Ich war an einem Sextoy-Workshop und habe mir einen Buttplug gebastelt

In der Raumstation lud das Ckster-Kollektiv dazu ein, Geschlechternormen zu hinterfragen. Im praktischsten Workshop des Wochenendes konnte man sein eigenes Sextoy entwickeln und giessen.
02. November 2017

Hacking ist eine Lebenseinstellung. Es geht darum, Strukturen zu erkennen, zu analysieren und mit möglichst grosser Wirkung zu unterlaufen. Alltagsjudo, eigentlich. Geschlecht ist so eine Sammlung an Codes, die man unterlaufen oder zumindest hinterfragen kann.

Das ist die Haltung vom Kollektiv Ckster, die sich an ihren Hackingfestivals in Bern mit untypischen Hacker-Themen auseinandersetzen. Letztes Wochenende boten sie in der Raumstation in Wiedikon einen Mini-Einblick für die Zürcher*innen zum Thema Gender. Am Samstag befasste man sich mit giftigen Pilzkulturen, die sich von ebenso giftigen Plastikpartikeln ernähren. Am Sonntag wurde es praktischer: Ein Do It Yourself-Workshop für Sextoys. Tsüri-Redaktor Benjamin von Wyl war dabei.

«Du bist heute Teil einer Minderheit!» begrüsst mich Adrian von Ckster. Diese Minderheit heisst Mann*. Etwa 15 Teilnehmer*innen sind in der Raumstation zusammengekommen. Julia von Ckster schart uns alle um den zentralen Tisch. Darauf sind Alltagsobjekte. Am aggressivsten: ein Wienerli. Am gefährlichsten: Nicht der Ast! Nein, der Würfel – der könnte leicht verloren gehen. Wir Teilnehmer*innen sprechen unsere Assoziationen aus. Die Zahnbürste haben viele sehr jung für sich entdeckt. Die Aubergine steht als Emoticon für «Schwanz», da hab ich als Emoticon-Analphabet was gelernt.

Der Ast tut weh, aber die Holzstruktur fühlt sich gut an. Der Apfel – klar: Gottes Entschuldigung, uns aus dem Paradies zu schmeissen. Aber auch: Der leidenschaftliche Biss. Als Julia die Schraube in den Apfel drückt (screwing – you know?), zucken wir alle kurz zusammen. Der Würfel steht symbolisch für «das Spiel», physisch anwenden sollte man ihn nicht. Das Ausprobierspiel mit dem, was sich gut anfühlt. Aber auch: Das Spiel damit, was sich gehört, was die Norm ist. Irgendwo im Raum liegt ein «kontrasexuelles Manifest», denn Dildos, Cockrings und Buttplugs können für Gruppenaktivitäten verwendet werden, aber sie können auch eine Brücke sein, um Selbstbefriedigung zu gestalten, geniessen, als wertvolle Wellness-Zeit verstehen.

Insgesamt sitzen wir nur eine halbe Stunde um die Gegenstände. Aber der Austausch löst etwas aus: Ich habe noch nie eine Gruppe Erwachsener erlebt, die an einem Bastelnachmittag so viel kindliche Begeisterung und so viel Scham clashen lassen.

Danach werden wir ganz praktisch durch die Stationen unseres Bastelnachmittags geführt. Erst müssen wir die gewünschten Objekte aus Ton kneten, dann ein Negativ aus Alginat giessen. Alginat ist das, was uns Zahnärzt*innen für Abdrücke unseres Gebisses in den Mund giessen. Alginat habe ich lange vergessen, aber es ist bei mir eng mit Kotzreiz verbunden. Etwa so sehr wie Tequila, aber an Tequila denk ich trotzdem häufiger. Ist das Alginat-Negativ fertig und mit Gaffa abgedichtet, sollen wir das Silikon einfüllen. «Alginat ist kalt, dünnflüssig, aber trocknet schnell. Silikon ist das Gegenteil; es ist so warm, zähflüssig und trocknet lange nicht», wird Adrian ein paar Stunden später sagen. Nicht ohne Freude und nicht ohne klebrige Silikonflecken im Gesicht.

