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Severin, Joana und Kevin bewohnen die WG an der Langstrasse 97. Foto: Severin Wirth

Hausparty, Hausschwein und bald auch im Hive – die WG an der Langstrasse 97

Die WG an der Langstrasse 97 hat an ihren regelmässigen Homepartys bereits einige aussergewöhnliche Gäste empfangen – darunter ein Hausschwein namens Barbara. Nun laden die drei Bewohner*innen ihr Partyvolk ins Hive ein.
22. Juli 2020

Auf der Höhe des Palestine-Grills biege ich in eine Seitenstrasse ein, wo ich an einem Schaufenster vorbeilaufe. «Körper-Therapie» steht darauf geschrieben. Und weiter: «Diverse erotische Spezialitäten». Im Inneren des Ladens brennt rotes Licht. Zu meiner linken befindet sich ein Innenhof. Die beigen Hausfassaden sind mit Graffitis besprüht. Vor mir steht eine rosafarbenes Wohnhaus, eingehüllt in ein Baustellengerüst. Die Farbe der blauen Eingangstür ist etwas abgeblättert. Darauf ein Kleber: «Bitte Türe mit dem Schlüssel öffnen und nicht mit Füssen dagegentreten.» Ich stosse die Tür kräftig auf. Vor der Wohnung mit der Beschriftung «Langstrasse 97» mache ich Halt. Sie ist abgeschlossen. Und das aus gutem Grund: «Es gab Zeiten, da sind einfach fremde Menschen in unsere Wohnung spaziert», sagt Kevin, als er mir die Tür öffnet. Der Küchenchef aus München wohnt hier mit zwei Kolleg*innen: Joanna aus St.Gallen und Severin aus Wollishofen.

«Orangen flogen durch die Wohnung»

Ein Zimmer ist besonders auffällig. Auf 13 Quadratmetern haben die drei einen liebevollen Chill- und Rave-Ort geschaffen. Bunte Marmorplatten zieren den Boden. Die Wände sind mit grünem Samtstoff geschmückt. Hinter dem DJ Pult hängt eine grosse blaue Neonleuchte «Langstrasse 97». Wir sitzen zu viert auf den Sofakissen. Normalerweise finden in diesem Raum regelmässig Partys statt.

«An unserer fettesten Homeparty erschienen 70 Leute – unsere Zimmer haben wir abgeschlossen. Die Gäste konnten lediglich den Partyraum, Balkon und die Küche benutzen. Einige waren auch im Bad», sagt der 23-jährige Severin und schmunzelt.

Der Chillraum inklusive Tsüri-Leuchtschrift. Foto: Severin Wirth

Ihre Partys finden bei geladenen und nicht-geladenen Gästen Anklang. «Als wir die Eingangstür noch nicht abgeschlossen hatten, kamen viele fremde Personen in unserer WG, die nicht selten Stress gemacht haben», sagt Severin. Einmal hätten sich zwei Personen in seinem Zimmer eingeschlossen, die Türe musste dann zuerst mit dem Bohrer und mit den Füssen gewaltsam geöffnet werden. Auch Orangen flogen durch die Wohnung.

Der Berliner DJ Oliver Koletzki und eine Person des Electro-Duos Animal Trainer waren bereits in der Wohnung zu Gast. Oder kürzlich das Hausschwein Barbara, das mit einem Tutu verkleidet war und einem Kollegen von Severin gehört.

«Um hier zu wohnen, braucht es eine grosse Toleranz»

«Wir wohnen ziemlich abgefuckt und können daher nicht behaupten, dass wir eine hohe Wohnqualität aufweisen. Aber: Wir können unserem Freundeskreis einen Ort bieten, um gemeinsam zu chillen. Unsere Freund*innen profitieren am Ende am meisten davon – und das erst noch kostenlos», sagt der 25-jährige Kevin.

Er finde es wichtig, dass eine Stadt nicht vollkommen der Gentrifizierung verfalle. Auch hier an der Langstrasse merke man, dass die Behörden viel toleranter seien und Anwohner*innen mehr Spielraum gäben.

Joanna wohnt schon am längsten in der WG. Foto: Severin Wirth

«Um hier zu wohnen, braucht es eine grosse Toleranz», betont die 27-jährige Joanna. Sie war die Erste der heutigen Dreier-Konstellation, die in die WG an der Langstrasse zog. Vor knapp zwei Jahren teilte sie die Wohnung mit «einem jungen Mann vom Land», wie die gelernte Kauffrau sagt. «Als er Prostituierte und Junkies vor unserer Wohnung sah, brach er in Tränen aus», erzählt sie. Menschen, die vor ihrer Haustür schlafen oder sich Heroin spritzen – damit muss man rechnen, wenn man hierherziehe. Und: Man muss mit dem umgehen können, ansonsten sei man hier am falschen Ort.

Die Langstrasse 97 fliegt (her)aus

Weil das Feedback zu ihren Partys stets positiv ist, veranstaltet die WG am Freitag, 24. Juli eine Party im Hive. Severin, der kreative Kopf der WG, hat dafür extra ein Promo-Video gedreht. Die Geschichte handelt davon, dass die Verwaltung der WG «kündigte» und sie deshalb nun ins Hive ausfliegen. Ob die Bewohner*innen tatsächlich bereits mit der Verwaltung oder der Polizei in Kontakt gekommen sind, möchten sie nicht sagen. Nur so viel: «Wenn man die Polizei braucht, sind sie schnell hier.»

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