Von Steffen Kolberg

Redaktor

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25. April 2022 um 14:00

Ungleicher Lohn, sexistische Bemerkungen – für viele Journalistinnen Alltag

In einer Umfrage von Tsüri.ch geben knapp 90 Prozent der befragten Zürcher Journalistinnen an, bereits diskriminierende Erfahrungen in ihrer Karriere gemacht zu haben. Dabei fallen besonders Tamedia und SRF negativ auf, doch auch vom Verlagshaus Ringier und dem Onlineportal Watson gibt es einzelne Meldungen über ungleiche Lohnverhältnisse.

(Foto: Unsplash)

Im März 2021 sorgte ein offener Brief bei Tamedia für Aufsehen: 78 Frauen haben darin die Zustände in den Redaktionen des Medienhauses angeprangert. «Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert», heisst es darin: «Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht.» Zudem würden Frauen seltener gefördert und oft schlechter entlohnt. Dem Brief schlossen sich nach Veröffentlichung noch weitere 41 Frauen des Unternehmens an, in einem zweiten Schreiben unterstützten 125 Tamedia-Männer die Vorwürfe ihrer Kolleginnen und deren Forderungen unter anderem nach einem respektvollen Umgang, mehr Frauen in Führungspositionen und standardisierten Verfahren in Fällen von Mobbing oder sexueller Belästigung.

Tsüri.ch hat nun eine eigene, nicht repräsentative Umfrage unter Journalistinnen gestartet und sie nach ihren Erfahrungen mit Gleichstellung und Sexismus in Zürcher Redaktionen und Medienhäusern gefragt. Geantwortet haben unter anderem Frauen, die für Medien wie Tages-Anzeiger, NZZ, Blick, Watson, 20 Minuten und SRF arbeiten. Von den 34 Journalistinnen, die sich beteiligt haben, haben 30 bereits diskriminierende Erfahrungen in ihrer Laufbahn gemacht. 29 von ihnen finden, dass Frauen in der Branche gegenüber Männern im Nachteil sind, wenn es zum Beispiel um Karrieremöglichkeiten, Lohn oder die Betriebskultur geht.

Die diskriminierenden Erfahrungen, die die Frauen aus unserer Umfrage in der Medienbranche gemacht haben, umfassen eine grosse Bandbreite. Die meisten von ihnen haben mehrere Formen der Diskriminierung erlebt, also zum Beispiel eine Benachteiligung beim Lohn und dazu noch eine geringere Wertschätzung der eigenen Arbeit im Vergleich zu der von Männern.

Von sexualisierten Sprüchen bis zu Annäherungsversuchen

Erschreckend ist, dass die meisten in ihrer Arbeit bereits konkrete sexistische Erfahrungen mit Kollegen oder Vorgesetzten gemacht haben; diese reichen von sexistischen Bemerkungen bis hin zu sexueller Belästigung. Nimmt man frühere und jetzige Arbeitsverhältnisse zusammen, betrifft das mit 17 genau die Hälfte der Befragten. Sie berichten zum Beispiel von sexualisierten Sprüchen, dummen Witzen oder Annäherungsversuchen von Vorgesetzten.

Ein Drittel der 15 Frauen, die solche Erfahrungen in einem ehemaligen Arbeitsverhältnis gemacht haben, haben deshalb gekündigt. Bei ihrem aktuellen Job haben sechs von 34 Frauen diese Form von Diskriminierung erlebt, darunter sind zwei Redaktorinnen des Tages-Anzeigers oder eines anderen Teils des Tamedia-Konzerns sowie eine Praktikantin beim SRF. Eine andere SRF-Angestellte, die ihre Position nicht bekannt geben möchte, überlegt, aufgrund konkreter sexistischer Erfahrungen zu kündigen.

