Von Isabel Brun

(Klima-)Redaktorin

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20. September 2022 um 04:00

Weshalb der Holzheizungs-Boom in Zürich bisher ausblieb

Seit einigen Jahren sind Holzheizungen wieder mehr gefragt. Der Trend wird durch den drohenden Energieengpass im kommenden Winter noch mehr verstärkt: Rund 35’000 Heizungen werden durch die natürliche Ressource im Kanton Zürich betrieben. In der Stadt hingegen setzen Hauseigentümer:innen lieber auf Alternativen – auch, weil das Heizen mit Holz seine Tücken hat.

Für viele Stadtzürcher Hauseigentümer:innen nicht die erste Wahl: Holzbetriebene Kamine, Cheminées oder Öfen. (Foto: Alex Braga on Unsplash)

Knisterndes Holz, wohlige Wärme, gemütliches Beisammensein: Heizen mit Holz erlebt seit einigen Jahren einen regelrechten Boom. Zumal das Heizsystem mit natürlichen Ressourcen auch als besonders klimaschonend gilt. Die vieldiskutierte Energiekrise, die diesen Winter zu knappem Strom und Gas führen könnte, verstärkt die Wirkung zusätzlich.

Auch im Kanton Zürich verzeichnen Ofenbauer:innen und Heizungsinstallateur:innen eine starke Zunahme von Anfragen. «Momentan werden wir regelrecht überrannt», sagt Michael Heusser, der Holzheizungen in der dritten Generation plant, baut und hauptsächlich in die Region Winterthur liefert. Über 125 Prozent mehr Aufträge hat die Firma seit Anfang Sommer verbucht: «Einige Kund:innen haben Angst, dass sie in den Wintermonaten frieren müssen und wollen nun noch ‹schnell› einen Holzofen einbauen.» Doch so einfach sei das nicht; die Lieferfristen betragen laut Heusser auch bei Heizungssystemen mit Holz bis zu 30 Wochen.

Zwar hätten sich die Absatzzahlen von Cheminées und Öfen in den 80er- und 90er-Jahren bereits einmal erhöht, damals seien diese aber vielmehr aus ästhetischen Gründen oder der «Heimeligkeit» wegen eingebaut worden, so Heusser. Und heute? «Als Greta Thunberg auftauchte, fand auch in den Köpfen von vielen Hauseigentümer:innen ein Umdenken statt. Bereits damals nahmen die Verkäufe von Holzheizungen wieder zu. Als Alternative zu fossilen Energieträgern.»

Weniger Cheminées, mehr Pelletöfen

Der Klimaschutz gehört auch laut dem Kanton Zürich zu einem der wichtigsten Vorteilen solcher Heizungssysteme – jedenfalls wenn das Holz aus der Schweiz stammt. Heizen mit dem nachwachsenden Rohstoff sei klimaneutral und die Transportwege kurz. «Zudem kann es einen Beitrag zu einer unabhängigen Versorgung des Kantons Zürich mit erneuerbarer Energie leisten», schreibt die Baudirektion auf Anfrage. 35’000 Holzheizungen sind aktuell im Kanton in Betrieb. Zum Vergleich: Schweizweit waren es Ende 2021 etwas mehr als 520’000, wobei die Zahl laut Holzenergiestatistik des Bundes – entgegen den Wahrnehmungen von Ofenbauer Michael Heusser – seit 1990 um fast ein Viertel abgenommen hat.

«Vermodern Bäume im Wald, setzen sie gleich viel CO2 frei, wie wenn sie verbrannt werden.»

Andreas Keel, Holzenergie Schweiz

Trotzdem bestätigt auch der Geschäftsführer von Holzenergie Schweiz, Andreas Keel, dass Heizungssysteme mit Holz wieder beliebter geworden sind: Durch Greta, Corona und schliesslich auch Putin mit seinem Gaslieferstopp. «Seit dem Krieg in der Ukraine hat es in der Schweiz eine enorme Zunahme von Pelletheizungen gegeben», so der Forstingenieur. Im vergangenen Jahr wurden fast 50 Prozent mehr eingebaut als noch 2020. Keel, der sich mit seinem Verein seit über vier Jahrzehnten für mehr Holzfeuerungen in der Schweiz einsetzt, sieht diese Entwicklung zwar sehr positiv, er warnt aber auch: «Wir haben nicht unendlich viel Holz und können nicht das ganze Land mit der wertvollen Ressource beheizen.» 

Knappes Gut

Seinen Berechnungen zufolge wurden 2021 um die 5,8 Millionen Kubikmeter Holz «verheizt». Knapp 1,6 Millionen Kubikmeter weniger als das Gesamtpotential. «Doch durch den Bau von vielen neuen Holzfeuerungen, die mit Holzschnitzeln, Stückholz oder Pellets funktionieren, wird dieses Potential in den nächsten fünf Jahren erschöpft sein», so Keel. Das hat auch mit der Topografie der Schweiz und den Besitzverhältnissen des Waldes zu tun: «Waldflächen sind zwar vorhanden, aber diese sind teils schwierig zu bewirtschaften – beispielsweise in den Bergen. Ausserdem können die Waldbesitzer:innen selber entscheiden, was sie mit ihrem Wald machen.» Trotz stetiger Zunahme von Holzheizungen in den letzten Jahrzehnten sei der Preis für Energieholz tief gewesen. «Für viele hat es sich schlicht nicht mehr gelohnt, in die Pelletproduktion oder Ähnliches zu investieren.» Das rächt sich nun. 

