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Ich habe Sehnsucht nach Zürich

01. September 2016

In unserer Städtereihe erzählen ehemalige Zürcher, was sie an ihrer Heimatstadt vermissen oder eigentlich ganz gerne missen. Julia Meier wohnte für ein Jahre in Hongkong und erzählt von ihrer Sehnsucht nach Zürich.

Um es schon mal vorwegzunehmen: Ich bin Wahlzürcherin, aber das von ganzem Herzen. Als ich an der Maturafeier der abgedroschenen, aber dennoch inspirierenden Rede «Ihr seid die Zukunft, alle Türen sind offen!!» lauschte, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wohin es mit meinem Leben gehen soll – ausser, dass ich nach Zürich wollte. Ich wollte gross, hektisch, anonym, laut, bunt, schlaflos werden. Bis dahin war das kleine Ruswil im Luzernischen mein Zuhause, wo man sich noch auf der Strasse grüsst, das Getratsche beim Coiffeur die neusten Geschichten schneller verbreitet als Facebook und mehr Schweine als Einwohner hat. Dort durfte ich meine Kindheit mit Garten und eine Jugend nach Pferdemist stinkend erleben, was ganz wundervoll war. Trotzdem wollte ich ausbrechen und Zürich war das Grösste, was die Schweiz zu bieten hat.

Der Anfang in Zürich verlief in etwa so, wie man sich das vorstellt, wenn ein Landei in der Stadt an der Limmat versucht, Fuss zu fassen. Irgendwann hatte ich zwar den Dreh raus, wie man vom HB zur Uni kommt, aber als mich Freunde einmal am Bellevue verabschiedeten, folgte eine kleine Panikattacke. Meine besorgten Verwandten schlugen mir einen Selbstverteidigungskurs für Frauen vor, weil Zürich ja so gefährlich sei, und den ersten Besuch an der Langstrasse brachen wir frühzeitig mit der hektischen Suche nach einem Taxi ab, denn so ganz wohl fühlten wir uns dann doch nicht in unserer Haut. Als ich endlich ein Zimmer in einer Gross-WG im Seefeld gefunden hatte – in Zürich ja wirklich nicht gerade einfach –  endete meine erste Entdeckungstour mit innerlichen Schreikrämpfen, als ich für drei Dezi Cola 6.50 CHF hinblättern musste. Danach erklärten mir die zwei Jungs im oberen Stock, dass das Seefeld «voll uncool» sei und sie den Kreis Vier viel toller fänden, und ich nickte nur, denn ich hatte keinen Schimmer, wovon sie sprachen. Ich verschlief die meisten WG-Partys, fühlte mich oft fehl am Platz und konnte selten mitreden.

https://www.youtube.com/watch?v=_ZPKqW_Mf1U

Für Zugezogene ist die einzige Stadt der Schweiz, die sich Grossstadt nennen darf, ein hartes Pflaster. Doch irgendwann meinte ich mit dem Satz «Ich gehe nach Hause» nicht mehr das Luzerner Hinterland, sondern Zürich. Wann das genau geschehen ist, weiss ich nicht mehr.  Zürich wurde zur Heimat und ich zur Zürcherin. So klischiert es auch klingen mag, ich fand mich selbst. Die Stadt ermöglichte es mir, zu dem Menschen zu werden, der ich eigentlich schon immer war, aber in der Enge des Ländlichen irgendwie keinen Platz hatte. «Da chasch si, was wotsch si – Willkomme in Züri.» Es entwickelte sich ein Alltagstrott, der mich glücklich machte. Ich entdeckte einen Lieblingsbuchladen an der Josefstrasse, fand heraus, wo es den besten Hummus gibt, hatte irgendwann eine Stammbar und einen Lieblingsort am See. Die arroganten Zürcher Schönheiten, die mich anfangs ein bisschen einschüchterten, wurden zu guten Freunden. Es kam nur noch selten vor, dass ich Google Maps brauchte, um am richtigen Ort zu landen. Ich war angekommen.

