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Grundriss der «zurwollke»-Halle. Bilder: Rahel Bains

Hallenwohnen im Zollhaus – Ein Hauch Besetzer*innen-Groove im Kreis 5

So zu leben war in Zürich bislang nur in Abbruchhäusern möglich: Im Zollhaus, dem neuesten Wohnprojekt der Genossenschaft Kalkbreite, sind zwei grosse Hallen geplant. Dort werden schon bald Kreativschaffende, Künstler*innen, Familien, Paare und Singles einziehen. Wir haben eine der beiden künftigen Gross-WGs kurz vor dem Einzug getroffen.
15. November 2020
Redaktionsleiterin

«Wir starten ein Projekt. Für die wohl extremste Form aller Wohnformen. Die Wohnform der Zukunft», sagte einer der Workshopleiter an der Kick-off-Veranstaltung zum Konzept Hallenwohnen unter der Leitung der Genossenschaft Kalkbreite. Das war im Sommer 2017. Vor den damals knapp 50 Menschen stand ein Modell mit Grundriss. Darauf, wie Medien berichteten, «Figuren, kleine Stellwände aus Papier, Minipflanzen aus Styropor.»

Die Anwesenden hätten über Kochnischen, Nasszellen, Strickleitern, Hochbetten oder die beste Art der Kleiderlagerung diskutiert. Darüber, wie man das denn machen könnte, diese Weiterentwicklung Wohnformen, die aus der der temporären Nutzung ehemaliger Gewerberäume entstanden ist. Bei der mehrere Familien, Einzelpersonen und Paare eine einzige grosse Halle gemeinsam nutzen, mehr noch: bewohnen. Und die in wenigen Monaten in der neuen Zollhaus-Siedlung der Genossenschaft Kalkbreite Wirklichkeit werden und einen Hauch Besetzer*innenstimmung ins ehemalige Arbeiterquartier bringen soll. «Es ist noch nicht definitiv und darf utopisch sein», wurden die Interessent*innen damals ermutigt.

Utopisch ist heute nichts mehr. Eine der beiden geplanten Hallen wird in weniger als zwei Monaten vom eigens dafür gegründeten Verein «zurwollke» bewohnt werden. Vor drei Wochen treffen sich dessen Mitglieder und Interessierte im «Off Cut» in Altstetten zu einer Zusammenkunft. Vor dem Materialhaus, das Gebraucht- und Restmaterialien verkauft, versammeln sich gut 20 Menschen um einen 1:10 Hallengrundriss. Darin zu sehen: Die geplanten Wohntürme der einzelnen Bewohner*innen, denen fast keine Grenzen gesetzt sind, solange sie nicht mehr als neun Quadratmeter Boden beanspruchen und flexibel verschiebbar und lichtdurchlässig sind.

So, wie damals in der hohlzke, der rund 700 Quadratmeter grossen Gewerbehalle entlang den Bahngleisen, wenige hundert Meter vom Bahnhof Altstetten entfernt. Dort lebten und arbeiteten bis vor zwei Jahren rund 20 Menschen in rollbaren Wohneinheiten. Das waren teils futuristische anmutende Glas-Komplexe, die an Raumschiffe erinnerten oder mit schwarzem Lack bemalte Holz-Konstrukte. Das hohlzke war die Weiterführung und Weiterentwicklung des auf dem damaligen Labitzke-Areal bereits erprobten Hallenwohnens und verstand sich als engagierten Lebensraum, der Platz für gemeinschaftlich organisiertes Leben, künstlerisches und politisches Schaffen sowie für Veranstaltungen aller Art bot.

Eva Maria Küpfer

Mikrokosmos im Labitzke-Areal

Eva Maria Küpfer und ihr Partner Mätti Wüthrich haben 2014 die hohlzke mitinitiiert. Mätti ist quasi ein Hallenbewohner der ersten Stunde, war er doch bereits auf dem Labitzke-Areal an der Albulastrasse in Altstetten aktiv. In der ehemaligen, mittlerweile abgerissenen Fabrik wurde bereits vor der Besetzung im Jahr 2011 eines der drei Stockwerke in eine Art Hallenwohn-Labor verwandelt. Sieben Menschen teilten sich das Geschoss – bereits damals ohne trennende Wände, dafür mit eigenen Zimmern.

Das «fabritzke» diente in den frühen Nullerjahren im damaligen «Wilden Industrie- und Züriwesten» als Treffpunkt und kulturelle Mitte und galt, wie auch der Rest des Labitzke-Areals inklusive dem besetzten Autonomen Beauty Salon, bis zum Ende im Jahr 2014 als wichtiger Kulturort dieser Stadt. Als eigenständiger, kreativer Mikrokosmos.

