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(Foto: Baptiste Coulon, HEAD Genève)

Weibliche Strassennamen: Ein rares Gut

Mehr Sichtbarkeit für Frauen im öffentlichen Raum – und in den Geschichtsbüchern. Ein feministisches Kollektiv aus Genf schlug dafür die Umbenennung von Strassennamen vor: Einflussreiche Frauen sollen geehrt werden. Wäre so ein Projekt auch in Zürich möglich?
13. Juni 2021

Text von Sophie Glaser, Sandra Huwiler und Lara Blatter


Das Genfer Kollektiv L’Escouade rief 2019 das Projekt 100Elles* ins Leben. Zwei Themen stehen dabei im Fokus: Die Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum und die Rolle von Frauen in der Geschichte der Stadt.

«Frauen sind die grossen Vergessenen in der Geschichte», sagt Nesrine Ghulam vom Kollektiv L’Escouade. Für sie und das Kollektiv ist klar, dass Frauen aus der Geschichte ausradiert wurden. Dies habe zur Folge, dass Frauen heute auf vielen Ebenen untervertreten seien. Sinnbildlich dafür sind Strassennamen. «Gerade einmal 43 der rund 600 Strassen und Plätze in Genf sind nach Frauen benannt», sagt Ghulam. Das sind sieben Prozent. In Zürich liegt diese Zahl mit dreizehn Prozent etwas höher: 68 von 516 nach Menschen benannten Strassen sind Frauen gewidmet. Da Genf kleiner als Zürich ist und gleichzeitig mehr Strassen die Namen von Menschen tragen, sind Frauen trotzdem verhältnismässig stärker vertreten.

Und dabei geht es Ghulam nicht nur um die Sichtbarkeit von Frauen, sondern auch um das kollektive Gedächtnis: «Sind die Strassen nur nach Männern benannt, so bleibt auch die Geschichtsschreibung männlich dominiert. Obwohl es viele Frauen gibt, die Teil der Geschichte sind und Wichtiges geleistet haben.» Es gebe aber noch weitere Dinge, über die man im öffentlichen Raum sprechen müsse, fügt sie an. «Nicht nur die Sichtbarkeit von Frauen muss sich verbessern. Sondern auch die Art und Weise dieser. Wenn man uns dann sieht, werden wir oft sehr sexualisiert dargestellt.»

Wie es der Name 100Elles* verrät, wurden 100 Frauen für mögliche Strassennamen vorgeschlagen. Zusammen mit Historikerinnen wurden diese porträtiert und ihre Geschichten in einem Buch veröffentlicht. «Wir wollen die vergangenen Errungenschaften von Frauen sichtbar und zugänglich machen – darum die Biografien. Nun liegt es an der Stadt Genf, die Strassen umzubenennen», so Ghulam.

Genf kooperierte und hing von März bis Juni 2020 provisorische, lilafarbene Tafeln für die 100 Frauen auf. Diese Tafeln hängen bis heute. Zudem sind seit letztem Jahr zehn Strassen definitiv zu Gunsten von Frauen umbenannt worden.

Das lilafarbene Schild für die drei Wäscherinnen hing erst am «Quai de la Poste». Die Stadt Genf beschloss daraufhin, die «Rue de la Pisciculture» definitiv den drei Wäscherinnen zu widmen. (Foto: Rojin Sadeghi, l'Escouade)

Genf: Eine Strasse für Wäscherinnen und keine für Sexarbeiterin

Die «Rue de la Pisciculture» am Rhônequai wurde im Rahmen des Projekts in die «Rue des Trois-Blanchisseuses» umbenannt, die Strasse der drei Wäscherinnen. Gedenkt wird drei Frauen, die 1913 tödlich verunglückten als ihr Waschschiff aufgrund seines desolaten Zustands sank. Der Tod der drei Wäscherinnen führte dazu, dass über die prekären Arbeitsbedingungen gesprochen wurde. Im Zuge dieser Diskussion eröffnete Genf eine der ersten öffentlichen Wäschereien, damit Frauen sicher waschen konnten.

Eine der drei Wäscherinnen war Marie Dido. Ihren heute 75-jährigen Enkel Pierre Dido berührt die Strassenumbenennung: «So bleibt diese emotionale Erinnerung meiner Familie auch in der breiten Gesellschaft lebendig.» Für ihn ist es auch ein Demokratisierungsprozess, wenn endlich mehr Frauen kollektiv erinnert werden. «Das Projekt zeigt Menschen Wertschätzung, die sonst in Vergessenheit geraten würden.»

Allgemein ernte das Projekt viel Zustimmung. Dennoch gebe es Leute, die Angst hätten, etwas zu verlieren. «Einige Gegner:innen stören sich daran, dass wir beispielsweise Fabrikarbeiterinnen für einen neuen Strassennamen vorschlagen. Sie finden diese nicht genügend ehrwürdig», sagt Ghulam und spricht den Kern der Thematik an: Wer hat einen Platz im öffentlichen Raum verdient?