Holz für die Energiegewinnung ist in ganz Europa knapp geworden. Mit finanziellen Auswirkungen: Pellets kosten mittlerweile fast doppelt so viel wie noch vor einem Jahr und auch die Preise für Stückholz sind laut Keel so hoch wie schon lange nicht mehr. Beim online Holzhändler mein-brennholz.ch kostet 0,75 Kubikmeter Schweizer Buchenholz momentan 260 bis 270 Franken. «Ausländisches Holz verkaufen wir nicht», schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Im Gegenteil, aufgrund der hohen Nachfrage exportiere man gar Holz in Nachbarländer wie beispielsweise Deutschland.

Stadt fördert keine Holzheizungen 

Anders als auf dem Land oder in der Agglomeration erleben Holzheizungen in der Stadt keinen Boom. Lediglich sieben bis acht neue Anlagen werden jährlich installiert, so die Stadt auf Anfrage. Insgesamt sind aktuell nur 172 Holzheizungen auf Stadtzürcher Boden in Betrieb – bei rund 20'000 Öl- und Gasheizungen eine zu vernachlässigende Zahl. Die meisten der 35’000 Holzheizungen im Kanton werden also ausserhalb der Stadtgrenzen betrieben.

Doch weshalb entscheiden sich Hauseigentümer:innen gegen eine Holzheizung? «In Beratungen merken wir immer wieder, dass viele zusätzlichen Aufwand scheuen», erklärt Besnik Serifi vom Heizungsunternehmen Guyer, dessen Kundschaft hauptsächlich Stadtzürcher:innen sind. Das Holz muss an einem trockenen Ort gelagert werden können, die Asche speziell entsorgt und die Heizung gut gewartet werden. Hinzu kommt, dass die Stadt Hauseigentümer:innen, die von einer Öl-, Gas- oder Elektroheizung auf eine Wärmepumpe respektive Erdsonde oder einen Fernwärmeanschluss wechseln, mit Förderbeiträgen finanziell unterstützt. Bei Holzheizungssystemen hingegen spricht die Stadt keine Förderung aus. Aus «lufthygienischen Gründen» sei es im städtischen Kontext nicht sinnvoll, fossile Heizungen durch Holzheizungen zu ersetzen, da Zürich bereits mit dem Thema Luftverschmutzung zu kämpfen hat: Fünf Prozent des gesamten Feinstaubausstosses auf Stadtgebiet würden allein aus Holzfeuerungen stammen, heisst es beim Umwelt- und Gesundheitsdepartement.

Tatsächlich ist Feinstaub, der entsteht, wenn Holz nicht vollständig verbrennt, das Hauptproblem von Holzheizungen. Dieser gilt nicht nur als besonders gesundheitsschädlich, sondern beeinflusst auch das Klima negativ, da der darin enthaltene Russ in der Luft die Sonneneinstrahlung auf die Erdoberfläche dämpft. Das hat laut einer ETH-Studie aus dem Jahr 2021 Auswirkungen auf die Verdunstung und somit auch den Niederschlag, der durch das sogenannte «Dimming» seit den 1950er-Jahren weltweit zurückging. Das treibe die Klimaerwärmung weiter voran, so die Klimaforschenden. Hinzu kommt das Argument von Wissenschaftler:innen, dass Bäume möglichst nicht für die Energiegewinnung genutzt werden sollen, da sie wichtige CO2-Speicher sind. 

Nachhaltig mit Vorbehalt

Andreas Keel hält dagegen: «Die Aussage, dass Holz nicht CO2-neutral sei, stimmt nur, wenn man einen einzelnen Baum betrachtet. Der Wald ist jedoch ein Gesamtsystem.» Zumal in der Schweiz gesetzlich vorgegeben sei, dass nur so viel Holz genutzt wird, wie gleichzeitig auch wieder nachwächst. Ausserdem würden Bäume nicht ewig leben, erklärt Keel: «Vermodern sie im Wald, setzen sie gleich viel CO2 frei, wie wenn sie verbrannt werden.» Es sei also eine gesunde Balance gefragt: «Die ganze Schweiz mit Holz zu heizen, ist nicht die Lösung. Und doch wird das Potential von Schweizer Holz nach wie vor unterschätzt.»

Die Stadt scheint ebenfalls lieber auf Alternativen zu setzen – auch wegen des Klimaaspekts: Holz sei ein wertvoller Rohstoff und Bäume zentral für den Klimaschutz. Deshalb sollte es in erster Linie für «höherwertige Anwendungen» benutzt werden und nicht nur zum Verfeuern. Das ist mitunter ein Grund, weshalb Zürich eigenen Aussagen zufolge den Einbau von Holzheizungen nicht fördert. Auch wenn die Wahlmöglichkeiten momentan eingeschränkt sind: Auf Wärmepumpen wartet man bis zu einem Jahr, neue Gas- oder Ölheizungen nicht mehr erlaubt und Elektroöfeli sind Stromfresser.

Ofenbauer Michael Heusser geht deshalb davon aus, dass die Nachfrage nach Holzfeuerungen im Einzugsgebiet Zürichs in den nächsten Monaten bestehen wird: «Spätestens wenn es zu einem Blackout kommt, werden einige Hauseigentümer:innen die Reissleine ziehen müssen.» Und wer weiss, vielleicht werden dann auch vermehrt Städter:innen auf Holzheizungen setzen.