Kreis Cheib stirbt – das Hiltl lacht

Hiltl und Co. mögen nicht die alleinige Schuld an der Gentrifizierung der Langstrasse tragen. Und doch! Sie sind die schamlosen Gewinner*innen. Schlechte Gewinner*innen, deren Zeigefinger jede Schuld reinen Gewissens von sich weist. Aber das ist alles neoliberaler Bullshit. Ein Kommentar von Timothy Endut.
22. September 2017

Die Langstrasse, wie wir sie kennen, liegt im Sterben. Vielleicht ist sie bereits tot. Mit der Eröffnung des «Kosmos», des «25hours Hotels» und des «Hiltls», dass am Freitag eröffnet hat, rückt die Beerdigung eines einst charmanten, urchigen Quartiers in sichere Nähe. Die Mörder*innen sind dieselben, welche nun vom Ableben des «Cheibs» profitieren. Es mag sein, dass sie zu jenem Symbol hochstilisiert wurden.

Der Cheib war müde

Fakt ist, dass sich der Cheib schon lange in einer Transformation befindet. Er ist in die Jahre gekommen. Er war müde von all dem Drogenhandel, -konsum und der Hurerei. Es musste etwas geschehen, um ihn zu retten. Die Stadt kümmerte sich gut um sein Sorgenkind. Vielleicht zu gut.

Die Stadt pflegte all seine Gebrechen. Die Strassenprostitution wurde unsichtbar gemacht und in Verrichtungsboxen geworfen, der Drogenhandel mit massiver Polizeipräsenz von den frisch gesäuberten Strassen gejagt. Penibel, schweizerisch und genau wurde für Sauberkeit und Ordnung gesorgt – aber auch leichtfertig und ohne Gespür für das Quartier und die Menschen, die darin leben.

Während der Cheib – der seinen Namen längst nicht mehr verdient hat – sich langsam aber sicher erholte, blieb das nicht unbeachtet. Einige Unternehmer*innen müssen sich bereits vor Jahren die Hände gerieben haben. Denn ein gesundes Quartier stellt für sie auch immer einen neuen Absatzmarkt dar. Ist der Cheib gesund, steigen die Mietpreise, die Kaufkraft der Klientel und somit der Profit für neu angekommene Unternehmen*innen. Arme werden ganz einfach verdrängt, ohne grosses Zutun. Welch’ schöner Zufall.

Die Scheinheiligkeit der Neuankömmlinge

Jene Neuankömmlinge stehen nun am Sterbebett des Cheibs und sind sich nicht ganz sicher, ob sie vom urchigen Rufe des Sterbenden profitieren oder von dessen Tode. Wahrscheinlich von beidem. Doch die Schuldzuweisung wollen sie sich nicht gefallen lassen, nein! Sie seien bloss Profiteur*innen. Doch Profiteur*innen wovon? Von Bemühungen und Investitionen seitens der Stadt und der darauffolgenden Verdrängung aufgrund steigender Mietpreise.

Nein, sie sind nicht die Urheber*innen der Verdrängung. Diese Schuld liegt bei den Grundbesitzer*innen, der Stadt und deren sorglosen Umgang mit dem Cheib. Die Stadt hatte es verpasst, das Quartier vorsichtig zu restaurieren. Vielleicht gar im grossen Stile Liegenschaften aufzukaufen, um die Durchmischung zu sichern. Ja, die Verdrängung fand bereits lange vor den Neuankömmlingen statt. Doch sie hatten keine Zeit verstreichen lassen und sind in die Bresche gesprungen, sobald die Stadt mit dem Quartier fertig war.

Die Heiligen der Aufwertung

Nun, da sich der Cheib kaum mehr regt, spielen jene Unternehmer*innen die guten Samariter*innen, die Retter*innen des Quartiers. Gentrifizierung sei nichts Schlechtes und man wolle der Entwicklung des Quartiers zum Erfolg verhelfen. Dies mag von der Aussensicht, aus der Sicht der Investor*innen, stimmen. Aus der Sicht des Cheibs ist dies pure Scheinheiligkeit.

Der Cheib sehnte sich weder nach Entwicklung noch nach Fortschritt. Ein bisschen Ruhe hätte gereicht. Wenn man davon ausgehen kann, dass in ein paar Jahren die gesamte Bewohnerschaft ausgetauscht werden wird, ist dies keine erfolgreiche Entwicklung. Im Gegenteil! Für das Quartier ist es schlicht und einfach ein Verlust – so auch für die Stadt. Denn wohin soll man noch gehen?

Wo finden die unteren und mittleren Einkommensschichten noch bezahlbaren Wohn- und Lebensraum? Nicht zuletzt sollte man sich fragen: Wem gehört die Stadt von Morgen? Darf nur jene*r hier leben, dessen oder deren Konsum einen gewissen Grenzwert überschreitet – oder das Glück hat, in einer Genossenschaft oder städtischen Wohnung untergekommen zu sein?

Das klassenlose Gefüge löst sich auf

Das Lebensgefühl, die Vielfalt der Langstrasse, nicht zuletzt jenes klassenlose Gefüge gehen verloren – gerade die Merkmale, welche dieses Quartier ausmachten. Jenes raue und doch liebliche Zuhause wird Heimat für jene werden, welche es sich noch leisten können. Und genau jene Transformation erwarten die neuen Unternehmer*innen freudig: den Einheitsbrei «gut verdienendes Klientel».

Dass sie etwas anderes behaupten, ist bloss gute PR. Es bringt nichts, uns zu sagen, dass wir ein weiteres kulturelles Angebot (Kosmos) und ein weiteres Vegi-Restaurant bekommen, wenn eigentlich absolut klar ist, dass wir gar nicht die Nutzniesser*innen sein werden. Das Angebot ist für die anderen gedacht – jene, die nach uns hier leben werden.

Bloss Unternehmer*innen? Trotzdem Spekulant*innen!

Hiltl und Co. mögen die Gentrifizierung nicht verursacht haben und doch setzen sie alles auf dieses Szenario. Die stillosen Plakate am neuen Hiltl-Restaurant zeigen ja genau, dass sich das Unternehmen über die Menschen hier lustig macht. Rolf Hiltl bestreitet das zwar. Doch dies ist lediglich ein weiteres Indiz dafür, dass der Neuankömmling weder das Quartier, die Menschen hier, noch seinen schonungslosen Eingriff ins Quartier verstanden hat.

Sie setzen auf den Wegzug der Ärmsten und werden somit zu blossen Spekulant*innen. Sie sind neoliberale Erober*innen eines Kreises, der zuvor nichts von ihnen wissen wollte – und nun endlich dem Profit verfallen wird. Es mag zwar immer ein Langstrassenquartier geben, den Kreis Cheib nicht. Es scheint lange schon unaufhaltbar zu sein. Doch die Zuzüge jener Unternehmen werden der Verdrängung zu schnellem Erfolg verhelfen. Und dies nicht schuldlos, sondern eiskalt kalkuliert. Der Cheib mag zwar seit einigen Jahren im Sterben liegen, den Gnadenstoss versetzen ihm jedoch Hiltl und Co.

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