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Irgendwann empfand ich jedoch auch Zürich als zu klein, zu einengend und provinziell. Ich wollte noch grösser, noch hektischer, noch grossstädtischer. So bin ich schliesslich auf der anderen Seite der Welt in Hong Kong gelandet. Hong Kong ist eigentlich das Beste der Schweiz (und somit vor allem Zürich) auf mehrere Inseln komprimiert und auf Chinesisch übersetzt. Anstatt idyllische Bergkäffer gibt es fotogene Fischerdörfchen. Das ÖV-System ist genauso zuverlässig, es gibt sogar eine Schweizer Standseilbahn und die einzigen doppelstöckigen Trams der Welt mit dem klingenden Namen «DingDing». Auch hier ist das altmodische Hobby Wandern auferstanden und die unzähligen Naturpärke eignen sich perfekt dazu. Unsere Bahnhofstrasse findet in Tsim Sha Tsui ihr Spiegelbild, nur dass man hier wahrscheinlich mehr Schweizer Uhren, echte und fake, kaufen kann. Die Strassen mit den kleinen Coffeeshops und Pop-Up-Galerien um den ManMo-Tempel könnten genauso in Zürich gelegen sein. Nur bei den Ausgangsvierteln ist der Vergleich ein bisschen schwieriger. Aber Soho mit seinen kleinen Bars und Kneipen, das Loch Wan Chai, wo man landet wenn man eigentlich nach Hause sollte, und LKF, eine Mischung aus Kauf und Ballermann, unterscheiden sich nur oberflächlich vom Nachtleben in Zürich und eigentlich ist es ja sowieso überall dasselbe.

Die Flucht in die Ferne machte mir klar, dass ich zuhause alles habe, was ich brauche. Natürlich ist das Essen hier aufregend neu und super, aber trotzdem war das überteuerte mittelmässige Wild in einer Schweizer Touristenbeiz ein kulinarisches Highlight im letzten halben Jahr. Der mühsame Wohnungsmarkt in Zürich wird durch das Immobilienchaos hier relativiert, denn wenigstens bekommt man in Zürich ein Zimmer, welches als Gefängniszelle gemäss Folterkonvention erlaubt wäre und zahlt nur etwa die Hälfte. Wenn man weiss wo, kann man sich hier zwar billiger betrinken, dafür bekommt man in Zürich die bessere Musik dazu serviert. Und wenn auch die Hong Kong University die UZH in jedem Ranking bei weitem schlägt, so fühlte ich mich von meiner Alma Mater doch mehr gefordert. Im Alltag wurde selbst diese Siebenmillionenstadt überschaubar – ich fand meine Lieblingskaffees, die feinsten und zugleich billigsten Take-Outs in der Nähe, endlich einen Supermarkt mit dem Lebensnotwendigen, einen versteckten Fruchtsaftstand mit immer lächelnden Verkäuferinnen und wieder eine Stammbar sowie einige Clubs, um danach weiter zu tanzen. Auch wenn es noch so viel mehr zu entdecken gäbe, wurde mein HK schliesslich klein. Alles, was ich brauche, ist in der Nähe und fände ich auch in Zürich.

