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Illustration: Artemisia Astolfi

Sozialpädagogin: «Wir geben alles, um die Risikopatient*innen zu schützen»

Junge Menschen aus dem Gesundheitswesen erzählen aus ihrem Alltag, sprechen über ihre Arbeitsbedingungen und wie sie die Corona-Krise erleben. Sofie ist 24 Jahre alt, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Sie arbeitet in einem Pflegeheim für Menschen mit körperlicher Behinderung. Die Bewohner*innen zählen zur Risikogruppe.
31. März 2020
Redaktorin

Lara Blatter: Wie ist die Stimmung und die Lage bei euch im Pflegeheim?

Sofie*: Die Stimmung ist etwas angespannt und bedrückt. Die Bewohner*innen sind ängstlich, ihnen ist bewusst, dass sie zu der Risikogruppe gehören. Werden sie mit dem Coronavirus angesteckt, kann das fatale Folgen haben. Für das Personal ist das sehr schwer: Die Angst, den Virus ins Heim zu bringen, ist allgegenwärtig.

Was habt ihr für neue Vorkehrungen, um die Risikopatient*innen zu schützen?

Die ganze Schicht durch tragen wir einen Mundschutz: beim Duschen, beim Essen und beim Pflegen der Bewohner*innen. Wenn wir einen Abstand von zwei Metern haben, so können wir ihn ablegen. Ausserdem herrscht ein absolutes Besuchsverbot und den Bewohner*innen wurde eine Ausgangssperre auferlegt, sie dürfen nicht raus. Das ist nicht einfach für sie; sie haben sonst schon wenig Kontakt zur Aussenwelt und jetzt gar keinen.

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Es ist wichtig, dass wir viel mit ihnen reden und ihnen Normalität fernab von Corona in den Alltag bringen. Das versuchen wir, indem wir ihnen Geschichten und aus unserem Alltag erzählen. Wir sind die einzigen Personen, welche sie sehen, daher sind wir auch für ihre Stimmung verantwortlich. Am Morgen versuche ich möglichst gut gelaunt ins Zimmer zu gehen und ihnen so den Start in den Tag zu erleichtern.

Nach der Arbeit bin ich oft psychisch und körperlich erschöpft, deinen Kram musst du während der Schicht vergessen.
Sofie

Sind die Bewohner*innen besorgt?

Ja, extrem. Viele kontrollieren uns; achten auf unseren Mundschutz und den Abstand zwischen uns. Sie fragen oft, wen wir in unserer Freizeit sonst noch sehen und ob wir mit dem ÖV zur Arbeit kommen.

Was wünschst du dir nach Corona fürs Gesundheits- und Sozialwesen?

Pflegepersonal und Berufe im Sozialwesen haben mehr Respekt und Lohn verdient. Es kann nicht sein, dass man so viel arbeiten muss und viele Schichtwechsel von Früh-, Spät- zu Nachtdienst hat. Zusätzlich wird man dann auch noch schlecht bezahlt. Fürs Sozialwesen wünsche ich mir mehr Anerkennung. Es ist mehr als einfach «ah, ich kann gut mit Menschen» und werde Sozialarbeiter*in. Die Gesellschaft soll merken, dass wir täglich viel leisten und einen harten Job haben. Nach der Arbeit bin ich oft psychisch und körperlich erschöpft, deinen Kram musst du während der Schicht vergessen und bist vollkommen nur für andere Menschen hier.

Was ist dein Statement zu den Arbeitsbedingungen im Gesundheits- und Sozialwesen?

In beiden Bereichen muss der Beruf attraktiver werden, es kann doch nicht sein, dass die Ausstiegsquote so hoch ist. Die Rahmenbedingungen muss die Politik verbessern. Geleistet wird in diesen Bereichen schon immer viel. Ich hoffe, das Coronavirus öffnet der Menschheit und den Politiker*innen die Augen.

*Name und Arbeitsort der Redaktion bekannt. Zum Schutz der Interviewten sind ihre Namen sowie ihr genauer Arbeitsort nicht erwähnt.

Held*innen erzählen

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