Humor ist, wenn man trotzdem lacht – immer noch

Rassismuskritisches Humorfestival
19. November 2015


«Ein Schwuler geht in eine Bar…» Nein, zu homophob. «Was macht eine Frau, wenn…» Zu sexistisch. «Treffen sich zwei Syrer in…» Wegen aktuellen Begebenheiten ungünstig.

In Zeiten wie diesen ist einem wenig nach Lachen zumute. Und wer dennoch herzhaft einen grenzwertigen Witz reisst, wird sicherlich ermahnt, so was sei nicht in Ordnung.

Aber Satire darf doch alles, oder?

Qualitätshumoristen wie Etrit Hasler, Fatima Moumouni, Gabriel Vetter, Bendrit Bajra, Ntando Cele und Fatih Çevikkollu – um nur einige zu nennen – erörterten die ewig alten Fragen, was man überhaupt sagen kann, worüber noch gelacht werden darf und wem es erlaubt ist, Witze zu reissen; alles am ersten rassismuskritischen Humorfestival der Schweiz: «laugh up / stand up» in der Shedhalle auf dem Gelände der Roten Fabrik.

Es ist ein diffuses Lachen, das reflexartig entsteht, sich so richtig und doch so falsch anfühlt, wenn Comedians mit spitzzüngiger Ironie den Finger in die Wunde legen. Doch Lachen ist seit jeher ein probates Ventil, um sich auf kreative Weise von Wut und Hass zu befreien.

Der Verein zur Förderung rassismuskritischer Öffentlichkeiten in Koproduktion mit der Shedhalle Zürich griff einen Diskurs auf, der heute wichtiger ist als jemals zuvor: Während Ängste, Intoleranz und rechte Propaganda die Hälse zuschnüren und das Lachen verunmöglichen, muss man genau dies zum Thema machen.

In selbstreflexiver Haltung boten die Organisatoren den Comedians und Performern nicht nur eine Plattform, sondern hinterfragten kritisch die Absicht wie auch die Wirkung des gesprochenen Wortes und ermöglichten so ein Wochenende, das unzählige Lacher und notwendige Dialoge spielend vereinte. So divergierten auch die Standpunkte zu Meinungsfreiheit stark und zeigten diverse Perspektiven auf. Offenkundig wurde aber die grundlegende Verantwortung, die sowohl Satiriker wie auch Zuschauer tragen müssen, angesprochen.

Wohl war am Tag nach den Anschlägen in Paris die Betroffenheit zu spüren, den Humor liess sich aber offenbar niemand nehmen.

Der Comedian und ehemalige Bürgermeister von Reykjavík Jón Gnarr meinte jüngst in einem Interview mit tsüri.ch: «Comedy ist die beste Antwort auf Faschismus und den Rechtsrutsch in Europa, weil Faschismus nicht lustig sein kann.» Das rassismuskritische Humorfestival bot die beste Bühne um Fragen zu stellen und nach Antworten im schemenhaften Feld der Satire, die zwischen Kultur und Politik gedeiht, zu suchen.

Ernüchternd nur die beklagenswerte Tatsache, dass meist jene, die der Aufklärung am meisten bedürfen, solchen Anlässen fernbleiben und sich derweilen an haltungslose Unterhaltung halten.

Zwar mag Satire gegen jedwede Angst und jedwedes Vorurteil die schärfste Waffe sein – und ja, Satire darf alles – aber auch sie ist kein Allheilmittel gegen Rassismus. Diesen Umstande zum Trotz ist es essentiell, weiterhin gemeinsam zu diskutieren, zu kritisieren, zu provozieren und vor allem zu lachen – wenn auch nicht immer über politisch ganz korrekte Witze.

Foto: Shedhalle
Member reden mit: Bewerte hier diesen Beitrag mit 1 bis 5 Punkten und entscheide so über das Honorar für den / die Journalist*in mit.
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht