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Juliane Hahn (links) und Michelle Akanji. Bild: Elio Donauer

Die Unzufriedenheit gegenüber dem Ein-Intendantmodell positiv genutzt

«Endlich fällt das Theaterpatriarchat», freuten sich viele, nachdem gleich an zwei Theaterhäusern Frauen im Kollektiv die Leitung übernahmen. Nun hat nach Corona die erste Spielzeit begonnen. Ein Gespräch mit Michelle Akanji und Juliane Hahn von der Gessernallee über die benötigte Aktivierungsenergie während der Pandemie, das Muttersein in der hiesigen Theaterszene und die Bedeutung von «kultureller Teilhabe».
03. Oktober 2021
Redaktionsleiterin

Vor zwei Jahren kam der Umbruch: Das neue Team am Schauspielhaus wollte die Theaterstadt Zürich neu erfinden, zeitgleich übernahm am Theater Neumarkt ein weibliches Kollektiv die Ruder. Kurz danach starteten Rabea Grand, Juliane Hahn und Michelle Akanji als Leitungskollektiv der Gessnerallee. «Endlich fällt das Theaterpatriarchat», freuten sich viele.

Doch dann kam Corona – und die Bühnen blieben vorerst leer. «Wir hatten im vergangenen Jahr sehr viel Zeit, uns mit Fragen wie Nachhaltigkeit, Zugänglichkeit und Kollaboration innerhalb des Teams oder kollektivem Arbeiten zu beschäftigen, auch im Austausch mit den Hauskünstler:innen», erzählt das mittlerweile zu einem Zweiergespann gewandelte Gessnerallee-Leitungsteam, das wir vor wenigen Wochen kurz nach der Eröffnung ihrer ersten Spielzeit seit der Pandemie getroffen haben.

Rahel Bains: Nervt es euch gefragt zu werden wie es ist, als Frau eine Leitungsposition in der Theaterbranche inne zu haben?

Michelle Akanji: Zu Beginn wurden wir oft an Gespräche, Panels oder Studien eingeladen, um diese Frage zu beantworten. Ich fand es stets hilfreich, in diesen öffentlichen Diskursen durch Rückfragen die eigene Position zu schärfen, deshalb nervt die Frage mich eigentlich nicht. Ich finde es wichtig, dass sie immer wieder thematisiert wird. Denn nur weil in Zürich und in anderen Städten ein paar wenige Frauen in Leitungspositionen sind, ist die Arbeit noch nicht getan.

Juliane Hahn: Diese Frage ist tatsächlich nicht mehr so präsent in den Anfragen an uns. Wir reflektieren diesen Fakt zwar immer wieder, es ist aber nicht so, dass wir ihn ständig vor uns her tragen. Und klar, dass wir uns für kooperative Qualitäten interessieren, wenn es um «Leiten» geht hat sicherlich damit zu tun, dass wir als Frauen sozialisiert sind.

Ihr seid gemeinsam mit Rabea Grand Anfang 2019 in eure heutige Funktion gewählt worden – und das bewusst in einer Kollektiv-Besetzung, die bis anhin eher unüblich war für die hiesige Szene. Rabea und du, Michelle, habt beide Kinder. Machte diese geteilte Verantwortung es überhaupt erst möglich, eine solche Leitungsfunktion mit dem Familienleben zu vereinbaren?

Michelle: Rabea und ich sind in der Tat einige der wenigen Frauen im Gessnerallee-Team, die Kinder haben. Fakt ist: Eltern erwarten in Theaterbetrieben viele strukturelle Hindernisse. Ich möchte deshalb in der Zeit in der wir hier sind, die Grundlagen dafür schaffen, die Gessnerallee zu einem familienfreundlicheren Betrieb zu wandeln. Dazu muss man auch strukturell Bedingungen verändern, die nicht nur vom Goodwill der Personen in der jeweiligen Leitungsfunktion abhängig sind.

Immerhin: Die Gessnerallee bietet seit Jahrzehnten einen Vaterschaftsurlaub von vier Wochen an. Seit der Abstimmung sind es sogar sechs, was nicht selbstverständlich ist. Man muss zwar auch bei uns abends arbeiten, aber wir achten darauf, dass dies gebündelt vonstatten geht und die Sitzungen nicht zu lange dauern, wenn man seine Kinder von der Kita holen muss. Fast alle hier haben Teilzeitpensen, wir wollen für sämtliche Leute, die Care-Arbeit leisten, so viel Flexibilität wie möglich an den Tag legen.

Wie ist das Elternsein in der Theaterbranche für dich persönlich?

Michelle: Es ist schon anstrengend. Ich arbeite 80 Prozent und habe fast jede Woche Abendtermine oder Vorstellungen, an denen ich arbeite. Klar gibt es viele Mütter, die so viel arbeiten, doch es ist eine Entscheidung, die man sehr bewusst treffen muss. Man ist oft weg und hat nicht so viel Zeit mit dem Kind. Dies im Wissen, dass man sich zu Hause nicht voll und ganz von seinem Job distanzieren kann. Gleichzeitig hilft ein Kind sehr, abzuschalten. Ich fände es spannend, mehr mit Personen in den Austausch zu kommen, die Betreuungsarbeit leisten und hohe Verantwortungspositionen in Kulturbetrieben innehaben.

Klar ist der Druck von aussen stark, aber die Ansprüche, die wir an uns haben und hatten, sind auch riesig.
Juliane Hahn

«Kulturelle Teilhabe» hat sich in den letzten Jahren zu einem Schlüsselbegriff der kultur- und gesellschaftspolitischen Debatte entwickelt. Ziel ist, dass Menschen die Möglichkeit haben sollen, sich mit Kultur auseinanderzusetzen und das kulturelle Leben mitgestalten zu können. «Mehr Diversität», «Partizipation» und Bereitschaft zu «Kooperation» wurde gefordert. «Zu klären, was der Begriff kulturelle Teilhabe im Einzelnen konkret bedeuten kann und muss, wird die Aufgabe und Arbeit der nächsten Jahre sein», hiess es. Habt ihr schon eine Antwort darauf gefunden und wie zeigt sich diese in der Gessnerallee?

Michelle Zeitgleich mit den Wechseln an den Zürcher Theaterhäusern hiess es: Die kulturelle Teilhabe muss jetzt überprüft werden. Ich fragte mich damals: Von wem? Es ist interessant, dass die Stadt diese Frage formuliert. Weil ich ehrlich gesagt das Gefühl habe, dass der Austausch darüber, was die Umsetzung von kultureller Teilhabe innerhalb der Stadt bedeutet, noch nicht genug stattfindet. Ich habe das Gefühl, dass wir als Institution oft auch ein wenig alleine gelassen werden mit dieser Frage.

Juliane: Man merkt, dass die Thematik allgegenwärtig ist. Pro Helvetia, die grösste Kulturstiftung der Schweiz, hat zum Beispiel einen neuen Fördertopf rund um die Thematik «Diversität und Chancengleichheit im Kulturbetrieb» lanciert. Unser Fokus war die Öffnung des Hauses programmatisch aber auch strukturell hin zu Künstler.innen und den Akteur:innen, mit denen wir zusammen das Programm gestalten.

Uns ist wichtig, dass wir offen sind, immer wieder aufnehmen, welche Bedürfnisse da sind. Einerseits versuchen wir das in der Zusammenarbeit mit Künstler:innen, andererseits auch im Programmbereich Community, in dem wir mit Akteur:innen der Stadtgesellschaft zusammenarbeiten, die ähnliche Themen beackern wie wir. Leider konnten wir vieles von dem, was wir uns vorgenommen haben, aufgrund von Corona nicht so richtig ausprobieren. Aber dass Teilhabe und Öffnung heisst, die Frage zu stellen, was können wir für dich tun oder was können wir zusammen machen, ist ein Mittel, das wir benutzen.

Neue Dringlichkeit: Ein Stück das provoziert, zum Nachdenken anregt – in Bezug auf Diskriminierungen aller Art – und mit den Sehgewohnheiten des Publikums spielt. Bild: Londry Samuel

Eigentlich erwartet man von euch und den Direktorinnen des Neumarkt fast schon ein Wunder und zwar die «Erlösung eines Theaterpatriarchats» und dies alles immer mit Rücksicht auf das kritische Zürcher Publikum, das Innovationen bekanntlich nicht immer freudig willkommen heisst. Wie meistert ihr es, in der verunsicherten Zürcher Theaterlandschaft neue Positionen zu präsentieren?

Juliane: Klar ist der Druck von aussen stark, aber die Ansprüche, die wir an uns haben und hatten, sind auch riesig. Wir hatten im vergangenen Jahr sehr viel Zeit, uns mit Fragen wie Nachhaltigkeit, Zugänglichkeit und Kollaboration innerhalb des Teams oder kollektivem Arbeiten zu beschäftigen, auch im Austausch mit den Hauskünstler:innen. Jetzt gilt es, dies in dieser Spielzeit auch wirklich umzusetzen. Und das trotz der begrenzten Ressourcen, die ja letzten Endes in einem freien Haus wie der Gessnerallee auch nach Corona noch bestehen. Kollektives, hierarchie-kritisches miteinander Arbeiten und dabei eine antirassistische Praxis zu entwickeln – alles wichtig, doch wie jongliert man diese Bälle zeitgleich?

