Bullshit-Job? 💩

Hier gibt es Kunst, die Pendler*innen im Tram liegen lassen

In Zusammenarbeit mit Fundkunst.ch stellte «Kein Museum» Anfang März Kunst aus, die von ihren Besitzer*innen im Tram, Bus oder in der S-Bahn vergessen wurde. Unsere Redaktorin Nadia Reber hat vor einiger Zeit ein F4-Plakat im Zug auf der Gepäckablage (auch bekannt als Bermudadreieck der Regenschirme) vergessen. Ob sich die beiden im Kein Museum wiedergefunden haben, liest du hier.
06. April 2019

Um 20 Uhr – eine Stunde nachdem das Kein Museum seine Türen geöffnet hat, ist der Ausstellungsraum schon gut gefüllt. Durch das grosse Schaufenster sieht man bereits, wie sich die Leute an den Auslagen und den Bildern vorbeischieben, diese interessiert analysieren, in die Hand nehmen oder unter den Arm klemmen und weitergehen. Auf dem Trottoir vor dem Schaufenster stehen auch schon Leute, rauchend und trinkend. Eine Stunde zu spät sollte man zu diesem Anlass sicher nicht kommen.

Nichtsdestotrotz stürzt man sich kollektiv, gestärkt durch Speis und Trank (in diesem Fall Grissini und Cüpli), ins Getümmel. An den Wänden, in den Regalen, ja sogar in den Schubladen findet man Kunst, die jemand anderes vergessen hat. Fotografien, Malereien in verschiedenen Techniken und auch Kupferstich-Kunstwerke, befinden sich lose oder eingerahmt unter den Auslagen. Der ein oder andere hat sogar ganze Mappen mit Zeichnungen liegen gelassen. Der Hotspot der Ausstellung ist definitiv in der Mitte des Raums. Dort befindet sich eine Truhe mit diversen kleinen bis sehr grossen Plakaten. Jedes Stück will aufgerollt, genau betrachtet und dann hektisch wieder zusammengerollt und zurückgelegt oder mitgenommen werden. Und das von jede*r Besucher*in. Natürlich ist hier etwas Unordnung vorprogrammiert, hie und da landet Kunst am Boden, natürlich nicht, ohne sofort wieder aufgelesen zu werden. Und mit ein bisschen Glück finden sich unter den vielen verschiedenen Postern Einzelstücke, die man sich gerne ins heimische Wohnzimmer hängt.

Auch anwesend ist Lara Baltsch. Die 21-Jährige hat zusammen mit anderen jungen und motivierten Kunsthistorikerinnen das Kein Museum gegründet. Während die Ausstellung in vollem Gange ist, nimmt sie sich Zeit, um Tsüri.ch ein paar Fragen zu beantworten.

Lara, vor fünf Monaten habt ihr das Kein Musem gegründet. Was war euer Ansporn, als ihr das Projekt ins Leben gerufen habt?

Wir hatten zu diesem Zeitpunkt alle bereits unsere Erfahrungen in Galerien und Kunstbetrieben gesammelt und waren bereit, eigene Wege zu finden um noch-nicht-gesehene Formate zu konzipieren. Wir wollten Grenzen überschreiten, jungen, aufstrebenden Künstler*innen mit kritischen Themen eine Plattform bieten, auch um multimedial zu experimentieren. Wir bezeichnen uns auch als Raum für Experimente, der vor allem auch die Besucher*innen interaktiv in die Ausstellungen mit einbeziehen soll.

Wie seid ihr zu diesem Raum gekommen?

Peter Pfister, Kunstvermittler, Kulturschaffender und zugleich unser treuster Besucher, machte uns darauf aufmerksam. Wir haben uns bei der Besichtigung sofort in den unbestreitbaren Charme, den er als ehemaliger Kiosk- und Blumenladen besitzt, verliebt.

Womit finanziert ihr das Projekt?

Wir sind non-profit und finanzieren uns hauptsächlich selbst, also aus dem eigenen Portemonnaie. Ausserdem haben wir einige Gönner*innen, die uns mit einem Betrag unterstützt haben. Wir sind sehr dankbar für jegliche finanzielle, aber auch sonstige Unterstützung, auf die wir auch ein Stück weit angewiesen sind. Uns ist es jedoch wichtig, dass die Arbeit in unserem Kulturbetrieb bezahlt wird, weshalb Gesuche für Stiftungen und Crowdfunding-Aktionen geplant sind. Gerade sind wir auch dabei, unser Helfer*innen-Netzwerk aufzubauen und sind sehr positiv überrascht wie viele Freiwillige sich schon bei uns gemeldet haben!

Was sind bei der Verwirklichung und Organisation eures Projekts die grössten Herausforderungen?

