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Bild: Diana*

Tabu-Serie: «Ich will meine Hormone regulieren, nicht schlucken»

Jahrelang nahm Diana* in Form der Antibabypille Hormone zu sich. Damit ist jetzt Schluss. Die heute 23-Jährige spricht mit Tsüri.ch offen über die negativen Auswirkungen der Pille auf Körper und Psyche.
16. September 2020
Praktikantin Redaktion

Unsere Gesellschaft kennt viele Tabus, wenn es um das Thema Gesundheit geht. In der Tabu-Serie porträtieren wir Menschen, die sonst nicht oft zu Wort kommen.


«Ich würde die Pille nie wieder nehmen», meint Diana entschlossen. Es ist ein sonniger Freitagnachmittag in einem Café in der Nähe vom Paradeplatz. Die Brünette beginnt zu erzählen: «Mit 14 ging ich aufgrund von Hautproblemen zur Frauenärztin; ich hatte Akne. Sie schlug mir damals die Pille als Lösung vor, ohne mich über die Nebenwirkungen zu informieren. Es hiess nur: ‹Die Pille macht deine Haut schöner und vielleicht die Brüste ein wenig grösser.›»

Ich war jung und eitel und meiner Haut wegen ziemlich verzweifelt.

Diana fing an, die Pille zu nehmen. Ihre Familie wusste zwar Bescheid, aber zu diesem Zeitpunkt war sich niemand den Risiken und Nebenwirkungen wirklich bewusst.

Alles ist egal

Die Pille hinterliess jedoch ihre Spuren: Diana, die sonst eine zierliche Figur hatte, legte in den ersten paar Monaten sieben Kilo zu. Sie merkte schnell, dass ihr die Pille auch auf die Psyche schlug. «Ich wurde apathisch, vieles war mir auf einmal einfach egal». Mit ihrer Frauenärztin redete Diana über die Beschwerden, diese meinte jedoch nur, sie solle sich das Ganze nicht so zu Herzen nehmen und würde es sich vielleicht einbilden? Immerhin höre man so viel schlechtes über die Pille und sie wolle ja nicht schwanger werden.

Die Hormone stehen Kopf

Auch als Diana von der Pille auf den Nuvaring wechselte, blieben die psychischen Probleme. Mit 21 entschloss sie sich dann dazu, nicht mehr hormonell zu verhüten. Die Hormone spielten von nun an verrückt: «Mir war in den ersten zwei Wochen ständig übel.» Diana verlor an Gewicht, ihre Dusche gewann an Haarbüscheln und auch die Akne liess sich wieder blicken. Diana war ständig zum Heulen zumute. Es war, als hätte sich die fehlende Emotionalität der letzten Jahre bei ihr angestaut. «Es ist nur eine Phase», versuchte sich Diana zu beruhigen.

Fehldiagnose PCO

Als nach fünf Monaten ihre Tage immer noch ausblieben, fing sie an, sich Sorgen zu machen. Damals noch im Ausland machte sie bei einem Arzt einen Ultraschall und bekam von ihm die schwammige Diagnose PCO (auf Deutsch: Polyzystisches Ovar-Syndrom). Er war sich der Diagnose dieser schwerwiegenden hormonellen Erkrankung jedoch nicht sicher und liess Diana mit dieser Information stehen. Sie suchte ihre Antworten demzufolge im Internet und bekam es mit der Angst zu tun, als die Suchmaschine Folgeerscheinungen wie Unfruchtbarkeit oder Uteruskrebs ausspuckte. Im Gespräch mit engen Freundinnen bezüglich PCO meinten diese: «Oh mein Gott, diese Diagnose habe ich auch von meinem Arzt bekommen, als ich die Pille abgesetzt hatte!»

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Diana war bezüglich der Diagnose skeptisch und setzte sich deshalb mit einer Expertin zusammen. Diese machte sie auf das sogenannte Post-Pill PCO aufmerksam; das sind Hormonstörungen, die als Folge der Pillenabsetzung auftreten können und dafür sorgen, dass die Monatsblutung nicht eintritt. Im Gegensatz zum herkömmlichen PCO, ist das Post-Pill nur temporär. Es könne jedoch Jahre gehen, bis sich der Hormonhaushalt wieder reguliere, meinte die Ärztin. Diana wurde eine Zukunft voller Hormontherapien prophezeit – wenn sie Kinder haben wolle, könne man ja den Eisprung einfach auslösen. Das kam für sie nicht in Frage: «Ich wollte mich wieder normal fühlen und einen regelmässigen Zyklus haben.» Dianas Umfeld – ihre Familie und ihr Mann – unterstützten sie während dieser Zeit. Diana wurde bewusst, wie wichtig es war, als Frau gewisse Hormone produzieren zu können, um gesund zu bleiben.