Neue Zürcher Zeitung

Bei der Neuen Zürcher Zeitung beträgt der Frauenanteil aktuell laut Karin Heim von der Medienstelle 43 Prozent. Zum Anteil auf den verschiedenen Stufen macht sie keine Angaben, hält aber fest, dass man «in den letzten zwei Jahren eine Reihe von Kaderpositionen in den Redaktionen mit kompetenten Kolleginnen besetzt» habe. Konkrete Zahlen zum Lohnniveau mache man nicht, doch man zahle faire Löhne und halte die Toleranzschwelle von fünf Prozent zwischen den Geschlechtern ein.

«Die persönliche Integrität unserer Mitarbeitenden ist nicht verhandelbar», sagt Karin Heim: «Belästigendes Verhalten, Mobbing, Gewalt oder Diskriminierung am Arbeitsplatz werden nicht toleriert.» Um dies zu gewährleisten, arbeite man mit der Fachstelle Mobbing und Belästigung in Zürich als externer Vertrauensstelle zusammen. Zudem seien entsprechende Schulungen zur Sensibilisierung der Führungskräfte und Mitarbeitenden durchgeführt worden.

Frauen wird nicht zugehört

Die Hälfte der befragten Frauen hat in ehemaligen oder aktuellen Arbeitsverhältnissen die Erfahrung gemacht, dass die eigene Expertise weniger Ernst genommen wird als die männlicher Kollegen. «Wenn ein Mann im Raum ist, wird dieser angesprochen, obwohl er nicht zuständig ist», heisst es zum Beispiel. Frauen werde stattdessen nicht zugehört. Sie müssten sich für ihre Arbeit und für bestimmte Themen mehr rechtfertigen, ihre Aussagen würden als weniger relevant und dringlich behandelt. Stattdessen würden die gleichen Aussagen ernst genommen, wenn sie von männlichen Kollegen wiederholt würden. Sogar eine Chefredaktorin, die ihren Arbeitgeber nicht nennen möchte, berichtet von solchen Erfahrungen. «Auch als Chefin muss man sich ständig sagen lassen, wie man den Job machen muss und Vorträge über (selbstgeschriebene) Artikel über sich ergehen lassen», schreibt sie. Mittlerweile könne sie das aber direkt ansprechen und unterbinden.

16 der 34 Frauen haben in ehemaligen oder aktuellen Arbeitsverhältnissen für die gleiche Arbeit weniger Lohn bekommen als männliche Kollegen. Darunter findet sich je eine Journalistin von Tamedia und vom SRF, aber auch eine vom Blick oder dessen Verlagshaus Ringier sowie eine von Watson. Mehrere Frauen, die selbst keine Benachteiligung beim Lohn erfahren haben, haben diese aber bei Kolleginnen in ihrem Arbeitsumfeld erlebt. Sie berichten unter anderem sogar von Teamleiterinnen, die weniger verdienen als männliche Mitarbeiter, die ihnen unterstellt sind.

CH Media

CH Media ist ein Joint Venture der NZZ Mediengruppe und der Aargauer AZ Medien, zu dem unter anderem der Regionalsender TeleZüri gehört, der vor kurzem im Newsportal ZüriToday aufging. Stefan Heini von der Unternehmenskommunikation gibt für ZüriToday einen Frauenanteil von 50 Prozent an, für unterschiedliche Stufen nennt er keine Zahlen. Bei der Rekrutierung gebe es keine Geschlechterquoten. Eine Lohngleichheitsanalyse im Jahr 2021 habe bestätigt, «dass bei CH Media keine systematische Lohndiskriminierung zwischen den Geschlechtern besteht».

Diskriminierung werde nicht toleriert, so Heini. Konkrete Massnahmen für eine diskriminierungsfreie Betriebskultur nennt er aber nicht. Primäre Anlaufstellen für Betroffene von sexistischem oder diskriminierendem Verhalten seien die HR-Abteilung und die Vorgesetzten. Der Schutz vor Belästigung sei eine Selbstverständlichkeit, CH Media habe «in der Vergangenheit gezeigt, dass wir keine Art von Belästigung dulden», erklärt er, ohne auf Details eingehen zu wollen.

