Grundlos im Knast: Abgeführt am 1. Mai

Vor 4 Jahren verhaftete die Polizei über 300 Personen. Was geschieht in diesem Jahr?
29. April 2015


Am 1. Mai 2010 hat die Stadtpolizei auf dem Kanzleiareal über 300 Personen verhaftet. Unser Autor erzählt, wie es sich anfühlt abgeführt zu werden, ohne zu wissen, was man verbrochen hat.

Wie bin ich bloss in diese Scheisse geraten? Ich bin total durchnässt, mir ist kalt und ich müsste wirklich dringend mal pissen. Doch wenn ich jetzt schreie, würde mich niemand hören – ausser dem Amerikaner, der neben mir sitzt. Er versteht keinerlei Humor und ist ein schlechter Zeitvertreib. Ich singe Folsom Prison Blues. Er stimmt weder ein, noch lacht er. Sie haben ihm den Kabelbinder auch viel zu straff um die Handgelenke geschnürt. Diese Idioten. Und weshalb mussten sie ihm auch noch den Plastiksack mit all seinem Hab und Gut um den Hals hängen? Er ist doch Fotograf und hat Allerei schweres Material dabei. Eine Kamera, zwei Wechselobjektive und sonstige persönliche Gegenstände. Das schmale Plastikseilchen frisst sich in seinen fetten Hals. Es sieht schmerzhaft aus. Ich hätte wohl auch wenig Humor übrig, wäre ich ein unschuldiger, fetter Riese in einem Kastenwagen. Mich beschäftigt bloss mein Harndrang. Es hat was Kafkaesques. Wollen sie wirklich, dass ich mir in die Hose mache? Ich könnte ihn nicht mal auspacken und in die Ecke des Kastenwagens pissen, denn auch meine Hände sind fest hinter meinem Rücken gefesselt. Ach, wie bin ich bloss in diese Scheisse geraten?

Bier, Musik und ein wenig Protest war ja alles, was ich wollte. Zuvor schaffe ich es nicht mal an den Umzug, weil zu früh am Morgen. Und so gehe ich, wie alle linken Zürcher am Tag der Arbeit es tun, aufs Kasernen-Areal und lasse mich von der Vielfältigkeit des Essangebotes verführen. Es ist ein nasser Tag, doch es regnet nicht wirklich. Es nieselt nur. «Kein Problem», denke ich zu jenem Zeitpunkt noch und esse mein Frühstück. Danach will ich Musik. Und so treibt es mich und meinen Freund aufs Kanzlei-Areal. Unterwegs gehen wir am ersten Wasserwerfer vorbei. Ich sah vier Polizisten im Gefährt. Sie beobachteten die friedlichen Menschen, welche ihr Sichtfeld passierten. Einer der stolzen Gesetzeshüter trinkt gemütlich Kaffee. Nichts deutet auf meine Festnahme hin. Wir gehen weiter.



Vor dem Xenix trinken wir gemütlich unser Bier und hören Musik. Nichts weiter ist unsere Absicht. Plötzlich knallt es. Auf dem Helvetiaplatz bekämpfen sich die Affen. Ich bin kein Schaulustiger, also trinke ich unbekümmert weiter und höre dem Rapper zu, wie er über die Polizisten herzieht. Langsam verstummt das Affengeschrei nebenan. Wahrscheinlich sind die beiden Sorten von Urmenschen weiter in die Langstrasse gezogen. Ich weiss es nicht. Ich trinke unbeirrt weiter. Bis ich plötzlich merke, wie unbemerkt eine Schlinge um unseren Hals gewickelt wurde und bereit ist, zugezogen zu werden.

Stolze Ritter in schwarzer Montur mit Knebel und Helm stellen sich, wie hirnloses Gefolge des Regenten Leupi in Reih und Glied um das Kanzlei-Areal.
Wir schreiben das Jahr 2010. Repression ist die Devise. Keiner darf gehen.
Es vergehen Stunden. Nichts geschieht. Die Schlinge wird immer enger. «Wir haben nichts verbrochen», sage ich einer Polizistin über den Zaun. «Wie kommen wir hier raus?» Sie ignoriert mich. Ich frage sie nochmals und mache einen Schritt auf sie zu. «Halt», schreit sie. «Treten sie nicht näher!» Das Gummischrot ist auf mich gerichtet und die ganze Wand an sogenannten Gesetzeshütern ist bereit auf mich los zu gehen. Zum Glück ist noch dieser Zaun zwischen mir und ihnen. Ich drehe mich um, denn das wär es mir nicht wert gewesen.

