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Foto: Flickr Jonas Zürcher, CC BY 2.0

Gleichstellung in der Medienbranche – «Wir sind noch lange nicht dort, wo wir hin wollen»

Wie steht es um die Gleichstellung der Geschlechter in der Schweizer Medienbranche? Dieses Thema scheint gefühlt in den Köpfen aller präsent zu sein. Sei es bezogen auf den Lohn oder der medialen Vertretung der Geschlechter. Es gibt noch viel zu lernen.
23. Dezember 2020
Praktikant Civic-Media

In einem Interview mit der Fachzeitschrift «Frauenfragen» wurde 2016 über die Gleichstellung der Geschlechter in der Medienbranche gesprochen. Die Zentralsekretärin der Medien- und Kommunikationsgewerkschaft Syndicom, Stephanie Vonarburg, sagte damals: «Es steht noch viel Arbeit vor uns.» Denn 2016 war man in vielen Bereichen noch nicht an dem Punkt, den man sich wünschte. Dies betraf zum Beispiel die Lohngleichheit oder einen Gesamtarbeitsvertrag für Print- und Onlinemedien in der Deutschschweiz und im Tessin. In der Westschweiz gibt einen solchen bereits seit Jahrzehnten. Vonarburg ist sich sicher, dass sich ein Gesamtarbeitsvertrag positiv auf die Gleichstellung der Geschlechter auswirken würde. Monika Hofmann, Gleichstellungssekretärin beim Schweizer Syndikat SSM erzählte 2016 im selben Interview, dass die SRG daran sei, einen Aktionsplan auszuarbeiten, der an verbindliche Ziele gebunden sei. Dieser beinhalte zum Beispiel die Erhöhung des Frauenanteils auf 30 Prozent oder eine ausgeglichene Darstellung der Geschlechter in den Programmen der SRG.

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Themen wie Lohngleichheit, die Untervertretung von Frauen in den Redaktionen und die Darstellung der Geschlechter waren schon damals hochaktuell. Es bestand Handlungsbedarf. Das bestätigen auch folgende Zahlen: Das «Global Monitoring Project» aus dem Jahr 2015 zeigte auf, dass 75 Prozent der beschriebenen oder interviewten Personen Männer sind. Mit diesem Resultat liegt die Schweiz im globalen Vergleich im Durchschnitt oder gar darunter. Ein Grund wieso nicht geschlechtergerecht berichtet wird, hängt sicherlich auch mit der Untervertretung der Frauen im Berufsfeld zusammen. Es braucht aber schlichtweg auch einfach Bereitschaft, etwas ändern zu wollen. Aber diese gibt es nicht überall. Wie Tsüri.ch weiss, gibt es zum Beispiel auch im Jahr 2020 noch Journalist*innen, welche mit der Ausrede, sie hätten in der Zeitung keinen Platz dafür, auf gendergerechte Sprache verzichten.

Und heute, vier Jahre später?

Die Umfrage «Medienschaffende 2020» zeigt, dass sich die Löhne der Medienschaffenden allgemein unterdurchschnittlich entwickeln. Und obwohl sich über die letzten Jahre die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau verringert hat, bewegt sich der Unterschied über das ganze Jahr zwischen 1’900 und 3’100 Franken. Lohndiskriminierung ist auch 2020 noch Realität. Etwas, das dieser Entwicklung entgegenwirken könnte, wäre wie bereits erwähnt, ein Gesamtarbeitsvertrag. Laut Vonarburg gab es 2018 und 2019 zwar Verhandlungen dazu. Aber schon bei den Kernfragen sei man stehen geblieben, eine Einigung zwischen Gewerkschaften und Veleger*innen konnte nicht erreicht werden. Eine Fortführung der Verhandlungen war dieses Jahr wegen Corona nicht möglich. Es gibt zwar keine aktuellen Zahlen, aber der Frauenanteil nehme in der Medienbranche zu. Dieser sei vor allem an den Ausbildungsorten hoch, im mittleren und oberen Kader gäbe es jedoch eine klare Untervertretung.

