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Werden die Stühle in den Restaurants bald zusammengestellt? - Fotos: Elio Donauer

«Ich fühle mich verarscht!» – die Zürcher Gastrobranche hat die Nase voll

In Bern wird es am Samstag wohl schwierig sein, einen Gastrobetrieb zu finden, der geöffnet hat. Ganze 106 Betriebe planen, geschlossen gegen die Covid bedingten Schutzmassnahmen in der Gastro zu streiken. Die Branche fühlt sich «verarscht». Wie sieht es in Zürich aus? Tsüri.ch hat nachgefragt.
11. Dezember 2020
Praktikant Civic-Media

Die Luft scheint langsam draussen zu sein. Ornella Lo Giusto vom Restaurant Samses antwortet auf die Frage, wie es ihr geht mit einem langen «Grrrrrrr!». Also «scheisse»? Sie bejaht. Damit scheint sie nicht alleine zu sein. Christian Grammer vom Restaurant Josef sieht die momentane Lage ebenfalls angespannt. Bei ihm kommen die Gäste nicht mehr vorbei, was zu Umsatzeinbussen von bis zu 60 Prozent führt. Das ganze Personal, das kocht, abwäscht und bedient, braucht es aber trotzdem. Dies kostet. Mazen Reda vom Café du Bonheur sagt: «Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Situation so anzunehmen wie sie ist. Wir haben uns langsam an die Situation gewöhnt, können daran nichts ändern und versuchen trotzdem positiv zu bleiben.»

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Auch Andreas Handke vom Bistro Babette erzählt, dass es seit dem Sommer bergab geht. Zuerst hatte das Lokal, das gleich beim Idaplatz liegt, noch sieben Tage pro Woche geöffnet. Als sich die zweite Welle langsam anbahnte, lief am Montag- und Dienstagabend nichts mehr, die Türen blieben an diesen Tagen geschlossen. Kurze Zeit später fiel auch der Mittwoch Corona zum Opfer. Grund: «Wir waren weit weg davon, kostendeckend arbeiten zu können» Die Zürcher*innen haben aber trotzdem noch immer das Bedürfnis, ins Restaurant zu gehen. Ab Donnerstag hat Handke genügend Menschen an den Tischen, um das Lokal zu öffnen. Dass die Menschen weiterhin hierher kommen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass er schon sehr früh ziemlich strikt war, wenn es ums Contact-Tracing oder das Tragen von Schutzmasken ging. Anfangs wurde er dafür belächelt, heute ist das Normalität in der hiesigen Gastro-Szene. Handke sagt: «Dem Babette hat dies in die Hände gespielt. Die Leute fühlen sich bei uns sicher.» Über das Hin und Her der Behörden, nervt er sich aber auch.

Wie geht es im Babette weiter, wenn heute neue Bestimmungen bekannt gegeben werden?

Bestimmung da, Bestimmung dort

Es kommt häufig vor, dass die Gäste in den Restaurants und Bars gar nicht genau wissen, welche Corona-Schutzbestimmungen aktuell gelten. Es ist ein ständiges Hin und Her. Vergangenen Dienstag hat die Zürcher Regierung beschlossen, dass Gastrobetriebe ab 22 Uhr schliessen müssen. Später schlug der Bundesrat laut SRF Regionaljournal vor, dass die Gastrobetriebe bereits um 19 Uhr schliessen sollen, was nun beschlossene Sache ist. Werner Scherrer, Präsident des KMU und Gewerbeverbands des Kantons Zürich, hält die beschlossenen Massnahmen für «Symbolpolitik» auf dem Rücken der Läden und Restaurants. Ernst Bachmann, Präsident des Gastgewerbeverbands des Kantons Zürich, spricht von einer «Katastrophe». Man müsse sich allenfalls überlegen, wieder ganz zu schliessen oder nur über Mittag zu öffnen. Auch der gestrichene Sonntagsverkauf sei bitter; damit hätte man einiges kompensieren können, findet Scherrer.

Sperrstunde um 22 Uhr, maximal vier Personen aus höchstens zwei Haushalten an einem Tisch – was bedeutete dies für die Gastrobetriebe, mit denen Tsüri.ch gesprochen hat?

Reda erklärt, dass eine doppelte Belegung der Tische im Bonheur am Abend unter den aktuell geltenden Bestimmungen kaum mehr durchgeführt werden kann. Auch die neue Regelung bezüglich den zwei Haushalten gibt ihm zu denken. Denn dies bedeutet, dass sie sich neu organisieren und überlegen müssen, inwieweit sie die Gäste zu diesem Punkt kontrollieren wollen. Auch im Babette musste wegen dieser Bestimmung das Registrierungsverfahren neu programmiert werden. Es sei nun aber auch so, dass vermehrt Zweiertische im Lokal stehen. Jassgruppen oder Vereine kommen nun nicht mehr vorbei.