Lohnunterschied von 12’000 Franken

Die Erfahrung, für die gleiche Arbeit weniger Lohn zu erhalten als ein Mann, hat auch eine TV-Journalistin gemacht, die zehn Jahre für das SRF tätig war und inzwischen ihre eigene Firma gegründet hat. Als sie 2017 von der stellvertretenden Redaktionsleiterin zur Co-Redaktionsleiterin aufgestiegen sei, habe sie deutlich weniger verdient als der Mann, mit dem sie sich die Leitung geteilt habe. «Ich hatte mit meinem Kollegen ein super Verhältnis», erzählt sie: «Er hat mir von sich aus seinen Lohnausweis gezeigt. Und dort habe ich gesehen, dass es zwischen uns einen Lohnunterschied von 12’000 Franken im Jahr gab.» Bei einer Redaktionsleitungsfunktion, die beim SRF laut firmeneigenem Lohnreport 2020 mit einem Jahreslohn zwischen 122’000 und 153’000 Franken entlohnt wurde, ist das ein Lohnunterschied von ungefähr acht bis neun Prozent, beim Lohnniveau von 2017 wahrscheinlich noch mehr.

«Ich wollte nicht mehr Lohn, ich wollte gleich viel Lohn.»

Anonyme ehemalige Redaktionsleiterin beim SRF

Den Lohnaufschlag habe man ihrem Kollegen ungefragt mit jeder Beförderung gegeben, so die ehemalige SRF-Mitarbeiterin, ihr jedoch nicht. Als sie das gegenüber ihrem Vorgesetzten angesprochen habe, habe dieser ihr als Reaktion eine Lohnerhöhung von 500 Franken im Monat angeboten – immer noch deutlich weniger als ihrem Kollegen auf der gleichen Karrierestufe. Punkto Arbeitserfahrung und Alter waren sie ebenbürtig, er war aber länger im Unternehmen. Doch ihr sei es gar nicht um eine individuelle Lohnerhöhung gegangen, sagt sie: «Ich wollte nicht mehr Lohn, ich wollte gleich viel Lohn.» Aufseiten des SRF sei aber gar keine explizite Lohnhöhe für die entsprechende Funktion vorgesehen gewesen, erzählt sie. Nach zwei Jahren in der Redaktionsleitung entschied sie sich, das SRF zu verlassen: «Die Lohnungleichheit war nicht der Grund für meinen Ausstieg», sagt sie: «Aber sie hat mich in meiner Entscheidung für die Selbständigkeit bestärkt.»

Müttern wird unterstellt, weniger leisten zu können

Eine Benachteiligung bei den Karrieremöglichkeiten, also bei Stellenbesetzungen oder Beförderungen, haben insgesamt neun der 34 von Tsüri.ch befragten Journalistinnen erlebt. Auch dies war in ehemaligen Arbeitsverhältnissen, oft zusammen mit anderen Diskriminierungserfahrungen, häufiger Grund zu kündigen. Eine der beiden Frauen, die aktuell von solch einer Diskriminierung betroffen ist, überlegt deshalb zu kündigen oder hat es bereits getan.

Gleich sechs Journalistinnen melden zurück, dass sie während ihrer Karriere die Benachteiligung von Müttern miterlebt haben. Diese würden nicht befördert, weil ihnen unterstellt werde, den Fokus auf die Familie legen zu wollen, weniger leisten zu können und unflexibel zu sein. In einem Fall sei sogar ein Mann als Mutterschaftsvertretung befördert worden mit der Begründung, dass die infrage kommende frisch verheiratete Kollegin «sicher auch bald in Mutterschaftsurlaub» gehe.

