Aktivistin zur Heilsarmee-Besetzung: «Wir sind gegen überflüssigen Leerstand.»

Als die Heilsarmee wegen der kommenden Überbauung ausgezogen ist, sind die Besetzer*innen vom Autonomen Theater bereit gestanden und haben am 23. November ein Kulturzentrum eröffnet. Am Freitag droht die Räumung. Tsüri.ch hat mit einer der Aktivist*innen* gesprochen.
21. Dezember 2017

Ihr habt das Gebäude der Heilsarmee besetzt. Warum?

Wir wollten unbedingt ein Kulturzentrum für kreative Menschen und das Quartier machen; diese Räume der Heilsarmee sind genial! Wir haben zum Beispiel einen grossen Raum, der nun von Theatergruppen und für andere Projekte genutzt werden kann.

Hättet ihr dafür keine Räume mieten können?

Wir wollen einen breiten Zugang zu Kultur und Kreativität schaffen – das heisst ohne Eintrittsgeld und ohne Profit der Beteiligten. Mit den Zürcher Mieten könnten wir dieses Ideal niemals umsetzen. Zudem sind wir gegen einen überflüssigen Leerstand.

Was habt ihr seit der Besetzung am 23. November bereits umgesetzt?

Nicht nur wir vom Autonomen Theater bespielen das Haus, auch andere Menschen nutzen diesen Ort: Nachbar*innen haben einen Jonglierworkshop organisiert oder Theater mit Kindern. Die Leute sollen kommen und gute Sachen machen. Alle, die sich an unsere Grundsätze halten, sind willkommen: Es wird nicht geraucht, kein Alkohol verkauft und keinen Gewinn gemacht. Wir sind ein Kulturzentrum im Quartier.

Was ist das Autonome Theater?

Wir sind Menschen, die zusammen politisches Theater machen. Wir verstehen das Theater nicht als Konsumgut, das die Realität interpretieren soll; wir wollen zum Denken anregen.

Werdet ihr wie von der Heilsarmee gefordert das Gebäude am 22. Dezember verlassen?

Sie drohen uns, dass sie uns sonst strafrechtlich verfolgen und das Gebäude räumen würden. Wir sind aber in Kontakt mit der Heilsarmee und verhandeln über einen längeren Verbleib des Kulturzentrums. In den Wohnungen im Haus leben inzwischen Menschen, die sonst kein warmes Zuhause haben. Will die Heilsarmee diese wirklich so kurz vor Weihnachten auf die Strasse stellen? Wir wollen keinen Leerstand oder eine Brache im Quartier!

Im nächsten Sommer beginnt die Allreal mit dem Bau des Grünhof-Areals, welches knapp 100 Wohnungen umfassen wird. Ist die Besetzung auch eine Botschaft an diese Überbauung?

Natürlich ist uns die Gentrifizierung ein Anliegen und Stadtentwicklung ist politisch. Gerade in diesem Quartier ist es ein grosses Thema, dass die Mieten steigen, Häuser abgerissen oder teuer saniert werden. Für die wenigsten ist es möglich, wieder zurückzukehren, wenn sich Mieten vervielfachen. So werden Menschen an den Rand der Stadt gedrängt. Das Quartier wird zwar neu gestaltet, jedoch nicht im Interesse der Menschen, welche dort bisher gelebt haben. Denn dass diese neuen Wohnungen bezahlbar sind und ein Kulturzentrum Platz findet, bezweifle ich stark. Wir sind gegen einen Abriss auf Vorrat und gegen eine Verdrängung der unteren sozialen Schicht aus der Stadt.

Normalerweise reden Besetzer*innen nicht mit den Medien. Seid ihr anders?

Wir haben eine sehr offene Besetzung geschaffen, die sich ins Quartier einbinden will. Die positiven Reaktionen und die Unterstützung von Freund*innen, Nachbar*innen und Passant*innen machen uns Freude und bestätigen uns, dass Freiraumprojekte ohne Hierarchien und Konsumzwang in Zürich essentiell sind. Es ist schön zu sehen, dass auch Kinder und ältere Menschen kommen – solche, die sonst nicht viel mit Besetzer*innen zu tun haben. Wir haben die gleichen Ideale, wie die andere Besetzungen auch. Wir sind gegen die herrschende Stadtentwicklung und jeglichen Leerstand von Wohn- beziehungsweise Lebensraum.

→ Am Freitag gibt es den ganzen Tag Crêpe & Show vor dem Heilsarmee-Gebäude an der Ankerstrasse 31.

*Name der Redaktion bekannt.

Screenshots: Allreal

Bilder: zvg

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