Von Nico Roos

Computerflüsterer

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1. Mai 2022 um 08:00

Brunchgeschichten: Ich weiss, was du letzten Sommer auf deinem Balkon gemacht hast

Unser Computerflüsterer Nico verbringt viel Zeit im Internet. Meistens auf Webseiten mit komischen Zeichen, die er angeblich fürs Programmieren braucht. Ab und zu findet man ihn auch auf Sozialen Medien – und da ist er immer wieder verblüfft, wie viel Menschen unfreiwillig über sich selbst preisgeben.

Illustration: Zana Selimi

Als Computerflüsterer tu ich mich mit allen Sozialen Medien schwer. Facebook ist einfach nur böse, auf Instagram wollen dir alle irgendwelchen unnötigen Mist verkaufen, auf TikTok werden aus fünf Minuten «Oh verdammt! In zwei Stunden muss ich ja schon wieder aufstehen» und auf Reddit landet man unweigerlich in einem «Rabbit Hole». Aber wie meine Arbeitskollegin Sofie habe auch ich Fomo und kann mich nicht komplett abwenden. 

Dafür mache ich es mir extra schwer. Auf meinem Handy habe ich keine einzige App für Soziale Medien installiert. Meine Mitarbeitenden lachen mich immer wieder aus, wenn ich auf meinem Laptop die Stories von den zehn Instagram-Nutzer:innen anschaue, denen ich folge. Aber das hier soll keine Tirade gegen Internetsucht und Doomscrolling werden, sondern die Einleitung für die Beichte meines Lasters. Twitter. Ich verbringe viel zu viel Zeit auf Twitter und habe dafür auch einige Entschuldigungen auf Lager, wenn ich darauf angesprochen werde: Ich folge vielen Journalist:innen und bekomme so die News direkt mit. Oder: Ich arbeite in der Medienbranche und da muss man immer auf dem neusten Stand sein. Aber das sind eigentlich alles nur Ausreden.

Was ich auf Twitter am liebsten mache, sind kleine Scharmützel mit anderen Nutzer:innen zu treiben. Diese beginne ich meist nicht selbst, sondern starten mit einer Reaktion auf einen Tweet an die Zürcher Stadtpolizei oder einem Kommentar über eine gröbst misslungene SRF Arena. Bisher hatte ich das Glück, von Gewaltandrohungen und anderen Widerlichkeiten verschont zu bleiben, aber in den Kommentaren finden sich doch häufig Aussagen, welche die jeweilige Person mir höchstwahrscheinlich nicht ins Gesicht sagen würde. Kleiner Einschub: Haben du oder deine Mitmenschen im Internet Drohungen oder ungefragt Dickpics bekommen, dann empfehle ich dir von Herzen den Verein Netzcourage. Die helfen dir bei Problemen und freuen sich über jede Mitgliedschaft. 

Aber mich nimmt es immer wunder: Wer ist denn diese Person? Und finde ich mit meinen «Hacker»-Fähigkeiten raus, wer es ist? Unter Softwareentwickler:innen gibt es den alten Witz, dass wir immer wieder für unser immenses Wissen und Können gelobt werden, wir aber eigentlich bloss gut googlen können. Wie so oft steckt auch in diesem Witz ein Fünkchen Wahrheit und genau dieses Wissen – wie man Google richtig verwendet – meine ich, wenn ich von «Hacken» rede. 

«Die gefundene Handynummer speicherte ich in meinen Kontakten und kurze Zeit später lächelt mir auf seinem Whatsapp-Profilbild ein vergnügter Herr entgegen.»

Bei meinem jüngsten Twitter-Geplänkel habe ich meiner Neugier nachgegeben und mich auf die Suche gemacht. Jemand der auf einen Tweet von mir reagierte, hatte einen Username, der wie ein gängiger Schweizer Nachname mit extra Buchstaben klang. In seinem letzten Tweet an mich hatte die Person wohl die Standortbestimmung auf dem Handy nicht deaktiviert und unter der Nachricht stand «Hinter-Kaffigen, Aargau, Schweiz». Eine Googlesuche mit dem Namen und dem Dorf lieferte einige passende Kandidat:innen, aber noch keinen eindeutigen Treffer. 

Auf Twitter folgten der gesuchten Person aber auch einige Nutzer:innen mit Klarnamen und eine Suche mit diesen Namen ergab nach kurzer Zeit einen Moneyhouse-Eintrag. Moneyhouse publiziert Einträge aus dem Schweizer Handelsregister. Wenn Unternehmer:innen ein neues Geschäft gründen, wird diese Information mit den Namen im Internet publiziert.

