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Hayat Erdoğan: Intendantin des Theater Neumarkt, James-Joyce-Expertin und Tsüri-Member

Das Theater Neumarkt hat seit wenigen Wochen eine neue Intendanz. Eine der neuen Direktorinnen ist Tsüri-Member der ersten Stunde: Hayat Erdoğan, die seit 9 Jahren in Zürich lebt.
14. November 2019
Redaktorin

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Eigentlich wollte Hayat Erdoğan früher Werbetexterin werden. «Ich bin dann aber offensichtlich nicht in der Werbebranche gelandet», sagt sie lachend und auch etwas erleichtert. Heute, etwa zwanzig Jahre später, leitet Hayat gemeinsam mit Tine Milz und Julia Reichert das Zürcher Theater Neumarkt.

Ich treffe Hayat an einem Samstagmorgen in einem Zürcher Café und entschuldige mich dafür, dass ich sie in ihrer freien Zeit in Beschlag nehme. «Das ist voll ok», sagt sie. Schliesslich müsse sie nachmittags sowieso wieder ins Niederdorf zur Arbeit. Die Leitung des Theaters sei im wahrsten Sinne des Wortes ein Vollzeitjob. «Für mich ‘nen Cappuccino», sagt sie und schält sich aus ihrem langen schwarzen Mantel. Sie trägt einen beigen Overall und eine schwarze Mütze mit der Aufschrift: «Work it.».

Texte, Inhalte und Geschichten

Hayat wird in Deutschland geboren, besucht die erste Klasse aber in der Türkei. Bevor sie ihr zweites Schuljahr antreten kann, kehrt sie wieder zurück nach Deutschland und muss dort die erste Klasse wiederholen, um erst Mal wieder Deutsch zu lernen. Nach dem Abitur zieht sie allein nach London, wo sie Zukunftspläne schmiedet, um als Werbetexterin durchzustarten. Stattdessen geht Hayat aber nach einem halben Jahr wieder nach Deutschland und beschliesst sich an der Stuttgarter Kunstakademie zu bewerben.

«Ich reichte dort meine Mappe ein, wurde eingeladen. Aber dann hiess es, ich solle noch in künstlerischen Bereichen Arbeitserfahrung sammeln und in einem Jahr wieder kommen. Ersteres tat ich dann.» Während ihres künstlerischen Praktikums schnuppert Hayat zum ersten Mal Theaterluft. «Dort merkte ich aber, wie viel Spass es mir macht, über Texte und Inhalte nachzudenken und Geschichten zu erzählen. Und so kam es, dass ich in Stuttgart etwas ganz anderes studiert habe. Nämlich Geisteswissenschaften.»

An der Universität Stuttgart macht Hayat ihren Master in englischer und deutscher Literaturwissenschaft und arbeitet dabei weiter nebenbei im Theater. «Ich habe aber daneben auch noch zig andere Sachen gemacht und zum Beispiel in einem Club, an der Bar, in der Fabrik und als Dolmetscherin und Übersetzerin gearbeitet.»

Zürich, die Postkartenstadt

Während ihres Studiums beginnt sie sich intensiv mit den Werken des irischen Schriftstellers James Joyces zu befassen. Joyce, der lange in Zürich lebte, ist hier begraben, weshalb auch die nach ihm benannte Stiftung in Zürich verortet ist. Die Beschäftigung mit dem Autoren führt Hayat 2007 zum ersten Mal in die Limmatstadt, wo sie für eine Uni-Arbeit nach Quellen recherchiert. Ein Jahr später verbringt sie dann mehrere Monate in Zürich als Stipendiatin der James Joyce Stiftung.

Von Zürich hat sie damals noch ein romantisiertes Bild. Es ist für sie die Stadt, die Joyce und viele andere Künstler*innen und Autor*innen inspirierte.«Es kam mir vor wie eine Postkartenstadt mit all diesen schönen alten Häusern. Vor allem im Vergleich zu Stuttgart, das vom Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde.»

Hayat ist noch immer in Zürich, als sie einen Anruf vom Chefdramaturgen der Theaterschule in Ludwigsburg erhält, der ihr einen Studienplatz in seinem Masterprogramm anbietet. Sie zögert zunächst. «In dieser Zeit war ich mir noch nicht sicher, ob ich in die akademische Richtung gehen soll als Literaturwissenschaftlerin, oder ob ich mich lieber dem Theater widmen sollte. Aber die Dramaturgie ist ja dann doch ziemlich nahe an dem, was man als Literaturwissenschaftlerin gerne macht. Und so habe ich mich dann doch für Ludwigsburg entschieden.»

Tsüri-Member geblieben bin ich wegen des familiären Charakters des Magazins.
Hayat Erdoğan

Theater mit Politik

Trotzdem kehrt Hayat nur kurze Zeit später, nämlich 2010, nach Zürich zurück, als sie nach ihrem Theaterstudium eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule der Künste erhält und in den nächsten Jahren damit beschäftigt ist, dort den Master Dramaturgie mitaufzubauen. Seit 2012 ist sie nun als Dozentin an der Kunsthochschule tätig.

Mittlerweile ist Zürich zu ihrem zu Hause geworden. Bei Tsüri.ch ist sie bereits eine ganze Weile Member. «Roland Wagner, der früher Geschäftsführer war, hat mir damals von dem Projekt erzählt und mich überzeugt. Geblieben bin ich wegen des familiären Charakters des Magazins.»

Seit diesem Herbst leitet sie nun gemeinsam mit Tine Milz und Julia Reichert für die nächsten vier Jahre das Theater im pittoresken Niederdörfli. «Tine hatte die Idee. Ich wäre sonst gar nicht darauf gekommen, mich für die Stelle zu bewerben», sagt Hayat.

Die Übernahme des Trios blieb alles andere als unbemerkt. Mit ihrer Aktion «Ruag Green» und der darin übermittelten Kunde, der Rüstungskonzern würde dem Waffenhandel abschwören und in Zukunft keine Munition mehr produzieren, sorgten sie in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen. Theater und Politik schliessen sich nicht aus, es müsse aber aus einer Notwendigkeit herauskommen, sagt Hayat. Deshalb würden sie auch in Zukunft den Anspruch wahren, Normen zu hinterfragen, Impulse zu setzen und da zu intervenieren, wo es Not tut. Denn das Theater sei nicht bloss ein Ort der guten Geschichten, sondern auch Versammlungsort und ein Ort des Diskurses.

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