So schrieb die Zeitung «Le Temps» im September 2020, dass der Widerstand in der Bevölkerung dazu führte, dass der Wechsel von der «Rue Jean-Violette» in die «Rue Grisélidis-Real» verworfen wurde. Grisélidis Réal war Künstlerin, Autorin und Sexarbeiterin. Sie gilt als Pionierin der Prostituierten-Bewegung. Manche Bewohner:innen sahen dies als «Angriff auf die lokale Identität» und starteten eine Petition mit dem Namen «Rührt den Namen unserer Strasse nicht an».

Es ist für die Orientierung nicht hilfreich, wenn die Namen von Strassen ändern.
Charlotte Koch Keller, Stadt Zürich

Zürich: Umstrittene Zeitzeugen und keine Umbenennungen

Damit eine Strasse in Genf nach einer Person benannt werden kann, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: Die Person muss einen nachhaltigen Einfluss auf die lokale Geschichte haben und seit mehr als zehn Jahren verstorben sein. Auch in Zürich werden Strassennamen nur an bereits verstorbene Menschen vergeben. Und auch auf den historischen und lokalen Bezug legt die Strassenbenennungskommission Zürich wert.

Strassen umbenennen, wie es Genf tut, käme hier nicht in Frage. «Wir sprechen uns gegen Umbenennungen aus. Es ist für die Orientierung nicht hilfreich, wenn die Namen von Strassen ändern. Zudem sind Strassennamen Zeitzeugen. Das müssen wir erhalten, auch die umstrittenen, wie beispielsweise die Rudolf-Brun-Brücke», sagt Charlotte Koch Keller, Geschäftsleiterin der Kommission.

Die Brücke im Kreis 1 ist nach dem ersten Bürgermeister von Zürich benannt. Er war zur Zeit der Judenverfolgung um 1349 im Amt. Welche Rolle er beim Pogrom spielte, ist unklar. Aber als Bürgermeister hat er jedenfalls nichts dagegen unternommen, wie Recherchen von Manuel Diener zeigen. Er soll gar profitiert haben: Sein Haus am Neumarkt habe er günstig erworben, da zuvor die jüdischen Hausbesitzer:innen vertrieben worden waren.

Die Romandie als Vorreiterin?

Nebst den neuen Strassennamen wurden in Genf auch die Hälfte der Piktogramme auf Verkehrsschildern für Zebrastreifen geändert. Nun sind neben Männern, die die Strasse überqueren, auch Frauen zu sehen. Ein weiteres Beispiel aus der Romandie: Seit Juni 2019 heisst ein zentraler Platz bei der Universität Neuenburg «Espace Tilo Frey». Tilo Frey war die erste Schwarze Nationalrätin der Schweiz. Den Platz hergeben musste der rassistische Wissenschaftler Louis Agassiz.

Dass die Romandie ein Vorbild für die Deutschschweiz sei, wagt Ghulam so aber nicht zu behaupten. Dafür kenne sie die Bewegungen aus der Deutschschweiz zu wenig. Ihr ist aber bewusst, dass Genf sehr links ist und sie als feministisches Kollektiv viel Unterstützung von institutioneller Seite und der Politik bekommen.

Auch in Zürich tut sich was. In den letzten Jahren seien bezüglich der Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum mehr Forderungen an die Stadt herangetragen worden. «Wenn wir können, dann bevorzugen wir Frauennamen für Strassen», so Koch Keller. Die Schwierigkeit hierbei sei, dass die Stadt mehr oder weniger gebaut sei. So könnten nur neue oder namenlose Strassen Menschen gewidmet werden.

Der Emilie-Lieberherr-Platz. (Foto: Lara Blatter)

Ein jüngeres Beispiel hierfür ist der Emilie-Lieberherr-Platz an der Langstrasse im Kreis 5. 1970 wurde Emilie Lieberherr als erste Frau überhaupt in den Zürcher Stadtrat gewählt und hat zeitlebens für mehr Frauenrechte gekämpft. 2020 wurde ihr nun ein Platz gewidmet. Dabei wich kein anderer Name, der Platz hatte bisher schlichtweg keine Bezeichnung und war umgangssprachlich als «Dennerplatz» bekannt.

Berta, Erika und Gertrud – viele Frauennamen in Wiedikon

Spaziert man durch Zürich Wiedikon, so begegnen einem einige weibliche Namen: Bertastrasse, Erikastrasse und Gertrudstrasse. Diese Strassen wurden jedoch nicht nach bekannten Frauen benannt, sondern es war zu jener Zeit üblich, Strassen nach Vornamen zu benennen. Nach dem Frauenstreik 2019 wurden Forderungen laut, dass auch in Zürich mehr Strassen nach bekannten Frauen benannt werden sollen. Die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich nahm dieses Anliegen auf. Im März 2021 ergänzte die Stadt acht Strassen mit Hinweisschildern über einflussreiche Frauen, die denselben Vornamen trugen. So ist beispielsweise die Bertastrasse nun der Architektin und Feministin Berta Rahm gewidmet.

«Die Strassen wurden also nicht umbenannt, konnten aber personifiziert werden», so Koch Keller. Das kommt der Zürcher Strassenbenennungskommission gerade recht.

«Wer war Berta Rahm?» Die Tafel ist nun mit einem QR-Code ergänzt, der zu einem Video über die Architektin führt. (Foto: Lara Blatter)

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