Unser Genderhacking-Nachmittag ist sehr, sehr praktisch. Die Hände fahren durch den Ton. Es gibt die klassischen Formen: Dildos, manche verziert. Einen davon nenne ich instinktiv «Bauhausstyle». Zwei Männer* formen Cockrings. Was will ich eigentlich? Was soll es denn sein? Die Frage muss ich für mich selbst beantworten. «Ihr solltet am besten wissen, was ihr wollt. Und wenn nicht, ist jetzt der Moment, sich darüber Gedanken zu machen!» hat uns Julia gesagt. Ich solle mich einfach leiten lassen, aber ich muss ja trotzdem eine konkrete Anwendung im Kopf haben. Ok, das wird nix. Ich presse es wieder zum Klumpen. Zweiter Anlauf: Buttplug. Den Arsch vernachlässige ich bei der Selbstbefriedigung, obwohl ich weiss, wie sehr ich das mag. Wie dick ist so ein Normalsterblichen-Buttplug? Und wird der nicht reissen?

Ein Teilnehmer beruhigt mich. Er erzählt vom Buttplug, den er bei einem Ckster-Workshop in Bern hergestellt hat. Er hat daran mit aller Kraft gezogen, ihn auf einen halben Meter gedehnt. Er ist nicht kaputt gegangen. Benutzt hat er ihn aber noch nie. Why? Egal. Kneten, kneten. Ich konzentriere mich. Ausdruckskneten. Und schön sein soll er ja auch. Nicht geometrisch, aber irgendwie ansprechend. Dann der Abguss in Alginat. Alle geben sich Mühe, denn so bald bekommen wir die Chance für unser very own sextoy ja nicht mehr. Es soll was werden. Es geht um was.

Fail. Die Öffnung in meinem Alginat-Abguss war zu schmal. Der Abguss hat sich nur zur Hälfte mit Silikon gefüllt; meinem Buttplug fehlt der Teil, der aussen bleiben sollte. Und somit ist er sehr gefährlich. Er könnte verlorengehen.

Alle präsentieren ihre Werke; meins pack ich in die Tasche. Von der «Landschaft» sind alle am meisten beeindruckt. Das ist eine Art Yogamatte für sinnliche Erfahrung. Es fühlt sich gut an mit den Händen, über die kleinen und grösseren Erhebungen zu fahren. Während wir alle auf die bestellte Pizza warten, entwickeln sich konkrete und prinzipielle Gespräche. Links von mir fragt eine Teilnehmerin einen Teilnehmer: «Aaaaah! Du hast das gemacht, um es für dich alleine zu verwenden? Nicht nur mit jemandem zusammen?» Intellektueller tönt es an meinem rechten Ohr: «Es sind am Ende grösstenteils phallische Formen entstanden, aber die Frauen* können sich die Phallus-Form auf diese Art selbstbestimmt aneignen.» Viele Gedanken, die während dem Kneten in jedem wuchsen, werden jetzt ausgesprochen. Wir verlassen an diesem Sonntag nicht kollektiv und feierlich die (Hetero?)Normen, die uns noch immer jeden Tag prägen. Aber: Wir haben intensiv nachgedacht. Und unsere selbstgemachten Sextoys werden uns an diese Gedanken erinnern. Aber meins werd ich nicht gebrauchen können, wenn ich nicht notfallmässig ins Spital will!

Als ich die Hoffnung schon aufgegeben habe, nimmt mich jemand von Ckster an der Hand: «Komm, das giessen wir nochmals!» Da wächst sie wieder in mir, die kindliche Freude vom Kneten. Zuhause probier ich meine Buttplug-Blüte gleich aus. Sie bereitet Schmerzen, ja. Aber diese Schmerzen sind auch sehr, sehr interessant.

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