Gentrifizierung der Langstrasse: Hiltl, Kosmos & Co sind «nur» mitschuldig

Neu eröffnete Locations wie Hiltl und Kosmos wird vorgeworfen, schuld an der Gentrifizierung zu sein. Das stimmt nicht ganz, aber harmlos sind sie auch nicht. Eine Analyse von Simon Jacoby.
22. September 2017

Die Farbbeutel flogen schon vor den Eröffnungsfeten: Am 1. Mai traf es den Vorplatz des Kulturtempels Kosmos, in der gleichen Zeit erhielt auch das neue Hiltl-Restaurant eine farbliche Veränderung. Beide Gebäude standen damals noch im Rohbau.

Es ist der gleiche Vorwurf, der die beiden Neuen trifft: Sowohl der lokale Vegi-Unternehmer Rolf Hiltl, wie auch die beiden linken Kulturschaffenden Samir (AL-Mitgründer) und Bruno Deckert (Sphères-Betreiber) würden die Langstrasse aufwerten und gentrifizieren. So heisst es zumindest aus linken und autonomen Kreisen. Beim Kosmos wurden deshalb von Radikalen, die sich «Kommando Juri Gagarin» nennen, kurz nach der Eröffnung sogar die Scheiben eingeschlagen.

Es ist zu einfach, den beiden Neuen an der Langstrasse die Schuld zu geben.

Das Langstrassen-Quartier ist aus vielen Gründen nicht mehr das alte: Die Stadt beruhigte es mit dem Programm «Langstrasse Plus», das Perla-Mode wurde abgerissen, die SBB baute die Europaallee, die Gammelhäuser wurden geschlossen. Unter anderem lockten diese Veränderungen neues Publikum, neue Anwohner*innen und neues Ausgehvolk an. So ist das eben mit der Gentrifizierung. Die Drogen, der Sex, der Dreck und der Lärm haben keinen Platz mehr und werden vertrieben. Die Bodenpreise und die Mieten steigen.

Die neue Situation ebnet den Weg für neue Kultur- und Gastro-Angebote: Durch die Aufwertung ist die passende Kundschaft schon da und wartet freudig auf Quinoa-Bällchen und Arthouse-Filme.

Vor wenigen Wochen eröffnete das Kulturhaus Kosmos am Ende der Europaallee. Bereits Monate davor betonten die Macher, sie wollen für alle Menschen da sein. Allerdings sagten sie im Tagi auch, dass sie das Quartier «aufwerten» und sich hauptsächlich an ein «kaufkräftiges Publikum» ab 40 Jahren richten werden. In linken Blogs wurde Samir, einer der Kosmonauten und Mitbegründer der Alternativen Liste (AL), als «Verräter» beschimpft. Doch so einfach ist es nicht.

Diesen Freitag eröffnete Hiltl sein neues Lokal direkt an der Langstrasse – dort wo früher die kreative Zwischennutzung Perla-Mode stand. Als im Mai 2014 bekannt wurde, wer in den Neubau ziehen würde, hagelte es Kritik und Rolf Hiltl sagte: «Die Aufwertung ist bereits im Gang und an sich nichts Schlechtes.» So wurde er zum Gentrifizierungs-Teufel. Doch so einfach ist es auch hier nicht.

«Kosmos» und «Hiltl Langstrasse» werden angegriffen, weil sie die Langstrasse aufwerten. Aber sie haben diese Entwicklung nicht ausgelöst und sie sind nicht die einzigen, die sie vorantreiben. Gentrifizierung ist ein Prozess, für den niemand alleine die Schuld trägt. Viele verlieren (weil die Mieten nicht mehr bezahlbar sind), viele profitieren (weil es an fast jeder Ecke eine schöne Bar hat), einige heizen sie an (indem sie Häuser renovieren und an schöne Bars vermieten).

Warum sind also ausgerechnet «Kosmos» und «Hiltl Langstrasse» die neuen Symbole für Aufwertung und Vertreibung? Die meisten haben nichts gegen Vegi-Essen und Kultur von lokalen Unternehmer*innen. Eigentlich gehören die Betreiber*innen zu den «Guten». Sie sind öko, alternativ und fortschrittlich. Aber genau das ist wohl der Punkt: Gentrifizierungs-Gegner*innen haben mehr von ihnen erwartet.

Dass die SBB und die Spekulant*innen gewissenlos von der Aufwertung profitieren, ist man sich in Zürich gewohnt. Aber von Hiltl, Samir & Co. wird offenbar ein Gewissen erwartet. Ein Gewissen, das nicht nur dazu führt, dass sie ihre Rolle als Aufwerter*innen öffentlich zugeben und als schwierig anerkennen, sondern eins, welches ihnen verunmöglicht, von der Entwicklung zu profitieren und sich ökonomisch sogar davon abhängig zu machen.

Erst wenn die Strassenprostitution nach Altstetten verschoben wurde, erst wenn die Drogendealer durch massive Polizeipräsenz an der Arbeit gehindert werden, erst wenn es sauber(er) und sicher ist, erst wenn die Kundschaft mit Bargeld in der Hand bereitsteht, kommen die Unternehmer*innen. Damit sich das Geschäft mit den «Besserverdienenden» und den Vegis lohnt, muss das Quartier schon gereinigt sein.

Im Moment, in dem sogar die «Guten» auf den Zug aufspringen und sich ein Stück vom Kuchen sichern, stirbt die Hoffnung endgültig, dass die Entwicklung der Aufwertung und Vertreibung noch umzukehren ist. Das macht sie stärker zur Zielscheibe, als es ihr eigentlicher Beitrag zur Aufwertung rechtfertigen würde.

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