Ich will versuchen, weniger Stadtzürcher zu sein

Er ist im Herzen der Stadt Zürich geboren und aufgewachsen. Auf seiner Webseite stellte er sich seit jeher und zuallererst als «Stadtzürcher» vor. Unangenehm ist das Redaktor Marco Büsch aber erst seit Kurzem.
03. November 2018

Es erfüllt mich mit Stolz, um den Idaplatz herum geboren und aufgewachsen zu sein. Auch wenn ich nichts dafür kann. Lange habe ich diesen Stolz nicht als Problem empfunden. Denn in meinem urbanen, weltoffenen Umfeld verspüren viele denselben. Als moderne*r Stadtzürcher*in ist man selbstverständlich gegen den grassierenden Nationalismus. Mit der Kuhglocke schwenken, die Nationalhymne aus vollem Herzen mitgröhlen und am 1. August die Schweizer Fahne raushängen: Das ist ländlich, kleinkariert und natürlich abzulehnen.

Gleichzeitig äfft man Leute nach, die nach Jahren in Zürich noch immer st.gallern, und lacht darüber, wenn jemand nicht gleich weiss, was die «Fabrik» oder das «Dörfli» ist. Und vor allem: Man nervt sich ab den vielen Zugezogenen. Man ist fast versucht zu sagen, das Boot sei voll. Doch das gehört sich nicht als moderne*r Stadtzürcher*in. Man kann ja nicht freie Routen übers Mittelmeer propagieren und im gleichen Atemzug den Landeiern rundherum den Platz in «unserer Stadt» verwehren wollen. In dieser Ecke will man ja auf keinen Fall stehen.

Freut euch ob der Beliebtheit eurer Stadt

Der Zufall will es, dass ich in der Stadt Zürich geboren wurde. Wieso aber sollte mir dies das Recht geben, auf dem hohen Ross zu sitzen und auf die Zugezogenen hinabzublicken? Es ist nicht die Schuld der Zugezogenen, dass unsere Stadt so geil ist und ihr Geburtsort nicht. Anstatt uns darüber zu freuen, dass jemand unsere Stadt so supermega findet – und dafür gar zu Hause alles aufgibt – regen wir uns lieber über den*diejenige*n auf.

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Als würde er*sie uns etwas wegnehmen – Wohnraum, den Platz im Tram, die Sonne im Kafi. Vielleicht ist diese Angst auch berechtigt, wer weiss. Aber diese Argumentationslinie führt immer in Gefilde, in denen man sich als «Gutmensch» ungern bewegt: Ist es denn ein naturgegebenes Recht eines*r Stadtzürcher*in, auf ewigs in Zürich wohnen zu dürfen? Sollte im Umkehrschluss jeder Mensch also dort wohnen bleiben, wo er geboren wurde? Aber wer sind wir, den Menschen vorzugeben, wo sie zu wohnen haben?

Gerne würde ich schreiben, dass ich Leute nicht verstehe, welche den Zufall hochjubeln, in Zürich geboren zu sein. Aber ich bin einer von ihnen. Ich bin durch und durch links aufgewachsen. Bei der Gleichstellung von Mann und Frau bin ich voll dabei; das Brot dieser Welt ist ungleich verteilt und gehört gerechter verteilt; Flüchtende sollten aufgenommen werden und dürfen nicht im Mittelmeer ertrinken. Trotzdem habe ich jahrelang auf meiner Website stehen gehabt, dass ich Stadtzürcher bin. Und zwar vor allem anderen. Meine Arbeit bei Tsüri.ch, meine sonstigen Tätigkeiten, mein Studium, alles andere schien nicht so wichtig, als dass ich Stadtzürcher bin.

Die Zufälligkeit der Grenze

Auch jetzt noch: Jedes Mal wenn jemand schreibt, bei Tsüri.ch würden nur Zugezogene schreiben und arbeiten, heule ich auf. «Ha, wie falsch die doch liegen, ich bin doch Stadtzürcher!», denke und sage ich dann. Ich bin der Fels in der Brandung! Als wäre es wichtig. Ich begebe mich auf dieselbe Ebene wie all die Nationalist*innen, welche sich Weissnichtwas auf die zufälligen Grenzen dieser Welt einbilden. Dabei sollte ich es doch besser wissen. Rational weiss ich, dass Stadtzürcher*in zu sein nichts Besonderes ist, dennoch ist dieser falsche Stolz wie ein antrainierter Reflex.

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Der Mensch ist ein komplexes Wesen voller Widersprüche. Das ist ein Fakt. Aber das ist noch lange kein Freifahrtsschein, die eigenen Ansichten und Verhaltensweisen nicht ständig reflektieren zu müssen. So auch mein falscher Stolz darauf, Stadtzürcher zu sein. Natürlich ist es Teil von mir. Aber ich kann nichts dafür – im Gegenteil: Ich mache nicht mal viel dafür.

Ich musste niemandem beweisen, dass ich zur Stadt gehöre

Während wahrscheinlich viele Zugezogene in panischer Angst, als solche erkannt zu werden, die ganze Stadt in sich aufsaugen und versuchen, jeden neuen Laden und jede Ecke zu verinnerlichen, wusste ich als Stadtzürcher mein halbes Leben kaum etwas über die In-Lokale dieser Stadt. Ich musste sie nicht kennen, denn ich musste nie jemandem beweisen, dass ich dazugehöre, zu dieser Stadt. Das hat meine Geburt für mich erledigt. Es ist einfach, sich auf Lorbeeren auszuruhen, für die man nichts tun muss und selbst am wenigsten kann. Aber als aufgeklärter Mensch, der ich sein will, kann das nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

In Zukunft werde ich versuchen, weniger stolz darauf zu sein, woher ich bin und mehr darauf, was ich leiste und geleistet habe. Und ich rufe alle Stadtkinder auf, es mir gleich zu tun! Für Zuzüger*innen mag das wahrscheinlich banal klingen, denn diesen Gedankengang haben sie uns wohl schon voraus. Ich mag Zürich zwar sehr und freue mich darüber, hier wohnen zu dürfen. Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass ich Jahre im Irrglauben gelebt habe, gebürtiger Stadtzürcher zu sein sei etwas Besonderes. Ein wenig Demut würde mir also gut tun. Ich will also versuchen, weniger Stadtzürcher zu sein. Denn es macht mich zu keinem besseren Menschen – im Gegenteil.

Titelbild: Timothy Endut

Redaktor

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