Klar ist es schwierig, sich autonom zu finanzieren und zu organisieren. Schliesslich befinden sich die meisten von uns noch in ihrem Bachelor- oder Masterstudium, ausserdem arbeiten wir alle auch noch nebenbei, also ist Zeit schon eine Herausforderung. Wir machen das auch alle zum ersten Mal und müssen zuerst herausfinden, wie ein solcher Betrieb für uns am Besten funktioniert. Trotzdem muss ich sagen, dass wir mittlerweile schon viel gelernt und herausgefunden haben, dass vor allem Kommunikation (sowohl mit den Künstler*innen, wie auch untereinander) ein sehr wichtiger und zu beachtender Bestandteil ist. Gemeinsam konnten wir bisher durch die gegenseitige Unterstützung alle Hürden überwinden.

Erzähl mir von deiner liebsten Performance!

Hmm, schwierige Frage! (Überlegt) Unsere Ausstellungen und Events greifen stets neue Thematiken und Ausstellungsformen auf, weshalb es sehr schwer ist, diese miteinander zu vergleichen. Aber was mich persönlich emotional sehr berührt hat, ist der Event «Homesick» mit einem Kurzfilm und Poesie von Mey Sayed mit anschliessendem Künstlerinnengespräch, moderiert von Brandy Butler. Es ging um die vielschichtige Identität schwarzer Diaspora-Frauen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Schweiz und an anderen Orten. Dieser sehr private Einblick in die Gefühlswelt der Künstlerin hat mich und die anderen Anwesenden sehr berührt und ich war begeistert wie entflammt, verständnisvoll und aktiv sich das Publikum an der anschliessenden Diskussion beteiligt hat.

Wieso seid ihr Kein Museum?

Carla hat auf diese Frage mal eine sehr passende Antwort gegeben: «Indem man sagt was man nicht ist, bleibt alles andere offen. Wir sind alles Mögliche.»

Insofern wollen wir uns nicht auf ein sehr konkret bestimmendes Konzept, eine Ausstellungsform oder Kunst- und Medienrichtung beschränken, sondern streben die Gegenüberstellung und Kombination verschiedenster Kunstformen an und beziehen zugleich die Besucher*innen in die Ausstellungen interaktiv mit ein.

Ursprünglich war das Konzept nur für befristete Zeit bis Mai gedacht – wie geht es weiter?

Aufgrund der grossen Resonanz, den positiven Reaktionen unserer Besucher*innen und vor allem der Freude, die es uns bereitet, haben wir uns entschlossen, unser Kein Museum auch ab Mai weiterzuführen. Voraussichtlich werden wir in unserem geliebten Raum an der Mutschellenstrasse bleiben, könnten uns aber auch durchaus vorstellen, uns in einer anderen Location wiederzufinden. Sicher ist, wir haben vor, einen festen Standort zu behalten in dem wir weiterhin als Kein Museum auftreten werden. Ausserdem wird man zukünftig auch noch in spannenden Kollaborationen von uns hören.


Die Dynamik und die Anpassungsfähigkeit des Konzepts des Kein Museum bewirkt, dass nichts unmöglich, kein Format zu ausgefallen, kein*e Künstler*in zu «nischig» ist. Es ist Ausstellungsraum, Bühne, Auktionshaus, Begegnungsort und Werkstatt.

Am Montag, 8. April beispielsweise verwandelt Levyn Andrey Bürki das Kein Museum in Kollaboration mit Samuel Eberenz und Stefan Scheidegger von LitUp! in eine Schreibwerkstatt auf der Jagd nach Geistesblitzen. Die Ergebnisse werden an der Vernissage am 12. April präsentiert und sind dann in der Ausstellung am darauffolgenden Samstag, 13. April zu sehen.

Spannend geht es weiter am letzten Wochenende im April. Mit «The Entrance into a Human Brain» verwandelt die Regisseurin und Filmproduzentin Debby Caplunik das Kein Museum mit einer multimedialen und begehbaren Installation in einen Raum der Fantasien und Geheimnisse unserer Gedanken. Dazu experimentiert sie mit ihren eigenen Ängsten, Hoffnungen und Ideen und lädt die Besucher*innen ein, dasselbe zu tun. Die Vernissage findet am 26. April von 18-22 Uhr statt. Früh kommen lohnt sich!

Debby Caplunik öffnet für die Besucher im Kein Museum die Schubladen zu unserer Existenz, unseren Gedanken und Gefühlen. (Bild: Screenshot aus einem Video, welches an der Ausstellung gezeigt wird. z. V. durch Kein Museum)

Das verlorene Plakat unserer Redaktorin hat sich an diesem Abend nicht unter den Fundsachen von Fundkunst.ch befunden. Sie ist sich aber sicher, dass es irgendwo einen Platz in einem Wohnzimmer gefunden hat, und den neuen Besitzer*innen dort viel Freude bereitet.

Kein Museum ist ein Projekt des Vereins «Kein Kollektiv». Neben Lara Baltsch sind noch Carla Peca, Christiana Stella, Lara Vehovar, Alessa Widmer, Julie Delnon und Wanda Honegger für das Projekt engagiert. Mehr Informationen zu den mitwirkenden Personen und kommenden Events findest du auf www.keinmuseum.ch

Titelbild: Lara Baltsch

Disclaimer: Die Redaktorin und Lara Baltsch kennen sich aus der Schulzeit.

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