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Illustration: Artemisia Astolfi

Pflegefachfrau: «Klatschaktionen waren bewegend und scheinheilig»

Junge Menschen aus dem Gesundheitswesen erzählen aus ihrem Alltag, sprechen über ihre Arbeitsbedingungen und wie sie die Corona-Krise erleben. Lia ist 25 Jahre alt, diplomierte Pflegefachfrau und arbeitet in einem Spital im Kanton Zürich.
30. März 2020
Redaktorin

Lara Blatter: Wie ist die Stimmung und die Lage bei euch im Spital?

Lia*: Ich war am 23. März zuletzt im Spital. Viele Stationen sind momentan leer und wir warten auf den Ansturm der Coronapatient*innen. Das Spital wird von unten her aufgefüllt. Der erste Stock ist bereits komplett für die Isolationen vorbereitet. Reguläre Patient*innen haben wir ja trotzdem, darum sind andere Stationen umso überlasteter. Zudem haben wir momentan mehr Krankheitsausfälle in der Belegschaft. Flexibilität wird erwartet, wir rücken alle näher zusammen, Schichtpläne ändern sich immer mal wieder. Es ist unklar, wie der nächste Tag aussehen wird.

Arbeitest du mehr wie sonst?

Wir haben bereits Coronapatient*innen, momentan ist die Auslastung aber noch nicht grösser als sonst. Im Gegenteil, ich bekam einige Freitage. Man muss davon ausgehen, dass die Spitäler demnächst tendenziell überlastet sein werden, daher werden jetzt noch Ressourcen gespart. (Anm. d. Red. Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli geht davon aus, dass in eineinhalb Wochen der grosse Ansturm auf die Spitäler kommen wird)

Was wünschst du dir nach Corona fürs Gesundheitswesen?

Die jetzige Aufmerksamkeit schätze ich sehr und ist schön. Auch die Klatschaktionen waren bewegend. Aber irgendwie scheint mir das Ganze auch scheinheilig. Dieser Einsatz vom Gesundheitswesen war auch vor Corona schon da. In Ausnahmesituationen zu arbeiten ist alltäglich. Wir geben alles für andere Menschen, sind für sie da und arbeiten rund um die Uhr.

Nun haben wir plötzlich die Aufmerksamkeit, das Klatschen und so – ist ja schön und gut. Aber ich wünschte mir, dass das nachhaltig sein wird. Die Anerkennung fehlt ansonsten nämlich. Die Aussteigerinnen-Quote ist nicht umsonst so hoch. Der Lohn muss gerechter werden, man muss in die Ausbildung investieren und den Beruf attraktiver gestalten.

Oft habe ich das Gefühl, dass ich mein Leben verpasse.
Lia

Hast du dir auch schon überlegt das Berufsfeld zu wechseln?

Ja. Es geht nicht in erster Linie darum, weg von der Pflege zu kommen, sondern viel mehr weg vom Schichtbetrieb. Oft habe ich das Gefühl, dass ich mein Leben verpasse. Was Freund*innen in meinem Umfeld machen, geht häufig an mir vorbei. Der Ton im Team ist klagend; man hat keine Zeit für das soziale Umfeld und ist nur noch im Spital. Die psychische Belastung ist auch nicht zu unterschätzen. Zuvor arbeitete ich auf der Palliativstation, das war teils heftig, täglich bist du mit dem Tod und viel Leid konfrontiert.

Was ist dein Statement zu den Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen?

Ich arbeite bewusst nur noch 80 Prozent. Mit Schichtarbeit sind 100 Prozent ziemlich abartig, der Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtdienst ist nicht ewig tragbar. Oft starten Pflegende mit 100 Prozent und merken dann, dass sie reduzieren müssen – wenn sie es sich leisten können. Eine Kollegin reduzierte eben ihr Pensum auf 90 Prozent, da sie nahe am Burnout war oder ist.

*Name und Arbeitsort der Redaktion bekannt. Zum Schutz der Interviewten sind ihre Namen sowie ihr genauer Arbeitsort nicht erwähnt.

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