«Herr Classen, was können Konsument*innen für die globale Gerechtigkeit tun?»

Die Globalisierung stellt uns nicht nur vor politische und gesellschaftliche Herausforderungen, sondern wirft auch viele ethische Fragen auf. Gibt es so etwas wie eine «globale Gerechtigkeit» und wenn ja, was fordert sie von uns? Wir sprachen mit Oliver Classen, Mediensprecher von «Public Eye».
01. November 2017

«Denn globale Gerechtigkeit beginnt bei uns», schreibt «Public Eye» auf ihrer Webseite. 1968 entstand die Nichtregierungsorganisation als «Erklärung von Bern» basierend auf dem gleichnamigen «Manifest über die Schweiz und die Entwicklungsländer», das von reformierten Kreisen formuliert worden war. Inzwischen heisst der Verein, der heute nach eigenen Angaben rund 25'000 Mitglieder zählt, «Public Eye». Mit seinen kritischen Recherchen wie etwa zur Kinderarbeit in der Schokoladenproduktion oder zu den Praktiken im Rohstoffhandel erlangt «Public Eye» immer wieder breite Aufmerksamkeit. Zusammen mit ihren Partnerorganisationen reichte die NGO im Oktober 2016 die Konzernverantwortungsinitiative ein, welche «verbindliche Regeln für Konzerne zum Schutz von Mensch und Umwelt – auch bei Auslandstätigkeiten» fordert.

Oliver Classen, der früher als Journalist u.a. für den «Tages-Anzeiger» und die «Handelszeitung» tätig war, bevor er 2006 Mediensprecher für die «Erklärung von Bern» wurde, empfing uns an der Dienerstrasse in Zürich, wo «Public Eye» ihren Deutschschweizer Sitz hat. 2014 erhielt Classen als Co-Autor des Buchs «Rohstoff – Das gefährlichste Geschäft der Schweiz. » den Förderpreis für Journalist*innen von ProLitteris. Dreissig Minuten habe er Zeit, sagt er, dann müsse er weiter. Also legen wir los.

Herr Classen, Sie waren Journalist und sind heute Mediensprecher von «Public Eye», wie kam es zu diesem Wechsel?

Ich war schon lange ein kritischer Sympathisant der «Erklärung von Bern», wie wir damals noch hiessen. Ihre Anliegen sprachen mich an, da mich Globalisierungsthemen immer schon fasziniert haben. Als Journalist war mir damals schmerzhaft bewusst, dass Medien immer nur einen kleinen Ausschnitt der Wahrheit zeigen und viel zu selten wirklich in die Tiefe vorstossen.

Und das ist bei «Public Eye» anders?

Wir haben ein Netzwerk von Spezialist*innen, die seit langem zu bestimmten Themenkomplexen arbeiten. Die Kommunikationsaufgabe besteht darin, ihre Erkenntnisse aus zum Teil sehr tiefen Bohrlöchern ans Tageslicht und dann auch an die Leute zu bringen. Das gelingt meistens ganz gut. Die Fachrecherchen decken immer wieder Skandalfälle auf, liefern zugleich aber auch die Grundlage zur Analyse der grösseren Zusammenhänge im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Menschenrechten.

«Public Eye» setzt sich für mehr globale Gerechtigkeit ein. Was bedeutet für Sie der Begriff «Gerechtigkeit»?

Gerechtigkeit ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ähnlich wie bei der «Wahrheit» gibt es hier nur Näherungswerte. Und ähnlich wie bei der Gesundheit entsteht ein Problembewusstsein jeweils erst dann, wenn sie fehlt und etwas im Argen liegt. «Public Eye» schaut dort genau hin, wo struktureller Gerechtigkeitsmangel herrscht und sucht nach den Ursachen dafür. Nehmen wir das Thema Migration. Wir befassen uns weniger damit, wie wir mit den Migrant*innen hier in der Schweiz umgehen oder wie wir verhindern, dass die Menschen im Mittelmeer ertrinken; wir konzentrieren uns auf die Fluchtursachen, die ganz am Anfang stehen. Wir fragen, was hat unsere liebe Schweiz mit den Gründen zu tun, aus denen sich diese Menschen überhaupt auf den Weg machen und welche Hebel haben wir, um etwas an dieser Situation zu verändern? Wir wollen konkrete politische und wirtschaftliche Handlungsmöglichkeiten im Hier und Jetzt aufzeigen.

Woher kommen die Sachen, die wir shoppen und, unter welchen Bedingungen wurden sie hergestellt?

Welche Rolle spielt dabei Verantwortung?

Wir sind nicht nur eine Willensnation, sondern auch eine Wissensnation. Deswegen besteht unsere erste Pflicht darin, darüber Bescheid zu wissen, worüber man heute Bescheid wissen kann. Auch und speziell über unbequeme Wahrheiten. Vor sechs Jahren stiessen wir mit unserem Rohstoffbuch auf riesiges Echo, weil bis dahin niemand von den Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft diese Hochrisikobranche auf dem Radar hatte. Es scherte schlicht niemanden, was da abläuft. Der Bundesrat ist uns eine saubere Analyse dieser volkswirtschaftlich und reputationsmässig so wichtigen Branche bis heute schuldig geblieben.

Verantwortung für globale Gerechtigkeit tragen also in erster Linie Politiker*innen und Wirtschaftsführer*innen?

