Bin ich der einzige, der nicht gesund isst?

24. Mai 2016
Chefredaktor


Gesunde Ernährung sei der letzte gemeinsame Nenner unserer Generation. Dies habe ich kürzlich in einem  Artikel der NZZ Campus gelesen. Schon wieder ein solcher Artikel, der mich von meiner eigenen Generation auszuschliessen versucht. Ich bin nicht stolz darauf, doch muss ich zugeben: Ich ernähre mich nicht gesund. Das einzige, was mein Stolz und mein Stilverständnis nicht erlauben, sind Fertigsandwiches aus der Migros – wäääk. Ich koche höchstens einmal die Woche (Pasta oder Linsen nature), gehe über Mittag ins Migros-Restaurant, zum Burger-Meischter oder zum Thai und zwischen Feierabend von Tsüri.ch und der Spätschicht bei watson hole ich mir was beim Beck. So ist das. Nichts vegan, nichts Rawfood, nichts Superfood. Immerhin bemühe ich mich, täglich Früchte zu essen (oder halt durch einen Smoothie zu ersetzen).

Beim Essen hört es leider noch lange nicht auf. Ich rauche zu viel, trinke auch eher genug, schlafe unregelmässig und das mit dem Sport ist auch so eine Sache. Es ist keineswegs so, dass mir meine Gesundheit am Arsch vorbei ginge. Es ist nur so, dass mein momentanes Leben da nicht viel Spielraum lässt – und ja, ich habe mir das so ausgewählt. Insofern nehme ich das bewusst in Kauf.

So richtig aufgefallen ist mir das vor zwei Jahren, als ich das Gefühl des Verzichts erleben wollte. Also ass ich eine Woche nichts und trank nur Fruchtsäfte. Damals realisierte ich, wie viel Schrott ich täglich in mich hineinfutterte. Dann strich ich die Fertigsandwiches. Doch grundsätzlich geändert hat sich nur mein Bewusstsein, nicht aber mein Verhalten. Wie gesagt, ich bin keineswegs stolz darauf. Es ist auch nicht so, dass mir das Essen egal wäre oder ich keinen Sinn für Qualität habe. Im Gegenteil, mein Bruder und Mitbewohner ist wohl einer der besten Köche in Flugdistanz – ich weiss sehr wohl, was gut is(s)t. Und doch, und damit schaffe ich mich wohl aus meiner eigenen Generation aus, dreht sich bei mir nicht alles um die Ernährung. Im gefüllten Alltag ist sie meist eine Begleiterscheinung. Ich muss essen, denn sonst werde ich wütend. Damit bin ich der perfekte Kandidat für Pulverlösungen wie Sojlent, welches ich schon mehrfach zu bestellen versuchte, dies aber nie klappen wollte.




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In meinem Umfeld scheint NZZ Campus (stellvertretend für sämtliche Foodporn-Artikel-Schreiberlinge) nicht recherchiert zu haben. Wie ich mögen zwar alle gutes Essen, doch ist das Attribut gesund keineswegs zuoberst auf der Prioritätenliste. «Holen wir noch rasch was beim Ararat» ist ein häufiger Satz – wobei Ararat durch die Namen von beliebigen Imbissbuden ersetzt werden kann (Pizza Casa, Chiang Mai Thai, Yalla Habibi usw. mmmmmhhhh). Viel eher als die eigene Ernährung scheint in meinem Umfeld (städtisch, jung, reflektierend, gebildet) deren Auswirkungen auf die Umwelt ein Thema zu sein. Conradin Z. verzichtet beispielsweise eine Woche auf sämtlichen Plastik, was bei Takeaway-Essen nicht gerade einfach ist. Auch ich schaue eher auf wenig Verpackungsmaterial, regionale Produktion und vegetarisches Essen als die Auswirkungen auf mich. Denn am Ende des Tages ist es meine Sache, wie ich mit mir umgehe. Die Umwelt jedoch geht uns alle an. 

Leider kann dieser Artikel kein wirkliches Fazit liefern. Nicht mal eine kurze Umfrage in unserer Redaktions-Facebookgruppe konnte Einigkeit schaffen. Nur so viel: Es ist keineswegs so, dass die gute Ernährung der letzte gemeinsame Nenner unserer Generation ist. Ich bin das lebende Beispiel. Wer weiss, wenn alles gut kommt, stimmt die These in einigen Jahren auch bei mir. Doch Moment: Dann bin ich bereits über 30 Jahre alt und aus dieser Generation rausgewachsen. So richtig traurig bin ich darüber nicht. Denn wie ich mit meinen Essgewohnheiten der Gesundheit meines Körper schade, schaden die radikalen Gesundheitsfanatiker auf der anderen Seite jene ihres Kopfes. Das Ideal liegt wohl mal wieder irgendwo in der Mitte. Wie langweilig. 

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