Bitte seid vorsichtig, was ihr im Netz preisgibt

Nun hatte ich auch den Vornamen. Ein erneute Suche auf Google lieferte mir das Benutzer:innenprofil auf einer Schweizer Online-Auktionsplattform, das eine Wohnadresse und eine Handynummer beinhaltete. Auf dem Profil wurden Gartensitzmöbel zum Verkauf angeboten, die auf einem Balkon fotografiert worden sind, der mir verdächtig bekannt vorkam. Besagte Twitternutzer:in hatte nämlich denselben Balkon als Profilbild. Die gefundene Handynummer speicherte ich in meinen Kontakten und kurze Zeit später lächelt mir auf seinem Whatsapp-Profilbild ein vergnügter Herr entgegen.

An diese Informationen ranzukommen hat mich keine 20 Minuten gekostet und wären in den falschen Händen sehr gefährlich. Auch ich bin täglich im Internet unterwegs, gebe auf unzähligen Webseiten aber so wenige Information wie nur möglich preis und klicke mich durch etliche Cookie-Akzeptier-Banners mühsam zum «alle Cookies ablehnen»-Knopf. Aber es lohnt sich. Bitte seid vorsichtig, was ihr im Netz preisgibt. Es ist beängstigend oft viel zu einfach, an eure schützenswerten Daten zu kommen.


Brunchgeschichten

Das Wochenende bietet meistens viel Gesprächsstoff für den Sonntagmorgen. Wir wollen dich an unseren bescheidenen Erlebnissen teilhaben lassen. Simon, Elio, Ladina, Alice, Isa, Nico, Steffen, Seraina, Rahel, Jonas, Sofie, Emilio und Lara erzählen dir jeden Sonntag abwechselnd eine Geschichte aus deiner Lieblingsstadt, die sich bestens beim gemütlichen Brunch besprechen lässt – sollten euch dabei mal die Themen ausgehen.

1. Warum ich abhaue, ohne Tschüss zu sagen

2. Weshalb zu einer Stadt Lärm gehört

3. Warum Tattoos keinen Sinn machen müssen

4. Warum wir seltener in den Club gehen sollten

5. Warum ich meinen Geburtstag so mag

6. Weshalb wir alles andere als wild sind

7. Warum wir öfters Langweiler:innen sein sollten

8. Weshalb ich nicht in meiner Bubble bleiben will

9. Warum eigentlich Berlin?

10. Warum ich keine Flohmis mag

11. Weshalb wir über unsere Körper sprechen sollten

12. Warum ich wieder mehr Ankerbier statt Naturwein trinken will oder «Auch ich werde älter!»

13. Warum ich fast immer zu Fuss gehe

14. Warum ich mein Sternzeichen nicht kenne

15. Weshalb der Dezember ohne Weihnachten nur ein zweiter Januar wäre

16. Mit der Deutschen Bahn von Zürich nach Berlin – ein 12-stündiges Abenteuer

17. Wieso ich Brunch blöd finde

18. NZZ & FDP gegen den Rest

19. Fomo? Jomo!

20. Endlich eine Bachelorette

21. Warum ich mich am Hobby meiner Freund:innen störe

22. Der Konsumkritik zum Trotz oder weshalb ich Geschenke mag

23. Wieso Langlaufen mehr als nur ein Boomer-Sport ist

24. Der brennende Tannenbaum auf dem Bullingerplatz – und was ich (nicht) damit zu tun habe

25. Warum Sex für viele Zürcher:innen ein Tabuthema bleibt

26. Warum ich die «Generation Z» bewundere

27. Warum ich nicht (nur) im Jetzt leben will

28. Warum ich trotz Massnahmenlockerungen Spielverderber bin

29. Weshalb männliche E-Mountainbiker toxisch sind

30. Oh Hardbrücke, du schönste unter den hässlichsten Brücken!

31. Weshalb Aufbruch auch schmerzvoll sein kann

32. Zwei Coaches wollen Frauen helfen ihre «Problemzonen in den Griff zu kriegen» – weshalb das nicht ok ist

33. Wieso wir Exfreund:innen nicht aus unserem Leben streichen sollten

34. 5 Gründe, warum das Leben Ü30 besser ist

35. Warum die Bravo kein Bravo bekommt

36. Warum Serien und ich kein Match sind

37. Wie mir eine Party die Skiferien versaute