https://www.youtube.com/watch?v=18BpQp4LmHs

Nun, das war nun ein bisschen übertrieben und es war vor allem das Heimweh, das hier aus mir spricht. Nur schon die Nähe zum Meer und den schönen Stränden gibt HK in meinem persönlichen Städteranking einen Vorsprung, der keine Schweizer Stadt einfach so aufholen kann (und Hafenkräne führen hier nicht zu grabentiefen Verwerfungen). Es ist eine unglaublich facettenreiche Stadt, die von Gegensätzen geprägt ist – reine Natur gegen Grossstadtdschungel, konfuzianistische Prinzipien des Gemeinsamen und der Kampf für Individualrechte, Luxus neben Armut, Ost und West, «ein Land, zwei Systeme». Wenn ich am Sonntagmorgen auf der Suche nach Kaffee ins Freie trete und mein Kopf den Gestank von getrockneten Meeresfrüchten überhaupt nicht erträgt, üben ältere chinesische Frauen im Park gegenüber Tänze zu traditionellen Opern, was im Vergleich zum Samstagabend, wo ich neureiche, gruusige Expats auf der Tanzfläche beim dry-humpen beobachtete, ein so abstruses Bild abgibt, dass ich HK einfach lieben muss. Der wundervolle Liedermacher Faber singt «Zürich brennt nicht mehr, Zürich kauft jetzt ein, bei Dir ist immer Montagmorgen». Natürlich ist Zürich noch immer eine politisch geprägte Stadt, mein Geburtsort zugleich auch die Wiege der CVP und die Schweiz die beste Demokratie der Welt – aber HK brennt. Die Nachwehen des Umbrella Movement pulsieren durch die Stadt, bei Riots in Mong Kok werden Polizisten verletzt, die akademische Freiheit ist unter Beschuss, Buchverleger verschwinden spurlos in China und eine der grössten lokalen Zeitungen gehört nun einem Geschäftsmann aus Peking, welcher der Kommunistischen Partei nahesteht. Diese Stadt zu erleben, ist eine unglaubliche Erfahrung.

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Da kann Zürich fast nicht mithalten, aber nur fast nicht. Wenn ich jedoch versuche in Worte zu fassen, was ich an Zürich vermisse, dann sind es vor allem Menschen und Begegnungen, welche sich in den Vordergrund drängen. Es sind allerdings nicht nur Freunde die mir fehlen, ich vermisse auch die Arroganz der Zürcher, denn wenigstens überfahr ich sie nicht mit meiner offenen Art und muss nicht bei jedem zweiten Satz «Das war Sarkasmus» anhängen. Hongkongianer sind, klischiert gesprochen, ähnlich oberflächlich freundlich wie die «Hello Sweetie, how are you?»-Amerikaner, einfach in ruhig. Eine meiner liebsten Mitstudentinnen beantwortet fast jede Frage, sei es zur Kompetenz des Dozenten oder ihrem gebrochenen Herzen, mit «It’s okay» und einem süssen Lächeln – für sie hat die Phrase wahrscheinlich tausende Bedeutungen. Da sind mir Menschen lieber, die wissen und sagen, was sie wollen, und ich somit weiss, woran ich bin. Es braucht zuhause viel länger bis man einer Bekanntschaft das Label «?? Pengyou Freund» aufdrückt, dafür hat es dann auch eine Bedeutung. Ich hab langsam genug von mundverklebenden Daiquiris und vermisse einen straight forward Gin Tonic.






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Nun stehe ich wieder vor der Frage, was ich mit meinem Leben genau anstellen will – wie vor bald sechs Jahren. In welche Richtung es genau gehen soll, weiss ich noch immer nicht, aber es ist klar, dass ich erst mal zurück nach Zürich will. Zurück nach Hause. Ja ich weiss, es wird nicht dasselbe Züri sein, zu welchem ich zurückkehre. Mein verhängtes Studentinnenleben ist bald vorbei, in meine ach so geliebte WG gibt es kein Zurück mehr und vieles hat sich wahrscheinlich verändert. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Stadt noch nicht abgeschlossen habe, dass wir miteinander noch nicht fertig sind. Gleich wie damals als ich vom kleinen Kaff nach Zürich zog, ist es nicht die Stadt an sich, sondern viel mehr mein Ideal davon, was mich an- und zurückzieht. «Heimat ist immer etwas Verlorenes, eine Sehnsucht, die sich nie erfüllen lässt.» Ich habe Sehnsucht nach Zürich.






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