Wir waren von der ersten Absage sehr enttäuscht und haben nicht mehr damit gerechnet, ein Hallenprojekt im Zollhaus umzusetzen.
Eva Maria Küpfer

Die ehemalige Fabrik ist mittlerweile einer Überbauung mit insgesamt 277 Mietwohnungen gewichen. Immer mehr Baugespanne und Baugruben deuten in Altstetten auf eine Entwicklung hin, die im Kreis 5 bereits viel weiter fortgeschritten ist. Das ehemaligen Arbeiterquartier, in dem die Wohnungen immer teurer werden, hat sich längst zu einem Wohngebiet der urbanen Mittelschicht gewandelt. Dort, zwischen dem Hauptbahnhof, den Gleisen und dem Langstrassenquartier, baut die Genossenschaft Kalkbreite seit Mai 2018 eine neue Siedlung. 56 Wohneinheiten, diverse Gemeinschaftsräume, eine sozial durchmischte Mieterschaft und Kultur, Verkauf sowie Gastronomie sollen das Zollhaus zu einem lebendigen Ort des Miteinanders, einer Dorfgemeinschaft in der Stadt machen und so der fortschreitenden Gentrifizierung des Quartiers entgegenwirken.

Eva und Mätti werden in wenigen Monaten Teil dieser Gemeinschaft sein. Sie haben das Projekt Hallenwohnen seit Beginn begleitet, im Rahmen des Zollhaus-Partizipationsprozesses gar die Idee dazu eingebracht. Trotzdem hat der von ihnen gegründete Verein den Zuschlag erst bei der zweiten Ausschreibung erhalten. «Wir waren von der ersten Absage sehr enttäuscht und haben nicht mehr damit gerechnet, ein Hallenprojekt im Zollhaus umzusetzen. Wir freuen uns jetzt umso mehr, denn Vergleichbares gibt es noch nicht», erzählt Eva, während einer ihrer beiden Söhne im wenige Meter entfernten Veloanhänger schläft.

Mätti Wüthrich erklärt den Interessierten das Konzept Hallenwohnen.

Sie und Mätti, die sich während Jahren in alternativen Wohnformen, sei es auf besetzten Arealen oder in Wohnungen bei Freund*innen geübt haben, wollen nun endlich ankommen. An einem Ort wohnen, aus dem man nicht rausgeworfen werden kann, in dem wohnen legal ist. Denn Bewohner*innen von Gewerberäumen können sich oftmals nicht offiziell bei den Behörden anmelden, was dazu führt, dass Kinder nicht an ihrem Wohnort zur Schule oder in den Kindergarten gehen können.

In ihrem neuen Zuhause wird die Familie in zwei doppelgeschossigen Wohntürmen mit je neun Quadratmetern Grundfläche wohnen. Es werden ihnen also insgesamt 36 Quadratmeter privater Raum zur Verfügung stehen, den die beiden selber planen und bauen werden. So, wie ihre insgesamt 20 zukünftigen Mitbewohner*innen (13 Erwachsene und 7 Kinder, davon 7 Erwachsene und 2 Kinder Vollzeit) auch. «Unsere Türme werden aus fünf Teilen bestehen, die man beliebig zusammenschieben kann. Die Treppen, die das Ganze verbinden, werden innen hohl sein und so Stauraum bieten», erklärt Mätti den Anwesenden, während er die kleinen Styropor-Türme in die Höhe hält.

Open-Door- und sogar Open-Bed-Policy leben

Eingezogen werden soll Anfang Januar, ab Mitte Februar müssen die Hallenbewohner*innen Miete bezahlen. Viel Zeit bleibt also nicht, die insgesamt acht Wohntürme zu erstellen, die pro Einheit 1000 Franken Miete im Monat kosten werden. Insgesamt beträgt die Miete für die gesamte Halle knapp 9000 Franken. Dieser Betrag sei generell in Ordnung und verständlich, vor allem an dieser Lage, an der der Bodenpreis hoch sei, findet Eva. Dass der Verein den Ausbau selber bezahlen und währenddessen bereits die volle Miete übernehmen müsse, empfände sie jedoch als zu teuer.

Es sei eine Herausforderung, die insgesamt 275 zur Verfügung stehenden Quadratmeter in dieser kurzen Zeit bewohnbar zu machen. Bei vergleichbaren Projekten hatten sie teils sechs Monate Zeit. «Einige von uns werden unbezahlte Ferien nehmen und während des Einbaus eine Zweitwohnung mieten müssen», erzählt Mätti und fährt fort: «Unser Ziel ist es deshalb, beim Einzug die einzelnen Bauteile nur noch verschrauben zu müssen.»

