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Ein Flexitram im Untergrund? Wunschdenken für die einen, unnötig für die anderen. (Foto: Unsplash)

«Häsch gwüsst?»: Deshalb hat Zürich keine U-Bahn

Paris hat eine. Mailand hat eine. Und München hat eine. Nur Zürich hat keine. Die Rede ist von der U-Bahn, die vor 150 Jahren erstmals in London unter der Erde fuhr. Der Mobilitätsexperte Andrew Nash befasste sich an der ETH mit dem öffentlichen Verkehr Zürichs. Er erklärt, weshalb Zürich keine U-Bahn baute, welche Vorteile dies mit sich brachte und spricht über sein liebstes Verkehrsmittel – das Fahrrad.
30. Juni 2021

Auf den Zürcher Strassen fuhren im vergangenen Jahr 267 Trams und S-Bahnen, 241 Busse und zwei Seilbahnen – keine einzige U-Bahn. Weshalb gibt es in der Stadt keine U-Bahn? «Simple Antwort: Weil die Zürcher Stimmbürger: innen den Bau einer U-Bahn im Jahr 1973 ablehnten», sagt der Amerikaner Andrew Nash. Die für ihn bessere Antwort schiebt er gleich nach: «Weil Zürich keine U-Bahn braucht!» Nicht nur seien U-Bahnen sehr teuer – dies sei mitunter ein Grund gewesen, weshalb die Stimmbürger:innen die Abstimmung damals ablehnten – sie seien auch weniger praktisch für Benutzer:innen: U-Bahn Haltestellen befänden sich eher in der Nähe der Agglomeration. Zudem würden Treppen den Zugang zu ihnen erschweren. «Zuletzt weiss jede:r, der:die einmal eine Stadt mit einer U-Bahn besucht hat, dass der Strassenverkehr durch eine U-Bahn nicht abnimmt», so der Mobilitätsexperte.

Mehr Verkehr wegen U-Bahn?

Statt eine U-Bahn zu bauen, reagierte die Stadt Zürich sensibel auf die Bedürfnisse der Bevölkerung: Es entstanden nicht nur Strassenbahnen und Busse, die sich auf exklusiven Fahrspuren schneller fortbewegen konnten, sondern damit auch ein hochinnovatives Lichtsignalsteuerungsprogramm. Diese schnellen Strassenbahnen in Kombination mit einer umfangreichen S-Bahn machen Zürich heute zu einer Stadt mit der erfolgreichsten und ökologischsten Verkehrspolitik. «In Deutschland wurden in den 60er und 70er Jahren viele U-Bahnen gebaut. Als die Zürcher:innen 1973 über den Bau von U-Bahnen abstimmen mussten, orientierten sie sich an ihrem Nachbarland.» Es stellte sich heraus, dass Deutschland mit dem Bau von unterirdischen Strassenbahnen nicht weniger – sondern mehr Verkehr auf den Strassen hatte. Weshalb? «Das ist etwas kompliziert, um nachzuvollziehen. Intuitiv würde man annehmen, dass der Strassenverkehr durch den Bau von U-Bahnen abnehmen würde. Wenn es jedoch um Verkehr geht, dann geht diese Rechnung nicht auf. Wenn sich die Kapazität ändert, dann ändert sich die Nachfrage. Und die Nachfrage steigt, sobald man mehr Kapazität zur Verfügung hat.»

Für Nash, der in San Francisco aufwuchs, ist klar: Egal, ob Auto, Tram, Bus, Bahn oder U-Bahn – dem Fahrrad bietet kein anderes Verkehrsmittel die Stirn. Während seiner Arbeit an der ETH radelte er täglich durch den Wald auf den Höngger Berg. Er meint, Zürich hätte das Potenzial, eine Fahrradstadt zu werden. «Fahrradfahrer:innen machen die Stadt netter für alles Mögliche – sogar für die Wirtschaft.» Dies würden die Fahrradstädte Amsterdam und Kopenhagen beweisen. «Aber Fahrräder allein sind nicht genug. Wie alle Städte muss auch Zürich einen sinnvollen Weg finden, wie Radfahrer:innen und öffentlicher Verkehr zusammenarbeiten können, um eine attraktive und lebenswerte Stadt zu schaffen.»


Andrew Nash ist Mobilitätsexperte: Bevor er an der ETH arbeitete war er Direktor des Departementes für Verkehr in San Francisco. In Zürich befasste er sich mit den städtischen öffentlichen Verkehrsmitteln. Er ist in San Francisco aufgewachsen und lebt nun in Wien.


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