Ich bin letzte Nacht fast erfroren – und fühle mich gut!

Es war sehr, sehr kalt letzte Nacht, aber Axtmörder kamen keine vorbei und mich durchfluten nur noch Glückshormone.
22. Mai 2015

Tag 2: Vice-Redaktor Benjamin von Wyl lebt eine Woche draussen hinter der Pukapuka-Bar des Theater Neumarkts und schreibt täglich auf tsüri.ch.

Dass ich eine Woche draussen lebe, ist ein Spiel. Und ein Spiel ist dann gut, wenn man leidet, aber sich immer noch bewusst ist, dass es ein Spiel ist. Weil das Spiel gut sein soll, hatte ich ein Bett im Bühnenraum der Pukapuka-Bar abgelehnt – es geht ja um das «Draussen» und die Bühne ist hinter einer verspiegelten Drehtüre versteckt. Ich hatte auch abgelehnt, dass man mir ein Dach baut. Eine Liegeplatte wollte ich dann aber schon.

Im Vorfeld waren viele Leute darum besorgt, dass ich mich nicht wohlfühle oder gar gefährde. Das ging von «Überleg dir das nochmal, du holst dir eine Lungenentzündung!» über «Du wirst sicher jede Nacht belästigt/beraubt oder mit der Axt, die hier zum Kokosnuss knacken rumliegt, bedroht.» Ich hab das immer weg- und kleingeredet – einerseits, da ich mich diesen Wahnvorstellungen gar nicht hingeben darf, andererseits bin ich aber ja auf der Suche nach Konfrontation. Als die Platte, auf der ich meinen Schlafsack diese Woche ausbreite, am Ende fast auf Höhe der Absperrung zur Limmat montiert wurde, weigerte ich mich vehement dagegen, dass sie runtergesetzt wird: Die sei jetzt halt so und ich fliege schon nicht rein und überhaupt müsse ich mich dem so aussetzen, wie es ist. Zurückkrebsen ist keine Option.

Und als die Besucherschar aus dem VICE-Büro Dinge gesagt hat wie «Siehst du es als Herausforderung, auch wenn es regnet, draussen zu bleiben?» - «Eh geht's ihm um das.» - «Wenn es hagelt entscheidet er sich dafür, erst dann reinzugehen, wenn der Einfallwinkel vertikal ist. Wenn es schräg übers Gebäude hagelt, versucht er wohl noch so lange auszuharren, wie es geht.» Zwischen jedem dieser Stichelversuche bestätigte ich die jeweilige Unterstellung mit einem langgezogenen, gedankenlosen «Ja». Obwohl ich mir nicht im Traum ausgemalt habe, im Hagel weiterzuschlafen. Aber ich kann und will ja nicht zurückkrebsen.



[caption id="attachment_2218" align="alignnone" width="600"]Katya von Greenpeace brachte mir ein Moskitonetz, das schon in Indonesien zum Einsatz gekommen ist. Bei der Kälte hab ich es nicht gebraucht. Katya von Greenpeace brachte mir ein Moskitonetz, das schon in Indonesien zum Einsatz gekommen ist. Bei der Kälte hab ich es nicht gebraucht.[/caption]

Als der gestrige Abend länger, die Pegel höher und die Temperaturen niedriger wurden, wurden die Reaktionen immer ungläubiger. Nur Fabian von ortreport, einer der «Bauherren» der Pukapuka-Bar, stand mir optimistisch bei. Als er das erste Mal fragte «Das ist aber schon ein rechter Schlafsack, oder? Kein Sommerschlafsack für die Griechenlandferien?», antwortete ich «Natürlich nicht». Obwohl mir in dem Moment bewusst wurde, dass ich diesen Schlafsack für eine Interrail-Reise gekauft hatte, die mich durch Griechenland führte und dass ich in der Nacht auf dem Deck der Fähre von Bari nach Igoumenitsa unerträglich fror. Als mich das nächste Mal jemand fragt, ob mein Schlafsack denn was hergebe, antworte ich «Er ist so ... mittelgut.» Der Abend wird länger, die Biere zwanghafter, da ich befürchte sonst nicht einschlafen zu können. Und in die allgegenwärtige Besorgnis mischt sich auch eine gewisse Häme: «Benjamin, jetzt sind noch viele Leute da, aber irgendwann heute Abend wird es den Moment geben, in dem alle gegangen sind und du alleine hierbleibst und dich auf der Welt alleingelassen fühlst.»

Dieser Moment kommt nicht.

Obwohl ich ihn selbst erwarte.

Zwar leistet mir niemand Gesellschaft – meine Freundin verabschiedete sich grinsend um 22 Uhr, aber irgendwann sammeln wir die Bierdosen zusammen, wird die Pukapuka abgeschlossen und als die Trams heim ins Depot fahren, bin ich schon alleine hier. Ich ziehe Thermoshosen an, darüber Trainerhosen. Ein T-Shirt, einen Kaschmirpulli, einen anderen Pulli und darüber wieder den Wollschal. Ich verstaue alle Wertsachen zuunterst im Schlafsack (Ein Hint für Menschen, die mich ausrauben wollen!), verabschiede mich von der Welt mit einem Selfie – was für mich etwas herausragend Seltenes ist – und schlafe ein.



[caption id="attachment_2215" align="alignnone" width="600"]Mit den Trams aufwachen Mit den Trams aufwachen[/caption]

Nach einer Stunde wache ich auf. Ich bibbere. Es windet, die Köcherfliegen sind noch nervöser als sonst und es laufen besoffene Menschentrauben über die Limmat. Ich ziehe noch einen Pulli an, noch einen mehr, meinen Wintermantel und verfluche mich dafür, dass ich den letzten übrigen Pulli, einen Kapuzenpulli vom Zivildienst, meiner Freundin für den Heimweg geliehen habe. Obwohl das Gefühl der Kälte nicht verschwindet, schlafe ich wieder ein. Und zwar erwache ich noch zwei-, dreimal, zwar klappere ich jedes Mal wirklich mit den Zähnen, aber am nächsten Morgen – Morgen ist für mich dann, wenn die Trams aufstehen und quietschen, also so um 5:00 – fühle ich mich gut. Ich trinke zwar etwa 90 Minuten lang Mate und bemerke erst nachher, dass das Öko-Toitoi vom Neumarkt abgesperrt ist und eile so schnell wie es mein leidender Schliessmuskel erlaubt zum VICE-Büro, aber ich fühle mich wach und frisch. Und irgendwie fühle ich mich auch befreit, weil ich überhaupt aufgestanden bin, weil ich da bleiben darf, wo ich aufgestanden bin, weil ich Stadt und Menschen erlebe, Leute vorbeikommen, ich nirgends hin muss. Und ja: Meine Haut fluoreszierte auch noch um 9:00 Uhr, sie schimmerte blau und orange, sie schimmerte gleich wie das eine Mal, als wir mit der Kanti in Holland am Meer waren. Es stürmte und toste. Der Lehrer hatte allen ein Getränk versprochen, wenn jemand ins Wasser geht und ich bin sofort losgespurtet und ... Ja, ich entdecke hier ein Muster.



[caption id="attachment_2217" align="alignnone" width="600"]Schon um 12 Uhr mittags bin ich dann in die Limmat. Schon um 12 Uhr mittags bin ich dann in die Limmat.[/caption]

Ich schreibe diesen Text an einem Sonnentag, vollgepumpt mit Vitamin D, zudem sprudeln die Endorphine, da ich der Limmat entlang bis nach Schlieren und retour gejoggt bin. Und das kurze Bad danach hat dem Hormonfluss auch keinen Abbruch getan. Aber trotzdem fühle ich mich gut. Verbunden, verwurzelt, entbunden vom Pendelzwang, vom Zwang, Zeit zu investieren, um von hier nach da zu gehen und entbunden vom Zwang, Zeit in Innenräumen zu verbringen. Ja, ich fühle mich schon nach einem Tag mit dem Escherwyss-Platz verbunden, mit dem Platz, den der Fotograf Miklos Klaus Rozsa auf Facebook als «scheusslichster Platz der Welt» reviewt hat. Und wenn es diese Nacht wieder so kalt wird und wenn mir meine Freundin noch einen Pulli mehr abschwatzt und wenn der Polizei-Teddy von einem Windstoss ergriffen in die Limmat stürzt: Ich freue mich auf die kommenden Tage.



[caption id="attachment_2219" align="alignnone" width="600"]Alle Pullis, die ich letzte Nacht angehabt habe auf einem Haufen. Alle Pullis, die ich letzte Nacht angehabt habe auf einem Haufen.[/caption]

PS: Das mit dem Livestreaming funktioniert nicht. Obwohl ich das grösste Swisscom-Abo, das es überhaupt gibt, spezifisch für dieses Projekt abgeschlossen habe, ist die Internetverbindung nicht schnell genug. Wenn du das liest und am Limmatplatz wohnst: Kannst du mir Zugang zu deinem Wlan verschaffen? Ich lade auch keine gruusigen Videos runter.

Der Link zum Tag 1 auf dem Escher-Wyss-Platz: Tsüri ist auch nicht besser als der Aargau

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