Der natürliche Weg zum Zyklus

Diana beschloss, den natürlichen Weg zu gehen: Sie beschäftigte sich ausführlich mit dem Thema Ernährung und nahm Supplemente wie Zink oder Magnesium zu sich, um ihren Zyklus zu unterstützen. Begleitend dazu ging sie in die Akupunktur und Reflexologie und durch Yoga und Meditation entwickelte sie ein neues Körperbewusstsein. Sie fühlte sich nun emotional ausgeglichener. Ihre braunen Haare fingen wieder an zu wachsen und auch ihre Haut klärte sich. Mithilfe der Messung der Basaltemperatur behielt sie ihren Zyklus stets im Auge. Wo für neun Monate die Tage ausblieben, entwickelte sich mit der Zeit ein Zyklus von 80 Tagen, bis Diana nach etwa 14 Monaten wieder eine regelmässige Monatsblutung hatte. Was für ein Erfolgserlebnis!

Ich war sehr stolz auf meinen Körper!

Gleichzeitig war Diana aber auch wütend auf sich selbst, die Bedürfnisse ihres Körpers so lange unterdrückt zu haben. «Im Nachhinein frage ich mich, ob ich meine Jugend anders erlebt hätte, wenn ich die Pille nicht genommen hätte», sagt Diana nachdenklich. Ihre Teenager-Zeit sei nicht schlecht gewesen, sie hatte sie jedoch nie mit ihren eigenen, natürlichen Hormonen und damit Emotionen erlebt. «Vielleicht hätte ich gewisse Erlebnisse anders wahrgenommen oder wäre ein total anderer Mensch ohne die Pille.»

Mehr Wissen bitte

Was würde Diana anderen jungen Frauen raten, welche die Pille nehmen wollen? Ihrer Meinung nach sollte sich jede Frau ausgiebig mit ihrem Körper auseinandersetzen und genau über den eigenen Zyklus Bescheid wissen. Diana ist sich bewusst, dass nicht alle Frauen Probleme mit der Pille haben. Jedoch sei es die Pflicht der Ärzt*innen, Frauen über die Konsequenzen der Pille zu informieren; dass man dann zum Beispiel keinen Eisprung mehr habe oder dass man kein eigenes Östrogen und Progesteron mehr produziere. «Ich wünsche mir mehr Wissen für junge Frauen, was ihnen unter anderem auch in der Schule vermittelt werden soll.» Mit den nötigen Informationen kann dann jede Frau die Entscheidung treffen, die für sie stimmt.

Mit Tabu-Themen aufräumen

Die Themen Menstruation oder auch Verhütung wurden Dianas Meinung nach zu Tabu-Themen in der Gesellschaft, da es vorher nicht in diesem Ausmass aufgegriffen wurde und man jetzt nicht weiss, wie damit umgehen. Schon in den Glaubenssätzen von (männlichen) Wissenschaftlern der Antike ist verankert, dass menstruierende Frauen unrein seien und das Menstruationsblut gar giftig. Was heute als Mythos oder Aberglaube gilt, führte in den Zeiten unserer Grossmütter dazu, dass sie zum Beispiel aus gesellschaftlichen Zusammenkünften ausgeschlossen wurden. Dass die Periode der Frau kein Tabu-Thema mehr in der Gesellschaft sein soll, dazu sprechen sich schon verschiedenste Autor*innen aus, so zum Beispiel Franka Frei, die in ihrem Buch «Periode ist politisch» ein Manifest gegen das Menstruationstabu schreibt.

Die Antibabypille, welche am 18. August 1960 in den USA in den Handel kam, gab den Frauen sexuelle Freiheit; sie hatten es in der Hand, ob sie schwanger werden wollten oder eben nicht – ein revolutionärer Schritt Richtung Emanzipation. Das Gesundheitsobservatorium Obsan gab in seinem Schweizerischen Verhütungsbericht vom 2017 an, dass 2012 rund 20 Prozent der Frauen in der Schweiz mit Hormonen verhüteten. Ein Abwärtstrend in der hormonellen Verhütung war bei 25 bis 29-jährigen Frauen erkennbar. «Unsere Generation beschäftigt sich nun vermehrt mit den negativen Konsequenzen der Pille und nimmt sie nicht einfach hin», meint Diana. Diesen Generationenwechsel bemerkt die 23-Jährige schon im Vergleich zu ihrer Mutter. Von der Männerwelt wünscht sich Diana mehr Verständnis, was die Pille einer Frau physisch und psychisch antun kann und dass man gemeinsam nach alternativen Verhütungsmöglichkeiten sucht.«Mein Mann stand diesbezüglich hinter mir», betont sie.

Von der Pilleneinnahme zur Absetzung bis hin zu einem regelmässigen Zyklus war es für Diana ein langer Weg, bei dem sie lernen musste, auf ihren Körper zu hören. Das wird sie auch in Zukunft tun, denn sie trägt ein süsses Geheimnis mit sich rum: «Ich bin schwanger!», erzählt sie freudestrahlend.

*Name von der Redaktion geändert

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