Die Kosten für den Einbau werden sich basierend auf einer vorläufigen groben Schätzung auf etwa 200’000 Franken belaufen. Um die individuellen Mieten zu senken, aber auch aus Gründen einer erhöhten Diversität und Nutzungsmixes sind zusätzlich zu den Wohntürmen vier Atelierplätze und sechs Co-Workingspaces vorgesehen. Noch sind nicht alle davon vergeben. Einige Interessent*innen, viele davon Architekt*innen, sind an jenem Nachmittag ebenfalls im Off Cut zugegen, um sich über das Projekt zu informieren.

Ihnen erklärt Mätti: «Es soll eine Open-Door- und sogar Open-Bed-Policy gelebt werden.» Will heissen: Wenn ein*e Hallenbewohner*in mal nicht da ist, sollen auch spontane Gäste oder Ateliermieter*innen in einem unbewohnten Wohnturm übernachten können. Möglichst viel gemeinsamer Wohnraum ist das Ziel. Rund 100 Quadratmeter Hallenboden soll deshalb allen zur Verfügung stehen. Auch zwischen den Wohneinheiten soll es Nischen geben, die gemeinsam genutzt werden können.

Luca Rey

Das Konzept «Kleinfamilie» überdenken

Einer dieser Wohntürme wird aus Bambus bestehen. Gebaut werden wird das doppelgeschossige Bauwerk von Gabriel Lopes (23). Die Vorstellung, sich eine Art Tiny House im Selbstausbau zu erschaffen, habe ihn gereizt. Und auch, in einer Gemeinschaft zu leben, in der man sich das Abendessen teilt und das jeden Abend. Luca Rey geht es ähnlich. Derzeit lebt der 28-Jährige in einer der grössten WG der Stadt. Mit seinen 36 Mitbewohner*innen teilt er sich im Niederdorf ein Haus der Woko (Studentische Wohngenossenschaft Zürich) und das seit mehr als sechs Jahren. Eigentlich sei der dort «sehr happy». Doch in Woko-Wohnungen darf man nur bis zum Ende des Studiums oder maximal acht Jahre wohnen. Luca wären also nicht einmal mehr zwei Jahre geblieben. Nun wird er also Hallenbewohner. Seit Februar ist er offizielles «zurwolke»-Mitglied und wechselt so von einer Gross-WG zur nächsten.

Eines steht fest: Wir alle können nicht mehr aus dem Zentrum weg gentrifiziert werden.
Mätti Wüthrich

Auf die Frage, ob es in der Stadt mehr Raum für alternative Wohnmodelle braucht, sagt er: «Es gibt keine obere Grenze, natürlich wünsche ich mir, dass es mehr solchen Raum gibt. Trotzdem muss ich sagen, dass es in Zürich schon viele dieser alternativen Wohngeschichten gibt.» Luca verweist auf die vielen städtischen Gross-WGs und auch auf das Zollhaus-Areal, das an eine Genossenschaft, seine zukünftige Vermieterin, gegangen ist.

Eine Wohnung ganz für sich zu haben, ist für Luca keine Option. Selbst dann nicht, wenn eine Familiengründung anstehen würde. Ihm ist zwar bewusst, dass die Gesellschaft und ergo auch der Wohnungsmarkt noch immer auf das gängige Kleinfamilienmodell ausgerichtet ist, doch verstehen tut er das nicht: «Ich finde die Vorstellung, nur ein Kind zu haben und dafür in einer Gross-WG zu wohnen viel ansprechender. Man kann sich die Betreuung aufteilen und die Kinder haben mehrere Bezugspersonen.»

Die «zurwollke-Gruppe», die schon bald unter einem Dach leben und arbeiten wird.

Auch Lucas zukünftige Mitbewohner*innen Eva und Mätti waren schon immer davon überzeugt, auch als Familie in Gross-WG-Konstellationen leben zu wollen, in denen nicht alles auf das Schema Kleinfamilie ausgerichtet ist. Sie freuen sich aber auch darauf, im Zollhaus vom «Familiensiedlungs-Groove» profitieren zu können, der es ihren Kindern erlaubt, sich mit anderen aus dem Quartier zu vernetzen. «Du bist einerseits in dieser Siedlung, wohnst aber in einer Gross-WG. Für uns ideal», sagt Eva. Und Mätti fügt hinzu: «Wir hoffen darauf, im Zollhaus etwas von den Freiheiten von Besetzer*innen, gleichzeitig aber auch die Sicherheit von Eigentümer*innen zu haben. Und eines steht fest: Wir alle können nicht mehr aus dem Zentrum weg gentrifiziert werden.»

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