Langsam wird die Absicht der Polizei deutlich. Sie machen den Kessel immer kleiner und dann darf man anstehen, um sich verhaften zu lassen. Und so stellen wir uns fatalistisch an der Schlange an. Einer nach dem anderen wird gefesselt und abgeführt. Das Prozedere ist mechanisch und unemotional. Einige der vermeintlichen Terroristen weinen. Sie hätten doch nichts getan. Endlich komm ich an die Reihe. Ich zeige meine ID, entleere meine Taschen und werde gefesselt. Ein Mann Mitte fünfzig mit Oberlippenbart, der wahrscheinlich in Niederglatt in einem weisen Haus mit weisem Zaun wohnt, baut sich wie ein Gorilla vor mir auf. «Wieso sind sie hier?», fragt er mit jener selbstgefälligen Autorität in seiner Stimme. «Aus politischen Gründen. Das ist mein gutes Recht.» Niederträchtig und verachtend blickt er mich an und lässt mich dann abführen.

Nun sitze ich in jenem Gefährt mit dem fetten Riesen und muss dringend pinkeln. Die Nässe und Kälte unterstützt dieses Verlangen. Doch ich komme nicht raus. Wir sitzen bereits eine ganze Stunde in diesem Wagen. Wenigstens habe ich ein Fenster und sehe, wo wir sind. Wir stehen bei der Polizeikaserne im Hinterhof und warten, bis die Kastenwagen vor uns entleert wurden. Wir hören, wie die anderen Türen unseres Autos auf- und wieder zu gehen. Der Wagen muss aus drei geschlossenen Abteilen mit je zwei Sitzen bestehen, zwei Abteile seitlich und eines gegen hinten gerichtet. Als letztest öffnet ein Gorilla unsere Türe. Ich verabschiede mich vom Amerikaner und wünsche ihm viel Glück. Er habe Angst, so sagte er mir, weil er Ausländer sei. Ich finde es eher lästig, vielleicht aber doch ein wenig spannend, was mit mir passieren wird.

Dann komme ich dran. Der Bulle in Kampfmontur führt mich, den Kabelbinder fest in seiner Hand, in die Haftstrasse, wo mich ein netter Herr mit Kamera empfängt. Die Plastiktüte wird mir abgenommen und durch ein Schild mit der Nummer 208 ersetzt. Er setzt die Kamera an, und bevor ich mir überlegen kann, welche Grimasse ich schneiden möchte, ist das Foto geschossen.

Effizient, schnell und humorlos, wie Zürich nun mal ist.


Das Schild wird abgenommen und die Nummer mit Farbe auf meine Hand geschrieben, mit der Ermahnung, dass, wenn ich sie abreiben würde, ich noch länger hier sein werde. Danke für die Information. Ich werde in den Keller geführt. Eine Polizistin übernimmt meine Führung und wir biegen nach einem langen Gang rechts ein in Richtung meiner Zelle.

Im ersten Augenblick dachte ich, die Zelle sei total überfüllt. Durch die Gittertür am Ende des Ganges hingen dicht gedrängt Arme heraus. Sie greifen nach Freiheit. Einige beleidigten die nette Polizistin mit sexistischen Sprüchen. Endlich scheidet sie den Plastikbinder durch und wirft mich in die Zelle. Ich greife mir instinktiv an die Handgelenke und reibe sie. Zu meinem Erstaunen hat es mehr als genug Platz in dieser Zelle. Nur die betrunkensten und lauthalsigsten drängen sich an die Tür, um keine Chance zu verpassen, einen Polizisten zu beleidigen. Ich betrachte die verschiedenen Gruppen, die sich bereits gebildet hatte. Es war wie an einem ersten Schultag. Wo passe ich am besten dazu? Es gibt vier Fraktionen. An der Wand sitzen die stinkenden Punks, die sehr angeschissen wirken. Auf der Treppe zum Klo reden angeregt die scheinbar minderjährigen Gangster-Chaoten. Einige weinen. Vor der Gittertür schreien die Betrunkenen, die bereits gute Freunde sind, weil sie betrunken sind. Es ist die heterogenste Gruppe. Dann gibt es noch vier, fünf, ältere Familienväter mit Hut und Kommunistenstern drauf, welche ruhig im Kreis schlenderten. Ich zähle mich am ehesten zu ihnen, obwohl ich weder alt, noch Vater bin.