Insgesamt haben neun der 30 Frauen, die eine oder mehrere Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, deshalb gekündigt oder haben es vor. Vier haben es im Unternehmen oder extern öffentlich gemacht oder haben dies vor. 15 Journalistinnen haben es in einem aktuellen oder ehemaligen Arbeitsverhältnis gegenüber Vorgesetzten zur Sprache gebracht. Die Allermeisten, nämlich 23, haben sich zu ihren Erfahrungen unter Kolleg:innen ausgetauscht. Insgesamt neun der Betroffenen haben sich dafür entschieden, es hinzunehmen und nichts zu tun. Sie hätten keine Probleme machen wollen, erklären sie, seien «zu jung, zu unerfahren, zu konsterniert» gewesen oder hätten nicht gewusst, «wie ich mein Talent richtig verkaufen kann.»

«Oft wird darüber erst unter Frauen im Freundeskreis geredet und man schnallt erst dann, dass das uncool war.»

Anonyme Ressortleiterin in der Tsüri.ch-Umfrage

Blick

Die Blick-Gruppe gehört zum Medienunternehmen Ringier. Ihr Mediensprecher Daniel Riedel beziffert den Frauenanteil in der Gruppe mit 38,3 Prozent, ohne auf einzelne Stufen einzugehen. Interne Zielvorgaben gebe es nicht, beim Thema Weiterbildung sei Ringier aber seit diesem Jahr Mitglied im Unternehmensnetzwerk «Advance – Gender Equality in Business». Im Bereich der Lohngleichheit sei man bei einer Lohngleichheitsanalyse 2020 zertifiziert worden.

Als konkrete Massnahmen zur Schaffung einer diskriminierungsfreien Unternehmenskultur nennt Riedel die Schaffung des Ringier-weiten Diversity & Inclusion Board 2020. Es setze sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Im Falle von sexuellen oder sonstigen Belästigungen könnten sich Mitarbeitende jederzeit an Vorgesetzte, an das HR oder an ein Mitglied der Personalkommission wenden. Letztere seien «zur vertraulichen Behandlung des Problems angehalten und dürfen nur auf ausdrücklichen Wunsch des oder der Ratsuchenden nächste Schritte einleiten», so Riedel. Seit 2007 gebe es zudem die Möglichkeit, sich anonym an eine von einem unabhängigen Unternehmen betriebene Whistleblowing-Hotline zu wenden.

Gebraucht werden unabhängige Instanzen

Doch welche Verbesserungen wünschen sich Betroffene? «Es braucht dringend eine unabhängige Beschwerde-, Beratungs- oder Whistleblowerinstanz, bei der solche Themen deponiert werden können», schreibt eine Redaktorin. Es reiche nicht aus, über Diversity zu reden, aber keine Massnahmen zu ergreifen, meint eine andere: «Es ist genauso wichtig, dass die Verantwortlichen wirklich verstehen, worum es geht. Was bedeutet Sexismus, in welchen Formen kann er sich manifestieren und warum?» Es gehe um einen Self-Check der eigenen Privilegien, den Vorgesetzte, Geschäftsleitungen, Verwaltungsrät:innen, aber auch die Angestellten des HR machen müssten.

20 Minuten

20 Minuten gehört wie Tamedia zur Holding TX Group. Der Frauenanteil betrage gesamthaft 42 Prozent, erklärt Eliane Loum, Leiterin der Unternehmenskommunikation. Auf Kaderstufe sei er mit 45,5 Prozent sogar noch höher. Da der Frauenanteil auf allen Stufen gross sei, sei dafür nie ein explizites Ziel definiert worden, bei künftigen Vakanzen im oberen Kader, wo der Frauenanteil zuletzt auf 18 Prozent gesunken sei, würden aber bei gleicher Qualifikation Frauen bevorzugt. Eine Lohngleichheitsanalyse im Jahr 2021 habe keine systematischen Lohndifferenzen zwischen Mann und Frau aufgezeigt.