Wie gesagt: Wissen ist eine Voraussetzung für Verantwortung. Je grösser die Komplexität der Strukturen und Aktivitäten globalisierter Konzerne, desto mehr Ressourcen braucht es, um dieses demokratierelevante Wissen zu generieren. Aus diesem Wissen dann griffige Massnahmen abzuleiten ist natürlich primär Aufgabe des Gesetzgebers, muss aber auch bei verantwortungsvollen Firmen stattfinden. Ebenfalls in der Pflicht sind wir Konsument*innen: Woher kommen die Sachen, die wir shoppen und, unter welchen Bedingungen wurden sie hergestellt?

Am Schluss übernimmt dann doch niemand die Verantwortung ...

Ja, der Schwarze Peter wird häufig zwischen Politik und Wirtschaft hin und her geschoben. Und dann gibt‘s da noch die standardmässige «China-Entschuldigung», nach dem Motto: «Wenn wir hier nicht Rohstoffe abbauen oder Kleider produzieren, dann machen‘s die Chines*innen unter noch viel übleren Bedingungen.» Diese Logik ist natürlich weit jenseits aller in unserer Verfassung verankerten Prinzipien. Darum brauchen wir Konsumenten und Konsumentinnen, die wissen wollen, was sie da kaufen und wenn nötig im Laden nachfragen.

Ohne Problembewusstsein keine Verhaltensänderung.

Mehr erwarten Sie von den Konsument*innen nicht?

Primär geht‘s um eine skeptische Geisteshaltung. Von Handlungsanweisungen halte ich persönlich wenig. Neugierde gehört ja eigentlich zum menschlichen Naturell, wird uns heute aber systematisch ausgetrieben, in dem es heisst «das ist viel zu kompliziert» oder «dafür fehlt die Zeit». Wenn sich jeder selbst bei der Nase nimmt, können wir viel bewirken. Ohne Problembewusstsein keine Verhaltensänderung.

Und wie hat sich dieses Problembewusstsein in den letzten Jahren verändert?

Mitte der 90er-Jahre gab es die ersten grossen Sweatshop-Skandale zum Outsourcing in Billiglohnländern. Parallel zum breiten Protest gegen Nike machte Greenpeace fette Schlagzeilen, als ihre Aktivist*innen in der Nordsee eine Ölplattform besetzten, die Shell versenken wollte. In dieser Zeit entwickelte sich die Rolle der Zivilgesellschaft als «Watch Dog». Es folgten die Riesenmanifestationen gegen die WTO und andere supranationale Organisationen. In Davos demonstrierten Globalisierungskritiker lautstark gegen das WEF. Da war also eine echte Bewegung entstanden. Die Zivilgesellschaft sensibilisierte, klärte auf und wurde so zum einflussreichen Gegenspieler der Mächtigen. Die Digitalisierung hat diese Entwicklung weiter beschleunigt: NGOs können die Menschen heute viel leichter und direkter erreichen und sind nicht mehr so stark auf mediale Berichterstattung angewiesen.

Es gibt Ökonom*innen, die sagen, dass von der weltweiten Arbeitsteilung letztlich alle profitieren. Die Globalisierung sei demnach die wirksamste Waffe gegen Armut. Was entgegnen Sie darauf?

Statistiken machen nicht satt: Eine junge Frau, die heute in Bangladesch als Näherin arbeitet, kann ihre Familie trotzdem nicht ernähren. Aber klar: die Globalisierung bietet zweifellos viele Chancen und Potentiale, nur braucht sie politische Leitplanken, die eine möglichst gerechte Verteilung der resultierenden Profite sicherstellen. Die Grundfrage lautet doch: Wer findet es okay, wenn wir mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt kommen, während vor unseren Augen andere Leute mit weniger glücklichem Geburtsort weiter verhungern?

Niemand will eine Menschenrechts- oder Ökodiktatur.

Viele Schweizer*innen würden bestreiten, mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden zu sein und verlangen von ihren Politiker*innen, die wirtschaftlichen Interessen der Schweiz durchzusetzen.

Zielkonflikte gibt es immer. Niemand will eine Menschenrechts- oder Ökodiktatur. «Public Eye» richtet seinen Blick auf die Globalisierungsopfer jenseits unserer Landesgrenze, steht ideel aber Kräften wie etwa der Caritas nahe, die bei uns für mehr soziale Gerechtigkeit kämpft.

Entmutigt sie der Rechtsrutsch nicht?

Dicke Bretter zu bohren ist immer eine Geduldsfrage, das liegt in der Natur der Sache. Wir können und wollen aber die Aufmerksamkeit auf diese Themen lenken und Druck bei den Hauptakteure aufsetzen. Es ist ja auch schon viel passiert. Unternehmensverantwortung gehört heute zum guten Ton. Immer mehr Anspruchsgruppen verlangen und erwarten von ihren Unternehmen neben der ökologischen auch eine soziale Nachhaltigkeit. Das ist schon mal wichtig. Zugleich werden diese blumigen Begriffe gerne auch zu PR-Zwecken missbraucht. Wenn die Norvatis-Stiftung etwa ein Programm promotet, das einigen Menschen in der Subsahara-Region den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten ermöglicht, während die aggressive Patentpolitik des gleichen Konzerns ganze Bevölkerungsgruppen vom Zugang zu anderen Medikamenten ausschliesst, lenkt diese Philanthropie letztlich nur von den eigentlichen Problemen ab.

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