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Foto: Basil Schmid

«Hässig auf Roland»: Ein Kommentar zum Verhüllungsverbot

Am 7. März stimmt das Stimmvolk über die SVP-Initiative «Ja zum Verhüllungsverbot» ab. Die Journalistin und Aktivistin Anna Rosenwasser hat dazu einen Kommentar verfasst. Sie findet: «Es geht bei dieser Diskussion nicht um den Niqab oder die Burka. Es geht um unsere Angst vor Kulturen, von denen die meisten Schweizer*innen keine Ahnung haben.»
08. Februar 2021
Journalistin

Ich kann nicht fassen, dass wir schon wieder eine Islam-Diskussion führen. Ich fühle mich ein bisschen wie im Film «Und täglich grüsst das Murmeltier», nur wäre ich gerade viel lieber ein Murmeltier als eine Feministin, die den Schweizern – generisches Maskulinum – ein weiteres Mal erklären muss, dass man Frauen nicht befreit, indem man ihnen etwas verbietet.

Um das klarzustellen: Ich habe keine Ahnung vom Islam. Die Partei, von der diese Initiative stammt, auch nicht. Anstatt wirklichen Terror zu bekämpfen, will sie eine Kleidervorschrift für Frauen in der Verfassung verankern. Zum Schutz der armen Frauen. Schon klar.

Eigentlich, tief in uns drin, wissen wir alle: Es geht bei dieser Diskussion nicht um den Niqab oder die Burka. Es geht um unsere Angst vor Kulturen, von denen die meisten Schweizer*innen keine Ahnung haben. Ausser diejenigen, zu denen sie gehört. Und die haben oft nicht mal das Recht, abzustimmen. Mega die Demokratie hier.

Ihr merkt, ich bin hässig. Das liegt nicht daran, dass ich einen Niqab trage. Damit alte weisse Männer mir vorschreiben, was ich anziehe, muss ich gar nicht zum Schleier greifen. In diesem Land, das sich gern als modern profiliert, gibt es eigentlich keinen richtigen Weg, Frau zu sein. Zeige ich Haut, bin ich eine Schlampe. Bedecke ich mich, bin ich Terroristin. Und wenn ich endlich herausgefunden haben, wo der Sweet Spot ist, den die Uelis und die Rolands dieser Nation an mir befürworten, bin ich eh schon so alt, dass mein Körper in der Öffentlichkeit besser nicht mehr zu existieren hat. Also etwa 25.

Unsere Kultur ist es sich so gewöhnt, Frauen zu kontrollieren, dass es uns gar nicht auffällt, wie fucked up das eigentlich ist. Googelt doch mal kurz, wie viele terroristischen Attacken von vollverhüllten Frauen ausgeführt werden. Und dann googelt doch auch mal, wie viele Frauen es überhaupt sind, die Anschläge verüben. Und dann, liebe Daniels und Patricks, googelt bei der Gelegenheit grad auch noch, wie viele Anschläge im deutschsprachigen Raum denn wirklich von verhüllten Islamisten kamen und wie viele von Rechtsnationalisten. Ah nein sorry, die Schweizer Demokraten sitzen bei euch ja im Initiativkomitee.

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Seit ich mich öffentlich gegen dieses Verbot ausspreche, passieren zwei interessante Dinge in meinen DMs. (An alle Walters: Das ist der Posteingang im World Wide Web.) Erstens schreiben mir fremde Männer plötzlich jeden Tag absurd lange Nachrichten mit betont komplizierten Wörtern, mit denen sie mir im erklären, dass diese Kleidervorschrift Frauen befreit. Das ist schonmal verwunderlich, denn die wenigen Prozent Männer, die mir online folgen, sind meistens queer as fuck oder so links, dass sie sich performativ die Nägel anmalen. Diejenigen Männer, die mir jetzt schreiben, sind anders. Sie haben Schweizerkreuz-Emojis in ihrer Bio und Militärfotos auf ihrem Profil. Das find ich beides nicht mega sympathisch, aber ich starte deswegen noch lange keine Initiative.

Das zweite Phänomen in meinen DMs: Musliminnen, die schildern, wie sie angerempelt und angespuckt werden im ÖV, wenn sie ein Kopftuch tragen. Sie beschreiben, wie ihre Mütter und Schwestern und Freundinnen das Kopftuch nicht mehr tragen, um nicht mehr auf der Strasse angefeindet zu werden. Sie sagen mir: Ich hab Angst.

Wenn ich diese Schilderungen lese, bin ich in Gedanken auch im Tram, im Zürcher Sommer, mit zu kurzen Hotpants oder zu kurzen Haaren oder zu offensichtlich am Händchenhalten mit meiner Partnerin, und irgendwelche Patricks lassen mich das spüren. In der Schweiz gibt es keinen richtigen Weg, Frau zu sein. Wir stimmen mal wieder darüber ab, was wir Frauen alles falsch machen.

«Es geht um Gleichberechtigung», sagen die Uelis. Sie sind Teil derjenigen Partei, die vor 50 Jahren gegen das Frauenstimmrecht war. Einer Partei, die anfangs Achtziger die Gleichstellung der Geschlechter nicht in der Bundesverfassung wollte, Mitte der Neunziger gegen das Gleichstellungsgesetz argumentierte. Die den Frauenstreik 2019 nicht nötig fand. Diese Partei sagt nun, man solle Musliminnen den Niqab verbieten, um sie zu befreien. Das ist in etwa so originell wie das Plakat mit den weissen Schäfli, die die schwarzen Schäfli aus der Eidgenossenschaft ginggen. Nur, dass die schwarzen Schäfli nun das falsche Stück Stoff anhaben. Die weissen Schäfli hingegen heissen noch immer Ueli, Walter und Roland. Manche Dinge wiederholen sich. Das müssen wir ändern.

Quellen:
Argumentarium des Interreligiösen Think Thank
Rede von Samira Marti

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