Eine weitere Stunde vergeht. Wenigstens konnte ich mich durch die Gangster Gruppe durchdrücken und aufs Klo gehen. Doch ich bin langsam müde und friere, wegen meiner nassen Haaren. Die Stimmung wird auch immer unangenehmer. Die verschiedenen Gruppierungen beginnen sich, zu beschimpfen. Das erste Mal bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn alle aufeinander losgehen? Schmeissen dann die Bullen einfach Tränengas in die Zelle? Ich will es nicht herausfinden. Plötzlich ruft eine Stimme: «Zweihundertacht!» Ich blicke mir auf die Hand. Das ist meine Nummer. Ich dränge mich durch die Gruppe von Trunkenbolden hindurch und zeige meine Nummer. Die Gittertür öffnet sich und ein Polizist tritt mir entgegen.





«Brauchen Sie die Handschellen oder geht’s auch so?», fragt er. Ich zögere kurz, weil ich eigentlich doch gern mal Handschellen getragen hätte. Doch ich entscheide mich, nichts zu provozieren. «Nein, geht schon. Danke», antworte ich. Er führt mich in einen Nebenraum unweit der Massenzelle, wo bereits zehn Verhöre im Gange sind. Wir setzen uns gegenüber an einen freien Tisch und er packt meine persönlichen Sachen aus der Plastiktüte. Der Herr Polizist klär mich ruhig und freundlich darüber auf, was nun passieren wird. Ich bin überrascht, dass es auch solche Polizisten gibt. Nun habe ich auch einige Fragen. «Was habe ich falsch gemacht?» – «Hausfriedensbruch und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit.» –  «Ich fragte eine Polizistin, was wir tun sollen. Sie drohte mir mit Gummischrott. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit zu gehen.» – «Sie haben die Anweisungen der Sicherheitskräfte nicht befolgt.» Ich erklärte ihm, dass die Schlägertypen an der Front zu keinem Zeitpunkt mit uns Kontakt aufgenommen haben. Er konnte mir nicht sagen, wie ich mich korrekt hätte verhalten sollen. Dies bringt mich zur Annahme, dass die Schläger an der Front wohl nicht ganz richtig gehandelt hatten.

Als Nächstes erklärte er mir die Wegweisung, die ich bekommen sollte. Für 24 Stunden dürfe ich nicht in den vorgezeichneten Perimeter zurückkehren. Er umfasst die gesamte Innenstadt. Widerwillig unterschrieb ich. Etwas, das ich heute nie wieder tun würde. Doch ich war jung, naiv und echt langsam müde. Ich frage noch nach meinem Foto, ob ich es behalten dürfe. Er lacht und verneint. Dann führt er mich vom Areal und entlässt mich seiner Obhut. Danach geht er wieder in den Keller und wiederholt das Prozedere einige Dutzend Mal.

Ich blicke noch ein Mal auf meine Nummer: 208.
Ich bin bloss einer von 353 Verhafteten. Von denen konnte 269, keine Straftat nachgewiesen werden. Keine gute Trefferquote, so könnte man meinen.
In den Medien wurde das repressive Vorgehen jedoch gefeiert. «Ruhigster 1. Mai seit Jahren.» «Krawalle und hohe Sachschäden sind weitgehend ausgeblieben.» Schon klar, wenn jeder verhaftet wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass der neue Regent, seine Gorillas besser im Griff hat. Falls nicht. Bleibt friedlich und lasst euch nicht erwischen.
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