Ich wollte im Quartier improvisieren und du weisst bestimmt, was dann geschah

Es wurde abgeräumt.
11. Juli 2017

Sharing Economy ist in aller Munde. Aber wehe, es entsteht ein informeller Ort ohne Bewilligung und vor allem ohne Economy. Dann wird das in Zürich natürlich nicht toleriert. Und eigentlich ist es auch egal, wer es abräumt. Es ist einfach so.

Zuhause habe ich einen grossen Stapel Bücher, den ich gerne los werden möchte. Das kommt daher, weil wir bald umziehen. Dabei möchte ich die Gunst der Stunde nutzen und Ballast loswerden. Auch habe ich es mir schlicht abgewöhnt, Bücher zu lesen.

Weil es vor allem Kunst- und Philosophie-Bücher sind, dachte ich mir, dass in meiner Facebook-Bubble bestimmt einige daran interessiert sein könnten. Also machte ich die Probe aufs Exempel und teilte eine erste Auswahl in Form von Fotos bei mir auf Facebook.

Meine Bücher-Verschenk-Aktion war ein durchschlagender Erfolg. Die meisten Bücher fanden umgehend eine*n Abnehmer*in. Das Ganze hat jedoch einen grossen Haken. Und zwar weniger der, dass ich teils wildfremden Menschen meine private Adresse angebe. Sondern, dass sich das ganze hinzieht. Auch ein Monat später sind noch lange nicht alle Bücher abgeholt worden – was jedoch nicht nur an denjenigen liegt, die sich zeit lassen, die Bücher abzuholen. Auch ich handle nicht umgehend, wenn mal jemand nicht auf meine Nachricht reagiert, dass das Buch nun in meinem Milchkasten liegt.

Als ich bei einem Kafi im Bonheur jemandem mein (zugegeben sehr bescheidenes Firstworld-)Leid klagte, sagte die Person, dass sie schon länger die Idee habe, in der selten genutzten Telefonkabine am Bullingerplatz eine kleine Bücher-Tausch-Ecke einzurichten. Das fand ich eine grossartige Idee, sodass ich sie umgehend aufgriff und eine solche installierte.

Und wieder postete ich auf Facebook, welche Bücher ich dort deponiert.

Ob beruflich oder privat, ich mag den Ansatz des «Learning by doing». So habe ich mir schon viel beigebracht und auch viel über die Gesellschaft und über mich erfahren. Deshalb fragte ich auch niemanden und machte einfach.

Umso wichtiger wars mir, dass die kleine Büchertauschecke möglichst keinen Anlass zu Reklamationen gab. Sprich: Ich besuchte sie einmal pro Tag und machte Ordnung. Das viel mir insofern leicht, weil ich total neugierig war, welche Bücher gefragt waren und welche liegen blieben.

Der Hintergrund war aber nach wie vor, dass ich meine Bücher los wurde. Deshalb postete ich jede neue Lieferung bei mir auf Facebook.

Das ging im Ganzen gerade mal drei Tage gut. Dann kam die Ernüchterung.

Enttäuscht fragte ich auf Twitter bei der Swisscom nach, ob sie die Bücher-Ecke weggeräumt haben.

Fazit: Egal wie gesittet und gut organisiert etwas umgenutzt wird – es stört! Und, wie wir schon lange wissen: Erlaubt ist in Zürich nur, was nicht stört.

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