Ich bade nackt am Letten – ohne es überhaupt zu bemerken

Tag 5 draussen an der Limmat: Nacktbaden, nach Dietikon joggen und Schlafplatz-Tourismus.
25. Mai 2015

Tag 5: Vice-Redaktor Benjamin von Wyl lebt eine Woche draussen hinter der Pukapuka-Bar des Theater Neumarkts und schreibt täglich auf tsüri.ch.

Schon am Samstagmorgen habe ich mich hier am Escher-Wyss-Platz so wohl gefühlt, dass ich aus Versehen nackt in die Limmat bin. Und da das niemand gestört hat, mache ich es seither bewusst. Denn ich fühle mich wirklich draussen. Zwar geh ich mir öfter eine Currywurst kaufen, als dass ich mich nur von Kokosnüssen – die es hier bei der Pukapuka immer noch en masse gibt – ernähre, aber trotzdem fühle ich mich, wenigstens in manchen Momenten, ganz draussen.



[caption id="attachment_2285" align="alignnone" width="640"]Aus Rücksicht auf meine Mitmenschen ist nur Undefinierbares zu erkennen. Aus Rücksicht auf meine Mitmenschen ist nur Undefinierbares zu erkennen.[/caption]

Im gehetzten Basel-Zürich-Pendelrhythmus bekomme ich dieses Gefühl nur noch selten: Beim wochenendlichen WG-Brunch oder beim Joggen. Oft ist die Joggingrunde aber keine rituelle Ich-umlaufe-jetzt-mal-das-ganze-Stadtgebiet-Prozession mehr. Sondern bloss reingedrückte drei Runden um das Hafenbecken zwischen erstem Feierabend, dem Beantworten diverser Mails, einem runtergeschlungenen Döner und meiner mir selbstauferlegten Aufwartung an irgendeiner Party/Vernissage/Premiere/Was auch immer. So bringt mich das Joggen zwar noch körperlich nach draussen – Endorphinen und ewig währender Fight Club-Selbstüberwindungsromantik sei gedankt! - aber emotional fühle ich mich in einem Schlund aus Verpflichtungen.

Hier ist das endlich wieder anders: Jeden Morgen renne ich das Limmattal runter und wieder rauf. Heute das erste Mal bis Dietikon. Irgendwann auf der Strecke vergess ich mich jedes Mal, schreie die alten Ska-P-Lieder auf meinem Handy mit und verstöre Hündeler mit atonal gehechelten Ausrufen wie „PUTO DINERO, PUTO DINERO! La sociedad de consumo me ha convertido en un servidor ...“ Dabei bin ich mir immer bewusst, wie platt das Ganze ist und wie absurd es ist, dass ich diese Lyrics seit meinem dreizehnten Lebensjahr durch meine jeweilige Lebenswelt jaule. Aber  auf dem Rückweg bin ich immer so ausgelaugt, dass ich mir keine Gedanken mehr mache und mich in der Wildheit des „Agglopark Limmattal“ verliere, einem Flusslauf, den ich bisher nur von den täglichen Pendelfahrten gekannt hab.



[caption id="attachment_2286" align="alignnone" width="640"]Irgendwo im Agglopark Limmattal Irgendwo im Agglopark Limmattal[/caption]

Dann komm ich zurück und pflanze mich in die Limmat, dann laufe ich so eine Stunde in Unterhosen rum. Irgendwann wird die Passantendichte definitiv zu gross und ich ziehe wieder Hosen an, denn ich will ja niemanden verschrecken und bin entspannt genug, um mit allen zu sprechen – obwohl gewisse Themen, etwa die Lebensverbesserungskurse der „Avatar-Gemeinschaft“ nach einer Weile ermüden. Oder auch bestimmte Expertisen:  „I weiss echli meh über Grüentee as Sii. I ha grad d Sekundarschuel für Erwachsni abgschlosse und det heds en Abschlussarbet gäh und det han ich mich mit Tee usenandgsetzt“.

Sobald der tägliche Text fertig ist, meditiere ich und das ist etwas ganz neues für mich. Eine Form des Drinnens im Draussen, für die ich unter normalen Umständen niemals offen genug wäre. „Es isch normal, wenn die erschte paar Mol ischlofsch debi“, hat mich mein Instruktor/Chef/Obi-Wan beim ersten Mal gewarnt. Soweit ist es noch nicht ganz, aber trotzdem geh ich darin voll auf: Ziehe beim Einatmen Licht in mich hinein und betrachte Gedanken nur noch wie Bilder in der Klassikerabteilung des Kunstmuseums (zwei, drei Stunden später dröhnt schon wieder eine Stimme im Kopf, die „Eso-Scheisse! Eso-Scheisse! Eso-Scheisse“ sagt, aber meist nur für ein paar Minuten).

