Foto: Seraina Manser

«Häsch gwüsst?»: Deshalb sagen wir Josefswiese statt Josefwiese

«Häsch gwüsst?» – In diesem neuen Format gehen wir verblüffenden, lustigen und aussergewöhnlichen Phänomenen in der Stadt Zürich auf den Grund. Falls dir eine Frage unter den Nägeln brennt, die wir für dich beantworten sollen, dann darfst du dich gerne bei uns melden.
10. März 2021

Unsere erste Frage führt uns zur Josefwiese, die im Volksmund Josefswiese genannt wird. Wieso aber? Darauf hat Christa Dürscheid, Linguistin an der Universität Zürich eine Antwort: «Das «s», das den Namen «Josef» und das Substantiv «Wiese» miteinander verbindet, nennt man in der Linguistik – einem Teilgebiet der Germanistik – eine Fuge», so die Professorin. In den letzten 50 Jahren zeigte sich eine steigende Tendenz, im Deutschen ein solches Element als Verbindung zweier Wörter einzufügen. Wie aber hat sich dieses «s» überhaupt als Wortverbindung etabliert? «Manche behaupten, dass das «s» eine alte Endung des Genitivs sei. Also beispielsweise der Tag des Heiligen Josefs (Josefstag) oder der Vater des Kindes (Kindsvater)», so Dürscheid. Allerding gäbe es zahlreiche Wortverbindungen – wie beispielsweise das Wort Vorlesungsende (das Ende der Vorlesung) – , die diese These widerlegen würden. Eine weitere Vermutung lässt darauf schliessen, dass der Grund für dieses Fugenelement sprachgeschichtlich zu erklären sei. So oder so meint Dürscheid: «Das «s» als Fugenelement ist praktisch, da es eine Wortgrenze anzeigt und die Stelle stützt, an der die beiden Wörter zusammengesetzt sind. Auch für ausländische Deutschlernende ist das «s» hilfreich, da es wie ein Scharnier wirkt.»

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Es gibt noch andere Fugenelemente, so das «e»: Auf Standarddeutsch heisse es beispielsweise Bademeister, auf Schweizerdeutsch hingegen nur Badmeister. Oder Kinderstuhl, obwohl damit nicht mehrere Kinder gemeint sind, die sich auf diesen Stuhl setzen können. Fugenelemente zwischen zwei oder mehreren Wörtern einzugliedern sei ein typisches Phänomen der deutschen Sprache. Im Französischen oder Englischen beispielsweise würden sich mehrere Wörter mittels Präpositionen zusammensetzen. «So heisst es auf Deutsch Eingangstür, auf Französisch hingegen porte d’entrée. Oder auf Deutsch Vorlesungsende, auf Englisch aber end of lecture.» Das Deutsche habe im Prinzip die Möglichkeit, endlos Wörter aneinanderzureihen. Ein lustiges Beispiel für ein solches Wortungetüme sei die «Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänwitwe».

Über welches Zürcher Phänomen wolltest du schon immer mehr wissen? Schreib deine Frage direkt an Céline.

Christa Dürscheid (1959) ist eine deutsche Linguistin. Sie lehrt als Universitätsprofessorin an der Universität Zürich an der philosophischen Fakultät der UZH und hat einen Lehrstuhl am Deutschen Seminar. Auf ihrem Twitteraccount @VariantenGra macht sie immer wieder auf verblüffende Phänomene der Deutschen Sprache aufmerksam.

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