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Homophobie in Zürich: Welcher Toleranz-Typ bist du?

Zurich Pride Festival
13. Juni 2016
Vor einer guten Woche zog der alljährliche Demonstrationszug des Zurich Pride Festivals (ehemals Christopher Street Day) durch die Zürcher Innenstadt. Mit dem politischen Motto «TeamForLove» kämpft der Verein für die «Akzeptanz und Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transmenschen».

Bekanntlich hinkt die Schweiz im internationalen Vergleich bei der Gleichstellung von Homosexuellen hinterher. Sich sonst als human und fortschrittlich brüstend, hat es die Eidgenossenschaft bis heute nicht geschafft, die gleichgeschlechtliche Ehe oder ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare einzuführen. Sogar die traditionell eher prüden USA sprachen sich letztes Jahr klar für die Homo-Ehe aus. Was sind die Gründe für diese rückwärtsgewandte Gesetzgebung in unserem Land? Sehen wir uns doch gern als tolerantes Volk. (Ausser es geht um Flüchtlinge. Oder allgemein um Ausländer. Irgendwo hört der Spass ja auch auf!) Vor Allem in Zürich, einer der offensten Städten des Landes, scheint es heutzutage kein Problem zu sein, seine Homosexualität frei auszuleben. Doch ist das wirklich so? Wir haben vor Beginn der Demonstration mit einigen «queeren» und «straighten» Festivalbesuchern beim Besammlungsort am Helvetiaplatz gesprochen und sind auf erstaunliche Antworten gestossen:

Eine Demonstrantin aus Kalifornien erzählt, dass sie trotz der Legalisierung der Homo-Ehe in den USA, in der Schweiz viel weniger Diskriminierung erlebt. Ganz im Gegensatz zu einem Zürcher Trüppchen. Dieses berichtet über Beschimpfungen auf offener Strasse oder über den verbreiteten Irrglauben der Männer hassenden Lesben. Jede*r* hat eine Geschichte zu erzählen und es fällt auf, dass Zürich nicht immer die tolerante Stadt ist, die sie zu sein vorgibt.

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Die vielen unterschiedlichen Sichtweisen, Anekdoten und Erfahrungen der Befragten, können auf folgende drei «Zürcher Toleranz-Typen» heruntergebrochen werden:

Der / die Exzessive

Du sitzt im coolen Hipstercafé bei Cappuccino und selbstgedrehter Zigarette und schwadronierst mit deinen Kumpels über Gott und die Welt. Als Babette vom neuen Freund ihres schwulen Cousins berichtet, freust du dich überschwänglich: «Jööö, so härzig!» Interessiert fragst du nach Details und bekundest deine Freude darüber, dass sich die zwei gefunden haben. Auf der anderen Seite des Tisches beglückwünscht Schorsch und erzählt, dass er auch sehr viele schwule und lesbische Freunde hat. Merkst du was? Wieso behandelst du den Cousin von Babette wie ein kleines Kind, das gerade gelernt hat, alleine auf die Toilette zu gehen? Und warum meint Schorsch, es würde jemand interessieren, wie viele homosexuelle Freunde er hat?

In unseren Köpfen ist Diskriminierung immer eine aktive Ablehnung, die auf Aggression, Polemik und Rechteverweigerung basiert. Doch ist eine unbewusste Exotisierung nicht auch diskriminierend? Du meinst es zwar gut, dennoch unterstreichst du die Besonderheit der Sexualität von Babettes Cousin und findest dich dabei auch noch mega tolerant. Besonders in Zürich meinen viele Leute, tolerant zu sein sei eine Art Sport und gehöre dazu, wie das alljährliche planlose Herumstehen auf der Kasernenwiese am 1. Mai, um irgendeine geklaute Anti-Haltung gegenüber dem System zu markieren.