Doch gab es überhaupt nennenswerte Fortschritte oder ist die Medienbranche bei der Gleichstellungsfrage stehengeblieben? Vonarburg sagt: «Wir sind noch lange nicht dort, wo wir hin wollen.» Und doch gab es Fortschritte. So hat der Frauenstreik vom 14. Juni 2019 einiges bewegt. Man hat sich neu formiert und einen Forderungskatalog erstellt. Zudem wurde am 1. Juli 2020 das Gleichstellungsgesetz geändert. Dieses verlangt neu von Betrieben mit mehr als 100 Angestellten regelmässige Lohnanalysen. Zusammenfassend sagt Vonarburg: «Es gibt Fortschritte, aber auch immer wieder Fehlleistungen von Medien in Bezug auf Gleichstellung. Und diese werden heute auf Redaktionen öfters thematisiert und kommentiert.»

Projekt 50:50

Im Rahmen der Debatte gibt es immer mehr Medien, die konkrete Massnahmen ergreifen. So hat das SRF das Projekt Chance 50:50 gestartet, das eine Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern bei Gästen und Expert*innen anstrebt. Zudem haben SRG-Mitarbeiterinnen das Netzwerk «idée femme» gegründet, die das Ziel hat die Geschlechter in Bezug auf Möglichkeiten, Lohn, Förderung und Sichtbarkeit gleichzustellen. Der Bundesrat hat Ende November zudem beschlossen, dass bis Ende 2021 mindestens 40 Prozent der Kaderposten von budesnahen Betrieben mit Frauen besetzt werden müssen. Dazu gehören zum Beispiel die SRG, SBB oder Schweiz Tourismus. Falls diese Zahl nicht erreicht wird, muss diese kommentiert werden. Die nächsten Jahren müssen sich diese Betriebe bemühen, diese Zahl zu erreichen. Denn die meisten sind noch nicht in der Nähe der Zielquoten.

Und was macht eigentlich Tsüri.ch?

Auch wir bei Tsüri.ch müssen uns diesbezüglich immer wieder die Frage stellen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Auf die Frage, wie es bei uns aussieht, antwortet Chefredaktor Simon Jacoby: «Wir versuchen mit gutem Beispiel voranzugehen und so andere Medien zum Nachahmen zu animieren.» Konkret heisst das, dass Tsüri.ch auf ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter im Team, in den Artikeln und an den Veranstaltungen zielt. Luft nach oben gäbe es aber immer, doch die Richtung stimmt. Momentan arbeiten vier Frauen und fünf Männer bei Tsüri.ch, an den letzten vier Fokusmonaten waren 54 Prozent der Personen auf der Bühne Frauen. «Wir sind gut und konsequent unterwegs, was die Gleichstellung der Geschlechter angeht, auch Lohnunterschiede kennen wir keine», so der Chefredaktor. Einzig im Verwaltungsrat hat Tsüri.ch noch eine Männermehrheit. Was aber nicht vergessen werden dürfe, sei, dass es noch andere Arten der Diversität gäbe, die bei der Frage nach Gleichstellung und Inklusion wichtig seien, so Jacoby.

Jacoby bringt zudem näher, warum dies so wichtig ist: «Die Medien nehmen in der Demokratie eine wichtige Rolle ein, indem sie die Gesellschaft kritisch begleiten. Diese Aufgabe können wir wahrnehmen, wenn die Redaktionen und die Stimmen in den Beiträgen vielfältig sind.» Denn grundsätzlich arbeiten sowohl auf Verlags-, wie auch auf Redaktionsebene zu viele weisse, männliche und gut gebildete Menschen.

Und obwohl Tsüri.ch bezüglich der Gleichstellung keinen Leitfaden hat, gibt es einen inneren Kompass; solidarisch und offen. Konkret bedeutet dies, dass bei einer frei werdenden Stelle auf das Verhältnis der Geschlechter geschaut wird oder wenn ein Artikel geschrieben wird, darauf geachtet wird, welche Expert*innen befragt werden. Das gleiche gilt bei Veranstaltungen.

Aber eines ist uns besonders wichtig: Sollten wir irgendwo blinde Flecken haben, gerne melden! Nur so können wir dazulernen. Merci.

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