💌 «Züri Briefing» 💌

Illustration: Artemisia Astolfi

Ich bin bi

Ich bin bi – so simpel das klingt, der Weg dahin wars nicht. Unsere Kolumnistin Jessica Sigerist musste Mitte Zwanzig werden, bis sie der Welt mitteilte, dass sie bisexuell ist. Warum das mehr mit der Welt zu tun hat als mit ihr, erklärt sie euch hier.
29. Mai 2021
Gründerin untamed.love

Neulich besuchte ich die Ausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere Natur» im Naturhistorischen Museum in Bern. «Wie sieht deine sexuelle Anziehung aus?» fragt mich das Begleitheft, schwarz auf bunt. Auf einer Linie kann man eine Markierung setzen, links steht «vermutlich heterosexuell» und rechts «vermutlich homosexuell». Ich setze meine Markierung genau in der Mitte. Dort steht «vermutlich bi/pan». Es fühlt sich richtig an. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte es das nicht getan.

Als Teenagerin küsste ich zum ersten Mal einen Jungen und kurz darauf ein Mädchen. Gut fand ich beides, aber ich wusste nicht, dass ich auch beides haben kann.

Als Kind träumte ich von Pocahontas’ Haar und von George von den Fünf Freunden (George ist entweder eine Butch Lesbe, ein trans Junge oder der erste nicht binäre Charakter der Jugendliteratur, aber auf jeden Fall ist George ziemlich queer). Meine Barbies verliebten sich regelmässig ineinander, was zugegebenermassen auch mit dem Mangel an Kens in meinem Sortiment zu tun hatte. Doch spätestens als alle meine Sims-Frauen lesbische Beziehungen eingingen und Kinder adoptierten, hätte ich misstrauisch werden können. Aber little me wusste wenig über das Lesbisch-Sein und nichts über Bisexualiät.

Als Teenagerin küsste ich zum ersten Mal einen Jungen und kurz darauf ein Mädchen. Gut fand ich beides, aber ich wusste nicht, dass ich auch beides haben kann. In meinem Jahrgang gab es ein Mädchen, das offen lesbisch war. Sie hatte kurze Haare, eine Lederjacke und stapfte schweigend durch die Schulhausgänge. Ich hatte blaue Haare, eine Jeansjacke und rannte meistens kreischend umher*. Wir hatten ziemlich wenig gemein, fand ich. Ich küsste weiterhin Jungen und Mädchen.

Ich galt als «Party-Lesbe», diese schreckliche Wortschöpfung der Nullerjahre für eine heterosexuelle Frau, die so cool und unkompliziert ist, dass sie zum Spass mit Frauen knutscht und Dreier hat.

Nach dem Ausschlussprinzip beschloss ich, nicht lesbisch zu sein, da ich ja auch Jungen gut fand. Irgendwann verliebte sich das lesbische Mädchen in ein anderes Mädchen unserer Schule. Dieses Mädchen wurde dafür wahlweise ausgelacht oder mit Mitleid überschüttet. Da ich nicht Team Auslachen sein wollte, war ich Team Mitleid und beschloss, mit keine weiteren Gedanken dazu zu machen.

Stattdessen küsste ich weiter, Frauen und Männer, hatte Sex mit ihnen, ver- und entliebte mich. Ich hütete mich, darüber zu viel nachzudenken oder gar zu sprechen. An einem Konzert knutschte ich mit einer jungen Frau, wir kannten uns flüchtig. Ein gemeinsamer Bekannter machte heimlich ein Foto von uns, es machte die Runde an der Uni. Es wurde gesagt, wir seien so hässlich, dass wir keine Männer abbekommen und deshalb miteinander vorlieb nehmen müssen. Der Kontakt zwischen uns brach ab. Es war nicht die beste Zeit, sich als bisexuell zu outen.

Während mein Umfeld immer queerer wurde, beharrte ich noch immer darauf, heterosexuell zu sein.

Ich galt als «Party-Lesbe», diese schreckliche Wortschöpfung der Nullerjahre für eine heterosexuelle Frau, die so cool und unkompliziert ist, dass sie zum Spass mit Frauen knutscht und Dreier hat. Mein Partner wurde dazu regelmässig beglückwünscht und ich regelmässig objektiviert.

In einer Bar traf ich einen Freund, wir waren kürzlich zusammen im Ausgang. Beim Bier erzählte er mir, wie geil er das gefunden habe, mich mit einer anderen Frau rummachen zu sehen. «Das war das erste Mal, dass ich live Lesben-Action gesehen habe» meinte er und versuchte, mit mir darauf anzustossen. Ich kotzte leise in mich rein und wechselte das Thema.

Doch das Thema blieb in meinem Leben und stattdessen wechselten meine Freund:innen. Ich lernte Leute kennen, die waren wie ich. Leute, die Männer lieben und Frauen und Menschen, die beides oder keins von beidem sind. Während mein Umfeld immer queerer wurde, beharrte ich noch immer darauf, heterosexuell zu sein. Es ist schwierig eine sexuelle Orientierung ernst zu nehmen, die die Welt nicht ernst nimmt. Bis mich an einem ersten warmen Frühlingstag der Blick einer Freundin über einem Glas gespritzten Weisswein fixierte und sie sagte: «Du, hetero? Du bist so etwa der queerste Mensch, den ich kenne». Es war immer noch nicht die beste Zeit sich als bisexuelle Frau zu outen. Doch in diesem Moment beschloss ich, dass mir das egal ist. Es wurde ein guter Sommer.

Viele Sommer später, gute und schlechte, solche voller Liebe und solche voller Liebeskummer, stehe ich im Museum. Ich schaue auf meine Markierung bei «bi/pan» und es fühlt sich richtig an. Ich existiere und ich bin nicht die einzige. Wir bisexuellen Frauen sind viele (mehr als SVP-Mitglieder übrigens, das habe ich auch in der Ausstellung gelernt). Und unsere Zeit ist jetzt.

*Ja. Ich weiss. Im Nachhinein ist mir auch klar, dass ich schon damals queer af war.

Kolumnistin Jessica Sigerist
Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.
Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede:r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

1. Wie soll ich's den Kindern sagen?
2. Zwei gescheiterte Romantikerinnen rechnen ab
3. «Es gibt mich sehr wohl»
4. Meine monogame Freundin
5. Niemand ist Single
6. «Vielleicht braucht es mehr Hinsehen, bevor man schade sagt»
7. «Wie ist das denn so mit dir und den Männern?»
8. Ich bin bi
9. Alternative Beziehungsformen: «Langfristig funktioniert das nicht»
10. Die Sache mit den Erwartungen

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