Wenn du diesen Vorwurf übertrieben findest, dann bist du wohl auch der Meinung, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus stammen. Eine übertriebene Bekundung der eigenen Toleranz gegenüber Homosexualität zeigt nur, dass man sie als unnormal empfindet. In einer perfekten Welt sollte es niemanden jucken, welche Sexualität jemand hat, welchem Geschlecht jemand angehört, oder woher jemand kommt. Menschen sollten sich als Menschen sehen und sich nicht ständig in Kategorien einteilen.

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Der / die Bünzli

Du kommst aus gutem Hause, hast Betriebswirtschaft studiert und bist nach deinem Abschluss ein halbes Jahr durch Südamerika gereist. In der Weihnachtszeit spendest du ausserdem regelmässig für die Heilsarmee. Natürlich hast du nichts gegen Homosexuelle oder Transmenschen und bist der Meinung, dass man «denen» unbedingt ein paar Rechte einräumen sollte.

Wenn du aber unvorbereitet ein gleichgeschlechtliches Paar küssend neben dir auf der Wiese in der Bäckeranlage sitzen siehst, fängt dein rechter Augenwinkel an zu zucken. «Das ist ja schon ok, aber müssen die das vor allen Leuten machen? Ich knutsche mit meinem Schatz auch nicht überall wild herum», sagst du dann etwas beschämt, während sich deine Backen zartrosa färben. Du fängst an, dich vor deinen Freunden zu rechtfertigen: «Ich habe nichts gegen Schwule, aber…» Ach komm, da hört’s doch schon auf. Du fühlst dich anscheinend aus «political correctness» gezwungen, eine gequälte Relativierung deiner Homophobie herauszupressen. Nach aussen immer schön lächeln, aber dabei die Faust im Sack machen. Das ist so typisch für Zürich, wie immer wieder beim Sternengrill eine Bratwurst holen gehen und sich danach jedes Mal erneut über den unverschämten Preis aufregen als wäre man hirntot.

Dieses «Bünzlitum» ist ein Mitgrund dafür, dass sich die Erweiterung der Rechte für Homosexuelle und Transmenschen keinen Millimeter bewegt. Und zwar weder vor noch zurück! «Es ist doch gut wie es ist. Lass uns lieber darüber abstimmen, wie wir den Gotthard in einen Termitenhügel verwandeln können.»

Der / die «Das ist halt meine Meinung»-Haber/in

Dass Homosexuelle eine Parade für mehr Akzeptanz abhalten, findest du so unnötig wie den Internationalen Frauentag. «Was regen die sich denn so auf? Schliesslich werden sie in der Schweiz wegen ihrer Sexualität nicht gesteinigt. Ich geh’ ja auch nicht hin und mache eine Parade, weil ich Hetero bin», krakeelst du mit deinen pubertierenden Freunden herum, während ihr zuhinterst im Tram steht und immer wieder dümmlich auf die Klingel am Boden tretet, bis die anderen Passagiere genervt aufschauen. Für dich rennen alle Schwulen in Lederhosen durch die Gegend und alle Lesben sehen aus wie Cindy von Marzahn. Irgendwo hast du ausserdem mal aufgeschnappt, dass Homosexualität nichts Natürliches ist, weil man dann gar keine Kinder kriegen kann. Auch wenn du deine Meinung mit deiner Religion oder mit Verschwörungstheorien zu rechtfertigen versuchst, bist du entweder einfach noch sehr jung oder ein verkorkstes Arschloch, das homosexuellen Paarenim Vorbeigehen «Schwuchteln» hinterherzischt. Schlechte Neuigkeiten: Deine Meinung ist keine Meinung, sondern eine Frechheit und du verdienst ein paar hinter die Ohren.


Das Zurich Pride Festival verlangt Aufmerksamkeit für die immer noch diskriminierende rechtliche und soziale Lage der LGBT-Menschen (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) in unserem Land. Es ist falsch, sie als exotische Minderheit hervorzuheben und ihnen damit einen Stempel aufzudrücken. Bis aber die Grenzen zwischen den Sexualitäten komplett verwischt und alle sozialen Konstrukte der vermeintlichen Andersheit aufgelöst sind, brauchen Sie eine starke Stimme sowie die Solidarität aus der Gesellschaft.

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