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Hier in Zürich-Seebach soll ein neues Quartier entstehen. Bilder: Rahel Bains

«Können nicht auch noch im Städtebau Abstand halten» – ein Besuch auf der letzten grossen Baulandreserve Zürichs

In wenigen Tagen wird über den öffentlichen Gestaltungsplan Thurgauerstrasse abgestimmt. Dort, in der Nähe des Hallenstadions, plant die Stadt ein neues Quartier für 2000 Menschen. Die Gegner finden: Statt «Klötze» zu bauen, sei mehr Bescheidenheit angesagt. Ein Besuch auf der letzten grossen Baulandreserve dieser Stadt – die in einem Quartier liegt, das niemand wirklich kennt.
21. November 2020
Redaktionsleiterin

Die Idee, die englische Gartenstadt nach Zürich zu bringen, kam einer Revolution gleich: Statt die Arbeiter*innen und ihre Familien in Mietskasernen unterzubringen, sollten sie in hübschen, kleinen Häusern wohnen und in den grosszügigen Gärten selbst Gemüse anbauen. 1925 wurde diese Idee der Familienheimgenossenschaft (FGZ) Wirklichkeit – mit dem Bau der 1. Siedlungs-Etappe im damals weit ausserhalb der Stadt liegenden Friesenberg. Nun, knapp 100 Jahre später, hat die Stadt Zürich der FGZ die Erlaubnis erteilt, ebendiese Siedlungen abzureissen, damit an gleicher Stelle verdichtet gebaut werden kann. Der Heimatschutz legte Rekurs ein, unterlag beim Baurekursgericht zunächst, gewann aber bei der nächsten Instanz, dem Verwaltungsgericht. Die Stadt und die FGZ zogen den Entscheid ans Bundesgericht weiter. Dieses hat die Beschwerde vor wenigen Wochen abgewiesen und sich somit gegen die Verdichtung und Schaffung neuer günstigen Wohnungen entschieden – aber für die Erhaltung der schützenswerten Bauten im Zürcher Stadtquartier.

Verdichtung. Ein Begriff, der in dieser Stadt mindestens so oft genutzt wird wie «hohe Mieten» und «Gentrifizierung». Kaum verwunderlich, rechnet man doch damit, dass bis zum Jahr 2040 rund 520'000 Personen in der Stadt leben werden, also rund 100'000 Personen mehr als heute. Vor diesen Wachstumsprognosen und den knappen Baulandreserven stellt sich die Frage nach einer optimalen Raumnutzung dringlicher denn je.

Ein neues Zuhause für fast 2000 Menschen

Verdichten wollte man nicht nur im Friesenbergquartier, sondern aktuell auch auf der städtischen Baulandreserve entlang der Thurgauerstrasse in Zürich-Seebach. Dort soll auf 64'000 Quadratmeter Land ein neues Quartier entstehen. Geplant sind eine Zonenplanänderung und zwei öffentliche Gestaltungspläne. Die Änderungen der Bauzonen sowie ein Gestaltungsplan, welcher eine Schulanlage und einen Quartierpark vorsieht, wurden bereits vom Gemeinderat fixiert. Gegen den zweiten öffentlichen Gestaltungsplan wird das Referendum ergriffen. Das Komitee besteht aus Vertreter*innen der IG Grubenacker, die 2016 von den Anwohner*innen des Quartiers gegründet worden ist und Gemeinderät*innen von AL, Grünen und der EVP.

Gemäss dem Gestaltungsplan sollen rund 37'000 Quadratmeter des Areals für Wohnungen und Gewerberäume genutzt werden – und damit Platz für 1800 Menschen bieten. Die Vorlage sieht vor, dass dicht gebaut werden soll, um möglichst viel preisgünstigen Wohn- und Gewerberaum zu schaffen. Unter anderem sollen drei bis zu 70 Meter hohe Hochhäuser entstehen.

Obwohl die SP hinter dem von André Odermatt als «Meilenstein» angepriesener Grossüberbauung steht, hat SP-Nationalrätin Jacqueline Badran vergangene Woche öffentlich dazu aufgerufen, an der kommenden Abstimmung vom 29. November ein Nein in die Urne zu legen. Grüne und AL, die linken Gegner*innen der Vorlage, teilen die Nein-Parole. Ebenso auf Distanz gegangen sind auch die Zürcher Wohnbaugenossenschaften, die städtische Grossprojekte in der Regel unterstützen. Ihr Regionalverband Wohnbaugenossenschaften Zürich hat die Stimmfreigabe herausgegeben, und das obwohl sie einen Teil des Lands eigentlich im Baurecht übernehmen dürften.

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» liess Badran verlauten: «Wir brauchen schnell mehr gemeinnützige Wohnungen.» Dies spreche für das Projekt. Gleichzeitig sei der jetzige Vorschlag einfach nicht gut, «ein Murks», zu teuer, zu wenig ökologisch, architektonisch monoton, die Durchmischung erschwerend. «Wenn wir das bauen, wird es mindestens 100 Jahre stehen bleiben.» Auf einem so wichtigen Grundstück könne sich die Stadt keine zweitbeste Lösung leisten, sagt Badran. Da müsse sie etwas Vorbildliches hinstellen, das auch die Umgebung miteinbeziehe.

Im Quartier rund um die Grubenackerstrasse hat man die Nein-Parole gefasst.

Zürich Seebach besetzt im Wunschkreis-Ranking stets die hinteren Plätze

Badrans Meinung teilen auch Christian Häberli, Präsident des Vereins IG Grubenacker und Städteplaner Jürg Sulzer, seit 2004 Professor für Stadtumbau und Stadtforschung an der TU Dresden. Sulzer hat die Anwohner*innen dabei unterstützt, das alternative Konzept «Wohnhöfe Grubenacker» als städtebauliche Leitlinie auszuarbeiten.

Die beiden haben zum Spaziergang durch das Quartier geladen. Ein Quartier, in dem der Grossteil der Zürcher*innen nur selten zu Gast ist. Wird in der Stadt eine neue Wohnung gesucht, so muss sie für die meisten nicht nur verhältnismässig günstig sein, sondern am besten auch noch in den Kreisen 3 ,4 und 5 liegen. «Notfalls auch im Kreis 6 oder 10», schreiben Wohnungssuchende jeweils in ihren Social-Media-Einträgen. Zürich Seebach? Besetzt im Wunschkreis-Ranking stets die hinteren Plätze.

Sinnvoller wäre gewesen, zuvor gemeinsam eine Auslegeordnung vorzunehmen, wie das ganze Gebiet zwischen Thurgauerstrasse und Bahnlinie neu gestaltet werden könnte.
Christian Häberli, Präsident des Vereins IG Grubenacker

Häberli und Sulzer warten an der Tramhaltestelle «Leutschenbach». Eine Möglichkeit, um von der Innenstadt dorthin zu gelangen, ist, über den Bucheggplatz und dann an der neuen Überbauung «Guggachpark» vorbeizufahren, deren erste Mieter*innen vor wenigen Monaten eingezogen sind. Gleich daneben liegt die Guggachbrache, auf der während den vergangenen fünf Jahren Quartierbewohner*innen und diverse Kollektive Anlässe durchgeführt haben. In die Höhe ragende Baugespanne weisen dort auf die geplante städtische Überbauung hin, die bis 2023 realisiert werden soll und rund 120 gemeinnützige Wohnungen, einen Kindergarten sowie eine Schule umfassen soll. Verdichtung herrscht also auch entlang des Käferbergs.

Der Weg führt weiter quer durch Oerlikon. Hier in Zürich-Nord hat die Stadt nebst Altstetten vor wenigen Jahren das grösste Potenzial für eine «Verdichtung nach innen» prognostiziert. Häberli und Sulzer stehen bereits auf der langen, schmalen Bauparzelle in der Nähe des Hallenstadions. Hinter dem Parkplatz reihen sich Schrebergärten aneinander. Auf der rechten Seite liegt die Thurgauerstrasse. Ein Autobahnzubringer, auf dessen Hochgeschwindigkeitstrasse Trams an uns vorbeirauschen. Gesäumt wird die Strasse von hohen Bürokomplexen. Schon wieder Baugespanne. Dieses Mal auf dem Parkplatz.

Das ist also die letzte grosse Baulandreserve dieser Stadt.

Sie seien keine Verweigerer, stellen Häberli und Sulzer gleich zu Beginn des Gesprächs klar. Es sei unbestritten, dass in Zürich Wohnungsnot herrsche und es ergo mehr Wohnraum bedarf. Darüber, wie dieser aussehen soll, lasse sich jedoch diskutieren. Häberli wohnt seit 15 Jahren in einem der kleinen Einfamilienhäuser, die hinter dem Parkplatz und den wuchernden Gärten liegen und in den 30er-Jahren gebaut worden sind. Damals war diese Gegend noch ein Niemandsland, ein «Abstellgelände», das man lediglich als Durchgang genutzt hat. Auch heute kriegt Häberli oft zu hören: «Hier kann man doch bauen was man will, das kommt ohnehin nicht darauf an.»

Das sieht er anders. Kurz nach seinem Einzug hat er den Zaun um seinen Garten herum entfernt, damit die Nachbarskinder ungehindert zwischen den Wohneinheiten herumrennen können. Für diese sei das Leben hier ein Paradies, sagt er. Für Erwachsene weniger. Es gäbe keine Geschäfte, keine Beizen oder Cafés in der Nähe. Dafür viele Büroräumlichkeiten, Fitness-Studios und Solarien. Sein Wunsch? Dass Zürich sich zu einer polyzentrischen Stadt wandelt und belebte Quartiere erschafft werden, die alles bieten, was deren Anwohner*innen für ihren Alltag brauchen.

Christian Häberli, Präsident des Vereins IG Grubenacker (links) und Städteplaner Jürg Sulzer, seit 2004 Professor für Stadtumbau und Stadtforschung an der TU Dresden.

In den Augen der IG Grubenacker hat es die Politik verpasst, den Prozess der Entwicklung des Gestaltungsplans moderierend zu gestalten. Ein Prozess, den sie gerne mitgestaltet hätten. «Wir haben das Gefühl, dass die Stadt dieses Projekt einfach durchziehen will. Sinnvoller wäre gewesen, zuvor gemeinsam eine Auslegeordnung vorzunehmen, wie das ganze Gebiet zwischen Thurgauerstrasse und Bahnlinie neu gestaltet werden könnte.» Man habe versucht, Ideen einzubringen, sei dann aber überrascht gewesen, wie schwierig sich das gestaltet habe, sagt Häberli und spricht weiter von «technokratischem Denken» und «juristischen Prozessen und Regelwerken.»

Das Hochbaudepartement der Stadt Zürich schreibt indes auf seiner Homepage, dass der Prozess in enger Abstimmung mit dem Quartier erfolgt sei und man an Informationsveranstaltungen ausgewählte Dialoggruppen aus dem Quartier angehört und ihre Anliegen soweit als möglich in den Konzeptentwürfen berücksichtigt habe. Häberli sagt dazu: «Die einzigen zwei Veranstaltungen, die nach meiner Auffassung das Prädikat partizipativ verdienen, haben im Juni 2019 zur Quartierentwicklung stattgefunden und im Februar 2020 zum Quartierpark.» Die erste davon habe man sich über etwa zwei Jahre erkämpfen müssen.

Es muss dafür gesorgt werden, dass sich die Menschen wenigstens in den Innenhöfen wiederfinden. Denn in Hochhäusern finden sie sich nicht.
Jürg Sulzer, Städteplaner

Vom Parkplatz geht es in Richtung Schrebergärten. Sulzer zeigt auf das grosse Stück Land, das sich vor ihm ausbreitet. «Es ist schwierig, wenn man sagt: Hier sind auf der einen Seite die Einfamilienhäuser und auf der anderen Seite diese massiven Bürokomplexe – und jetzt lass uns in der Mitte nochmals einen Klotz hinstellen.» Solche «Klötze» habe man in dieser Stadt während den vergangenen Jahrzehnten zuhauf gebaut. Allein das Quartier Zürich West zeige dies auf beispielhafte Weise.

Anfang November hat Psychologin Alice Hollenstein, die sich intensiv mit der Fragestellung beschäftigt, welche Details eine städtische Umgebung lebenswert und attraktiv machen, gegenüber dem NZZ Folio verlauten lassen, dass Grossüberbauungen sich oft durch «Kilometerarchitektur» auszeichnen würden. Damit meint sie die monotonen Häuserfronten, die in vielen Agglomerationen – und auch in Zürich-Nord – zu sehen sind. «Ein wunderbarer Begriff, der alles sagt», findet Sulzer.