Obwohl ich erst Angst vor Pfingsten hatte, da bei der Pukapuka über die Feiertage nichts los ist, fühle ich jetzt nicht mal eine grosse Veränderung. Es ist sogar noch etwas entspannter. Und langweilig kann mir irgendwie gar nicht werden, denn neben all den persönlichen Ausbruchserfahrungen, habe ich dauernd Leute hier, die mich beim Ausbrechen beobachten wollen (Richtig zootiermässig mit Erdnüssen beworfen hat mich noch niemand). Mein liebster Zappa-Lockenträger Daniel Kissling hat seinen natürlichen Lebensraum - Olten - verlassen, um mit mir den Sonntagnachmittag zu geniessen. Wir sprechen über die wunderbare Hässlichkeit der Auto-Überführung über den Escher-Wyss-Platz - ein Hauch Olten in Zürich. Daneben hinterfragen wir Karrieregetriebenheit grundsätzlich, fragen uns, was Anspannung und Stress eigentlich bringen. Wichtigster Kissi-Aphorismus des Abends: „Wenn du muesch es Päckli uf de Poscht abhole und d Poscht scho zue hed, muesch bis am nögschte Morge am Nüni nüm a das Päckli dänke. S bringts eifach nid!“ Wieder alleine verliere ich mich etwas in Züri West, denn endlich kann ich mal so richtig schlendern. Und in Gegenden, in denen die Gebäude voluminös und die Strassen breit sind, braucht man halt auch zum Schlendern mehr Zeit bzw. Raum als in verdrucksten Altstadtgassen.

Wenn man sich verlieren will, ist natürlich der Weg das Ziel. Aber ein ungefähres Ziel habe ich trotzdem: das „Transit“ im Niemandsland an der Aargauerstrasse.



[caption id="attachment_2287" align="alignnone" width="640"]Vampir & Selbstironiker von Le Skeleton Band Vampir & Selbstironiker von Le Skeleton Band[/caption]

Dort spielte Sonntagabend „Le Skeleton Band“, eine französische Tom Waits-like Folk-Band mit einem komplett haarlosen Sänger, der in einer Ansage auch mal Dinge sagt wie „Now we're all strong men, but one day wir waaaaren soooo süüüssse Mädchen! Soooo süüüüüssss. And all the people said: Soo süüüsss.“ Als er dann Sprache und Intimitätsgrad wechselt, warnt er alle Anwesenden vor dem vielen Klatschen: „Sept ou huit claps et vous et moi sont la même personne.“ Heute haben es hier alle etwas mit Auflösungs-, mit Transzendenzerfahrungen.

Zurück bei meinem ungedeckten Refugium kommt dann erstmals eine mir unbekannte Gruppe vorbei, die nur da ist, um meinen Schlafplatz zu besichtigen. Sie stammen alle aus einem mir völlig unbekannten Ort namens „Wolfhuusen“. Der eine wohnt beim Vater des anderen, der andere könne angeblich nicht lesen und Douglas, der Älteste von ihnen, schleppt einen massiven Sack voll Gemälden mit sich rum, die er eben in Berlin gekauft hat. Alles sehr verwirrend, es wird Bier getrunken und das macht alles noch verwirrender. Als dann auch noch Ana, meine Basler Absinthe-Schwester, mit ihrem Freund und einer Flasche vom verwandtschaftsbildenden Gesöff dazukommt, liegen irgendwann alle nur noch auf dem Vorplatz rum. Körperlich gesund ist dieses Draussen nicht - trotz Jogging, Sonne und Meditation. Aber wie durch ein Wunder habe ich keinen Kater, als heute Morgen um 7:00 Uhr ein sehr alter, sehr wichtiger Freund mit Kafi und Zmorgen antrabt.



[caption id="attachment_2288" align="alignnone" width="640"]Draussen-Touristen Draussen-Touristen[/caption]

Ich zieh ja bald nach Zürich und habe deswegen auf VICE recht rumgejammert. Bisher kannte ich nur das Arbeits-Zürich. In dieser Woche draussen erlebe ich Zürich anders – oder vielleicht nehme ich mir von Zürich auch einfach bewusster das, was ich will. Ich bin sehr froh, dass ich wirklich ein „Draussen“ in Zürich erlebe, denn wenn es nur Szene um Szene, Bürogemeinschaft um Bürogemeinschaft und Filz um Filz gäbe, hätte ich mich in meinem zwanghaften Abgrenzungsbedürfnis wohl umbringen müssen. Begleitet von einem Abschiedsbrief, in dem ich der einen Szene die Schuld geben und die andere bitten würde, mich zu rächen.

Hier geht's weiter zu den Beiträgen der Tage 1 bis 4:

Tag 1: Tsüri ist auch nicht besser als der Aargau!

Tag 2: Ich bin letzte Nacht fast erfroren - und fühle mich gut!

Tag 3: Drei Schwestern stören den Verkehr im Kreis 5

Tag 4: So ist es morgens um 7 nüchtern im Hive

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