Im Restaurant Josef im Kreis 5 tönt es ähnlich: «Die frühe Sperrstunde macht uns erstens das Bargeschäft kaputt und zweitens ist es uns nicht mehr möglich, ein zweites Seating durchzuführen.» An der Bar führe dies zu Umsatzeinbussen von bis zu 80 Prozent. «An Firmenanlässe oder Weihnachtsessen müssen wir momentan gar nicht denken», erzählt Lo Giusto vom Samses. Normalerweise wäre dies im November und Dezember eine der wichtigsten Einnahmequellen in der Gastrobranche.

Um 19 Uhr bitte alle nach Hause

Die Bestimmungen, die bis heute Abend noch gelten, gehören morgen schon wieder der Vergangenheit an. Was machen Babette, Bonheur, Josef und Samses, wenn sie nun um 19 Uhr schliessen müssen?

«Obwohl die Gastronomie innovativ und schnelllebig ist, wir schon seit 15 Jahren in Zürich sind und ein Stammpublikum haben, das uns auch in dieser schwierigen Zeit unterstützt, müssten wir das Samses wohl schliessen», sagt Lo Giusto.

Ornella Lo Giusto vom Samses

Das Bonheur hingegen möchte so lange wie möglich geöffnet haben, denn als Quartiercafé habe man auch die Pflicht, für die Menschen da zu sein. Es könne aber sein, dass die Küche vorübergehend geschlossen werde. Anders sieht es im Babette und im Restaurant Josef aus. Beide würden schliessen. Handke findet: «Eigentlich ist die Sperrstunde um 19 Uhr ein Affront gegen die ganze Gastrobranche. Ich fühle mich verarscht.» Denn es mache schlichtweg keinen Sinn, bis 19 Uhr zu öffnen. «Und das weiss der Bund», sagt Grammer vom Josef. Er unterstellt den Behörden diesbezüglich Kalkül, da sie und die Versicherer sich somit aus der Verantwortung für Zahlungen stehlen. Obwohl das Josef eine Pandemieversicherung abgeschlossen hat und im Frühling Geld bekommen hat, wird die Eröffnung eines neuen Falles verweigert, solange keine behördliche Schliessung vorliegt.

Klare Forderungen und baldige Konkurswelle

Mazen Reda nach ist der Tenor inzwischen eindeutig: «Es braucht eine angeordnete Schliessung aller Gastrobetriebe.» Er sieht, dass in dieser Krise alle noch einmal mehr zusammengerückt sind und gemeinsam dafür kämpfen werden, dass niemand Konkurs gehen muss. Gleichzeitig nimmt er aber auch die Behörden in die Pflicht und erwartet Unterstützung. Er führt aus: «Solch eine Krise kann nur gemeinsam gemeistert werden.»

Kannst du nächste Woche im Bonheur noch ein Kaffee trinken?

Grammer und Lo Giusto schätzen, dass es in Zürich 50 Prozent der Restaurants und Bars nicht mehr geben wird, wenn es nicht bald eine behördliche Schliessung, sowie einheitliche Lösungen bei den Mietkosten gäbe. Zumindest diese einheitliche Mietlösung ist in der Stadt Zürich plötzlich zum Greifen nahe. Bei einer Schliessung könnten die Fixkosten so auf ein Minimum gesenkt werden. Handke fasst zusammen: «Eigentlich wünschen wir einfach eine klare Strategie, eine gute Kommunikation und den Einbezug der Branche.»

Wie lange noch?

Bei allen angefragten Betrieben bekommt man zu spüren, dass die Luft langsam draussen ist. Zu oft hat man neue Konzepte kreieren müssen, zu oft musste man neue Plakate aufhängen, zu oft die Schutzkonzepte anpassen oder Markierungen erneuern. Sie fragen sich alle: Wie oft noch? Niemand hat eine Antwort.

Und vielleicht erübrigt sich die Frage dann plötzlich auch, weil es einfach nicht mehr geht. Handke befürchtet, dass es die kleinen Betriebe sein werden, die als erstes aus dem Stadtbild verschwinden werden. Die Kleinen, die das Gastroangebot spannend machen, die neben Hiltl, Big-Ben-Pubs und McDonalds Abwechslung in die Gastrowelt bringen. Es fühlt sich so an, als wäre 1 vor 12. Bleibt zu hoffen, dass die Uhr nicht bald Zwölf schlägt.


Auch die Zürcher Club-Branche hatte kurz vor der Schliessung die Nase voll: Die Party ist vorbei – Corona zwingt Zürcher Clubs in die Knie

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