20 Minuten profitiere von verschiedenen Massnahmen für die TX Group wie beispielsweise obligatorischen Schulungen zu Themen wie «Unconscious Bias» und «sexualisierte Übergriffe im Arbeitskontext» für alle Führungspersonen. Neben internen Vertrauenspersonen sei auf Wunsch auch der Zugang zu einer externen Beratungsstelle möglich. Durch die Gründung eines Social Responsibility Boards vor eineinhalb Jahren, das sich mit einer nicht-verletzenden Berichterstattung befasse, sei das Thema Diversity zudem in der Publizistik von 20 Minuten sehr präsent und schaffe auf allen Stufen ein Bewusstsein für die Wichtigkeit von diverser Teamzusammensetzung, sagt Loum.

Auch die ehemalige SRF-Mitarbeiterin findet, dass die HR-Abteilungen sich mehr engagieren müssten. Die Angestellten dort würden die Verträge machen und seien sich der Lohnungleichheit deshalb bewusst: «Als ich mich beim HR wegen dem Lohnunterschied zwischen mir und meinem Kollegen meldete, war man dort erbost darüber, dass wir uns über unsere Löhne austauschen. Anstatt die Angestellten auf bestehende Lohnungleichheiten aufmerksam zu machen, deckt diese Abteilung auch noch das System der Ungleichheit. Das finde ich skandalös.»

Sie hat die Aufgabe, die sie eigentlich von der Rekrutierungsabteilung erwartet, in ihren letzten Jahren beim SRF selbst übernommen. Sie habe anderen Frauen, die Leitungspositionen übernehmen wollten, immer direkt geraten, auf ihren Lohn zu schauen und ihn mit dem ihrer männlichen Kollegen zu vergleichen, erzählt sie.

SRF

Laut Gerhard Bayard, Leiter HR und Change beim SRF, lag der Frauenanteil beim Gesamtunternehmen SRG Ende 2021 bei 42 Prozent. Laut Lohnreport lag der Anteil im Kader 2020 bei 30 Prozent. Die Frauenlöhne waren 2020 Bayard zufolge innerhalb der SRG um 2,5 Prozent niedriger als die der Männer. Ein Teil der Lohndifferenz entstehe durch nichtdiskriminierende Faktoren, in erster Linie durch Entschädigungen für Nacht- und Wochenendarbeit, die vorwiegend Männer betreffe. Ohne diesen Faktor betrage die Differenz nur noch 1,7 Prozent.

Anfang 2019 sei das Netzwerk «idée femme» entstanden, dessen Ziel die Gleichstellung der Geschlechter «in Bezug auf Möglichkeiten, Lohn, Förderung und Sichtbarkeit» sei. Ende des gleichen Jahres habe zudem das Diversity Board der SRG seine Arbeit aufgenommen. Es habe konkrete Vorschläge erarbeitet, die nun Teil der aktuellen Unternehmens- und Angebotsstrategie der SRG seien. Bezüglich sexueller Belästigung, sexistischem Verhalten und Diskriminierungen jeglicher Art gelte beim SRF Nulltoleranz. Betroffene Personen könnten beim Leiter HR die Durchführung eines Beschwerdeverfahrens verlangen. Auch eine externe Sozialberatungsstelle sei als Ansprechpartner bei Persönlichkeitsverletzungen zuständig und gegenüber SRF zu Stillschweigen verpflichtet. Aktuell rekrutiere die SRG zudem interne Vertrauenspersonen.

Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers (Foto: Elio Donauer)

Diversity als Schwerpunkt bei Tamedia


Bei Tamedia hat der offene Brief im letzten Jahr zu ersten konkreten Massnahmen geführt. Priska Amstutz, seit Juli 2020 Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, war ab Dezember 2020 Leiterin einer Tamedia-internen Arbeitsgruppe zum Thema Diversity und Frauenförderung. Im Mai 2021, wenige Wochen nach dem Protestbrief, präsentierte diese ihre ersten Ergebnisse. Darin gibt sich der Konzern das Ziel, auf jeder Stufe mindestens 40 Prozent Frauen zu beschäftigen und auf dem Weg dorthin den Anteil jedes Jahr um fünf Prozent zu steigern. Laut Tamedia Co-Geschäftsleiter Marco Boselli sollte auch «der Rekrutierungsprozess neu und inklusiver gestaltet werden.» Ausserdem sollte es konkrete Massnahmen zur Sicherung von Gleichstellung, zur Schaffung eines guten Betriebsklimas und einer inklusiven diskriminierungsfreien Unternehmenskultur geben. In Bezug auf die im Brief angesprochenen Vorwürfe wurde ausserdem eine externe Untersuchung durchgeführt.

Die umgesetzten Massnahmen im Bereich Frauenanteil und Rekrutierung seien sehr effizient, erklärt Priska Amstutz gegenüber Tsüri.ch. Ihr würden spontan mehr neue Teamleiterinnen und obere Kadermitarbeiterinnen einfallen, als für die fünf Prozent Steigerung notwendig gewesen wären. Beim Thema Sitzungskultur würden sich Ressortleitungen und Chefredaktionen darüber austauschen, wie Sitzungen gut funktionieren können und wo es Schwierigkeiten gebe, so Amstutz: «Das Bewusstsein, dass es viel zu beachten gibt, damit sich alle Mitarbeitenden in einer Sitzungssituation frei artikulieren, ist sehr gewachsen.»

WOZ Die Wochenzeitung

Bei der genossenschaftlich organisierten Wochenzeitung WOZ gibt es laut Werberin Camille Roseau 27 Männer und 22 Frauen unter den Genossenschafter:innen. Man achte bei allen Neuanstellungen auf eine Ausgewogenheit des Geschlechterverhältnisses. Da man einen Einheitslohn zahle, gebe es zudem keinen Gender-Pay-Gap.

«Als selbstverwaltetes Kollektiv sind wir alle daran interessiert, möglichst gut und konstruktiv zusammenzuarbeiten», so Roseau: «Zur Bewältigung interner Konflikte haben wir ein genau definiertes Prozedere, bei dem auf Wunsch die interne Personalombudsstelle beigezogen werden kann.» Der Einbezug einer externen Person zur Konfliktlösung sei möglich. Spezifischere Verfahren zu sexistischem oder anderweitigem diskriminierenden Verhalten gebe es darüber hinaus nicht.

Nach der Untersuchung der Vorwürfe habe man zusätzlich zu internen Vertrauenspersonen nun auch eine externe Ansprechstelle eingerichtet. Mithilfe des Reports einer externen Expertin seien die Chefredaktor:innen über die Situation in ihren Redaktionen informiert und wo nötig weitere Gespräche und Massnahmen veranlasst worden. Über tatsächliche Konsequenzen für einzelne Mitarbeitende nach den Vorwürfen des Protestbriefs schweigt sich Amstutz allerdings aus. Die Personalberatungen würden die Vorgesetzten darüber beraten, welche Sanktionen angemessen sind, erklärt sie, doch: «Über konkrete Sanktionen geben wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Angaben.»

Fokusmonat Journalismus

Der Journalismus kriselt, wir reden darüber! Während des Monats April setzen wir uns intensiv mit dem Journalismus auseinander. Dabei beleuchten wir Themen wie die Gleichstellung im Journalismus, die Rolle von Diversität im Journalismus bei der Integration (und inwiefern es sie überhaupt gibt) und die Grenzen zwischen Klimajournalismus und Aktivismus. Im Rahmen des Fokusmonats finden eine Pitch-Night sowie drei thematische Podiumsveranstaltungen statt. 

Alle Infos findest du unter tsri.ch/journalismus.