High von rohem Kakao? – ein Selbstversuch

Purer, roher Kakao in der richtigen Dosis soll wie eine Droge wirken. Unsere Redaktorin Florentina war skeptisch – und hat’s ausprobiert. Ob die gewünschte Wirkung eingetreten ist, schildert sie in diesem Erfahrungsbericht.
13. Mai 2019

In Berlin schnupfen sie das Pulver, in Tel Aviv isst man die Bohnen und wie mir eine Google-Suche in Sekundenschnelle bestätigte, sind auch in Zürich Kakaozeremonien so angesagt wie zuletzt bei den Azteken. Diese haben die Wirkung der Kakaopflanze nämlich als Erste entdeckt und zelebriert. Kakao galt als Wunderheilmittel für jegliche Leiden und ist nicht mit Süsskram wie Caotina, Banago oder Suchard Express zu verwechseln. Überlieferungen zufolge soll der Aztekenherrscher Moctezuma täglich bis zu 40 Tassen Kakao getrunken haben! Ihr Kakaogetränk nannten sie «chocoatl» – auf Aztekisch bedeutet «choco» warm, würzig, herb und «atl» Getränk, Wasser.

Die Wiederentdeckung des zeremoniellen Kakaos hat aber andere Hintergründe als historische Verklärung: In einer genügend grossen Menge konsumiert, soll roher Kakao stimmungsaufhellend, gefässerweiternd, muskelentspannend wie auch harntreibend wirken – sprich: so wie eine Droge. Nur gesund. Und legal!

Kakao, Kaffee, Koka Kola

Erfahrungsberichte aus dem 21. Jahrhundert gibt es nur wenige und ich als leidenschaftliche 92-Prozent-Kakaoanteil-Schokoladen-Esserin hege grosse Zweifel an der «Droge». Gross waren die Zweifel, noch grösser aber meine Neugier, wie sich Kakao in der richtigen Dosis wirklich anfühlt. Ich entschliesse mich also zum Selbstversuch.

Der wissenschaftliche Name des verantwortlichen Wirkstoffs lautet Theobromin, was so viel wie «Speise der Götter» bedeutet. Theobromin hat eine ähnliche Wirkung wie Koffein. Beide gehören zur Gruppe der Methylxanthine, einer Substanzklasse der sogenannten Alkaloide, und kommen in der Kakaobohne vor.

Neben der Kakaopflanze «Theobroma cacao» ist Theobromin auch in den Blättern der Teepflanze «Commelia thea», der Nuss der Kolabäume «Cola acuminata» sowie dem Mate-Strauch «Ilex paraguariensis» natürlicherweise enthalten – die allesamt zu Getränken wie Schwarz- und Grüntee, Coca Cola, Mate-Tee, Club Mate usw. verarbeitet werden und für ihre aufputschende Wirkung bekannt sind.

40 Gramm roher Kakao zum Frühstück

Tanze ich vielleicht glückselig und entspannt barfuss durch die Küche? Arbeite ich in einem Ausbruch von Motivation und Energie flugs alle unbeantworteten Mails ab, bügle zwei Waschmaschinen voll Unterhosen und finde nebenbei die Weltformel? Erscheinen mir Farben und Klänge? Oder ist alles bloss ein Jux?

Den wenigen «Trip»-Berichten zufolge soll der Kakao seine beste Wirkung morgens, auf nüchternen Magen und bei einem entspannten Gemütszustand entfalten, z.B. nach dem Meditieren. Ich entscheide mich für 5 Minuten Yoga und eine Dosis von 40 Gramm Kakaobohnen, die ich wie Mandeln snacke. Nach etwa 20 Minuten habe ich mein «Frühstück» fertig geschafft. Ich bin sehr satt, was wohl am hohen Fett- und Ballaststoffgehalt liegt, und mir ist etwas übel – etwa so, wie wenn man zu viel Bitterschokolade gegessen hat.


Eckdaten zu Kakao

pro 100 g Kakao:

Koffein: 230 mg (ca. 0,2%)

Theobromin: 2500 - 3000 mg (1,5 - 3%)

konsumierte Menge Kakao (40 g):

Koffein: 80 - 92 mg

Theobromin: 500 - 1000 mg


Von dieser Nebenwirkung habe ich bei meiner Recherche nichts gelesen. Lediglich vor einem erhöhten Puls, leichter Unruhe, Schweissausbrüchen und bei einer sehr hohen Dosis von mehr als 100 Gramm vor Kopfschmerzen wurde gewarnt.

Eine Stunde nachdem ich die ersten Bohnen gegessen habe, ist mir immer noch leicht übel. Ich habe mehr Speichel im Mund als normal und habe Kopfschmerzen – erst stechend, dann anhaltenden Kopfdruck. Eine Überdosis? Kann es nicht sein, da ich diese im Vorfeld genau errechnet habe: Die tödliche Dosis Theobromin liegt bei ca 0,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Dafür hätte ich also mindestens 350 Gramm Bohnen essen müssen.

Etwa 45 Minuten später ist die Übelkeit verschwunden, ich bin zwar wach und fit, aber nicht unruhig, mein Puls scheint nicht verändert.

Hätte ich besser das Pulver schnupfen sollen? Oder wie Moctezuma 40 Tassen «chocoatl» trinken sollen? High wurde ich von den Kakaobohnen nämlich nicht, besonders glücklich auch nicht. Drei Stunden nach der Einnahme fühle ich mich wieder ganz normal. Ganz ohne Folgen ist das Kakao-Essen nicht an mir vorbeigegangen. Nachträglich betrachtet bin ich ruhiger als kurz nach der Einnahme und auch die Übelkeit ist verflogen. Angenehm war es aber nicht – weshalb es bis zu meinem nächsten Versuch wohl noch eine Weile dauern wird.

Herzlichen Dank an Taucherli für das freundliche Sponsoring der Kakaobohnen!

Alle Bilder: Florentina Walser

Praktikantin und Lektorat

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