Gärten dominieren heute das Quartier in Zürich-Seebach.

Zurück zum klassischen Blockrand?

Ein Umdenken sei angebracht, das es ermögliche, einen attraktiven, der heutigen Zeit entsprechenden Stadtraum zu schaffen. Ein Areal zu entwickeln, das sowohl zur rechten wie auch zur linken Seite der Strasse einen Bezug habe. Einen 1,5 Kilometer langen Riemen hinzustellen und ein paar Türme zu bauen reiche schlicht nicht. Es gelte, die Menschen, die dort wohnen werden, in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür zu sorgen, dass diese gerne nach Hause kommen. Vor allem in Zeiten der aktuellen Pandemie. Sulzer: «Wir können nicht auch noch im Städtebau Abstand halten. Vielmehr muss dafür gesorgt werden, dass sich die Menschen wenigstens in den Innenhöfen wiederfinden. Denn in Hochhäusern finden sie sich nicht.»

Raumgeborgenheit im Städtebau schaffen sei das Schlüsselwort, sagt Sulzer und verweist auf die Wohnkolonien aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert, die klassischen Blockrandbauten, wie sie die Stadt Zürich beispielsweise um die Jahrhundertwende beim Limmatplatz erstellt hat und damit zum ersten Mal wohnbaupolitisch aktiv geworden ist. Die auch heute noch parkähnlichen Innenhöfe der drei Baugevierte galten damals als zentrale städtebauliche und wohnungsbauliche Errungenschaft: Plötzlich gab es mehr Licht und Luft zum Leben als in den Mietskasernen der dicht bebauten Nachbarblöcke. Vorgärten und Bäume im Hof setzten neue grüne Akzente im grauen Industriequartier.

Laut Sulzer müsse man heute wieder bescheidener werden, sich fragen, was die Menschen denn wirklich mögen würden. «Für eine Wohnung direkt am Idaplatz, ein hoch verdichtetes Quartier, stehen die Menschen nicht ohne Grund zu Hunderten Schlange.» Diesen Parzellen-Städtebau, bei dem jedes Haus ein anderes Gesicht hat, könne man auch neu erschaffen, erfordere aber eine engmaschige Begleitung, Zeit und Energie und den Miteinbezug der Anwohner*innen.
Ankunft bei der grossen Kastanie auf dem «Dorfplatz» des kleinen Quartiers.

Sulzer packt eine weisse Papierrolle aus. Darauf ist eine Skizze zu sehen, wie die geplante Überbauung seiner Meinung nach aussehen könnte: Aus bereits bestehenden, diagonalen Wegen, die aufgegriffen und weitergeführt werden, Blockrändern, Höfen – die alle miteinander verbunden sind. Zum Argument der Befürworter*innen, dass das Erstellen einer neuen Version des Gestaltungsplans sich zu lange hinziehen würde, sagt er: «Es gibt viele Überlegungen im aktuellen Gestaltungsplan, die man übernehmen und weiterdenken könnte. Innerhalb eines Jahres wären wir genauso weit wie heute.» Das Warten würde sich lohnen, denn sei die «Ware» erst einmal gebaut, so halte sie die nächsten 100 Jahre.

Ein Teil der städtischen Siedlung Limmat 1 an der Limmatstrasse 165 um das Jahr 1938. Bild: ETH Bildarchiv

Qualität sei wichtig, ein angenehmes Wohnumfeld, so Sulzer und verweist auf den Bundesgerichtsentscheid im Fall Friesenberg. Verdichtung und Innenentwicklung müsse sich, so die «Kulturbotschaft 2021-2024» des Bundes, auch an baukulturellen Aspekten orientieren gegenüber einer heute stark auf technische und ökonomische Logiken ausgerichtete Planungspraxis. «Da muss man hellhörig werden und erkennen, dass diese Punkte eine grosse Rolle spielen.» Auch im internationalen Städtebau sei ein Umbruch im Kommen. Man merke offenbar, dass es nicht reiche, nur «Masse und Schnelligkeit» im Wohnungsbau zu setzen. Sulzer: «Kleinteiligkeit ist besser, flexibler, zukunftsträchtiger. Und beweist, dass man auch mehr als 100 Jahre später noch immer gerne in solchen Siedlungen lebt.»

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