick wollte ihr schon Münz geben, aber dies wollte sie nicht. In der Nacht sind vor allem diese zwei regelmässig zu hören, doch die Musik des Restaurants Sonne übertönt sie immer mal wieder. Auch in dieser Nacht sind die beiden wieder aktiv und drehen Runde um Runde an der Langstrasse. Die Polizei ist immer wieder zu sehen, aber der Schreihals und die Bettlerin scheinen an diesem Abend nicht ihr grösstes Problem zu sein.

Hinten zu sehen die «Nuttentüre»

Trunkenbolde und Partygänger

Die kontroverseste Strasse der Schweiz zeigt sich einmal mehr von ihrer besten Seite. Diese Strasse ist und bleibt dank des Multikultis und seinen Gegensätzen einzigartig. Während die einen bereits feiern, suchen andere noch verzweifelt einen Parkplatz. Die Autos stauen sich weit zurück. Am Freitag- oder Samstagabend einen Parkplatz zu finden, ist fast unmöglich. Mein Mitbewohner Nick hat auch schon eine halbe Stunde oder mehr damit verbracht.

Von unten sind wieder Schreie zu hören. Dieses Mal ist es nicht das Duo Infernale. Eine Pöbelei vor der Sonne ist im Gange. Zwei Gruppen geigen sich die Meinung, was sich jedoch relativ schnell wieder beruhigt. Das kommt hier öfters vor. Als wir frisch eingezogen waren, gingen wir öfters in den Ausgang als gewohnt. Die Lage ist einfach zu gut dafür. Es wurde fast schon zum Problem, aber mit der Zeit hat sich das wieder gelegt.

Ein kleiner Einkaufsbummel

Auch verhängnisvoll ist, wenn das letzte Bier aus dem Kühlschrank weg ist. Denn auch wenn es bereits nach Mitternacht ist, kommt man problemlos an mehr. Wir haben hier mehrere 24-Stunden Shops. Also machen wir uns auf den Weg zum «Pirolino». Während dessen kommt Thomas angelaufen, unser Hauseigener Security. Wir grüssen ihn. Er ist zuständig für die Ladenpassage, welche übrigens kein öffentlicher Durchgang ist.

Vor dem Pirolino stehen Prostituierte. Sie unterhalten sich, immer wieder kommt ein «Hey Schatzi», wenn Männer vorbeigehen. Es stehen regelmässig neue Frauen hier, doch die meisten kennen uns, deshalb werden wir fast nie angesprochen. Auf der anderen Strassenseite, hinter den vielen wartenden Taxis, steht der Biergarten. Ein Restaurant, das sehr feines «Gehacktes mit Hörnli» im Angebot hat. Dort gehen wir mehrmals wöchentlich Essen holen. Man hat hier alles, was man braucht, alles ist in der Nähe.

Obligatorisches Schiessen mit Folgen

Die Polizei dreht weiter ihre Runden. Durch die große Präsenz fühle ich mich zwar sicher, hatte jedoch auch schon Scherereien mit ihnen. Als mein Mitbewohner und ich vom obligatorischen Schießen des Militärs mit den Sturmgewehren nach Hause kamen, rief scheinbar jemand die Polizei. Als wir bemerkten, dass die Polizei wegen uns vor Ort war, gingen wir runter und wollten alles klären. Unten angekommen, wurden wir von etwa fünf Polizisten in Vollmontur und Gewehr im Anschlag in Empfang genommen. Nach kurzer Durchsuchung der Wohnung konnte die Sache dann schlussendlich geklärt werden.

Im Verlaufe einer Nacht sind im Bermudadreieck immer wieder Sirenen der Polizei zu hören. Doch es ist eigentlich sehr spannend und unterhaltsam. Hier wird einem nie langweilig. Trotz den von vielen geglaubten Nachteilen wie Lärm, Prostitution, Gewalt und Drogen bietet das Leben an der Langstrasse alles, was man braucht. Das Leben hier ist vielfältig und jeder Abend bietet ein neues Erlebnis.

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