Michelle: Die Frage stellt sich auch deshalb, weil diese Punkte sich manchmal widersprechen oder einander übertönen können. Und weil nicht alles zum gleichen Zeitpunkt sichtbar wird. In der Eröffnungsproduktion «Neue Dringlichkeit» wurde in zwei Vorstellungen Audiodeskription angeboten. Es gibt aber auch andere Formen von Zugänglichkeiten, die in der Programmation angelegt sein müssen, aber erst später sichtbar werden. Weil wir zum Beispiel noch mehr lernen oder die Strukturen sich zuerst verändern müssen. Ein Problem ist zum Beispiel, dass es bei uns keinen Lift in den oberen Stock gibt, wo sich unsere Büroräume und Proberäume befinden. Für Menschen im Rollstuhl ein grosses Hindernis.

Ich wünsche mir, dass wir über das klassische Theaterpublikum hinaus Anknüpfungspunkte schaffen können.
Michelle Akanji

Auch der Club des Stall 6 ist Teil des künstlerischen Programms eures Hauses. Dort soll es neu nicht mehr jedes Wochenende Partys geben, sondern in grösseren Abständen und dafür kleinen thematischen Festivals ähnlich. Dabei soll jeweils darauf geachtet werden, dass die Besetzung divers ist. Ist dieses Konzept auch im Zuge der Neuausrichtung entstanden?

Michelle: Es war uns wichtig zu fragen: Was kann die Gessnerallee in dieser Szene leisten und ergänzend anbieten, statt einfach nur ein weiterer Club zu sein. Denn davon gibt es in dieser Stadt bekanntlich genug. Diesen Diskurs direkt umsetzen zu können ist nicht selbstverständlich für die lokale Club- und Kulturlandschaft. Wir können dies, weil wir – als Haus, dass nicht privatwirtschaftlich finanziert ist – einerseits die Ressourcen haben zu reflektieren aber auch die räumlichen Möglichkeiten, um zum Beispiel Workshops für weibliche DJs anzubieten.

Juliane: Das klingt jetzt alles vielleicht etwas theoretisch. Diese Diskurse spiegeln sich aber dann auch in der Kunst, die hier gezeigt wird – es entsteht ein gewisses Flair. Denn vor allem sind wir ein Ort, an dem man Kunst erleben, sprich einen Theater- oder Clubabend geniessen kann und Publikum zusammenkommt. Im November und Dezember haben wir ein paar richtig gute Shows und spannende Gastspiele: Ariel Ashbel, Simone Aughterlony, Henrike Iglesias und das Theater Hora...

Ihr habt einmal gesagt, dass sich euer Team nicht aus kulturpolitischem Kalkül, sondern aus Freundschaft und über gemeinsame Projekte gebildet hat. Ihr habt auch die Unzufriedenheit darüber geteilt, wie es im Theaterbetrieb läuft. Hat sich eure Meinung diesbezüglich geändert?

Michelle: Wir hatten damals alle eine ähnliche Motivation, sagten uns: Wenn es die Möglichkeit gibt, etwas in Kulturinstitutionen zu verändern indem wir in einer Leitungsposition für ein Theaterhaus ein neues Konzept umsetzen, dann können wir unsere Unzufriedenheit zum Beispiel gegenüber dem Ein-Intendantmodell positiv nutzen.

Juliane: Ich finde es bemerkenswert, dass in Zürich immer mehr von diesen kollektiven Strukturen eingesetzt werden – glaube aber auch, dass von allen Seiten, auch von den Kollektiven selbst, unterschätzt wird, welche Aushandlungsprozesse und was für ein Mehraufwand dahintersteckt.

Michelle: Genau, es braucht so viel Aktivierungsenergie, gerade wenn man nicht live zusammenarbeitet, was coronabedingt lange Zeit der Fall war.

Ihr habt als Dreiergespann in der Leitung gestartet, Rabea hat sich mittlerweile aus der offiziellen Leitungsposition zurückgezogen und ist für die Programmation zuständig. Wie hat sich das ergeben?

Juliane: Es ist ein Learning aus dem ersten Jahr, in dem wir festgestellt haben, wer wo am besten ihre Energie reinsteckt. In Rabeas Fall war es die Koordination des Programms. Wir verzichten übrigens seit dieser Spielzeit grundsätzlich auf den Begriff Leitung, weswegen Michelles und meine Funktion jetzt auch Gesamtkoordination heisst. Mit Rabea und drei weiteren Kolleg:innen aus dem Programm gestalten wir zusammen die künstlerische Strategie und Ausrichtung des Hauses. Michelle und ich sind ausserdem dafür zuständig, Programm und Betrieb miteinander abzugleichen.

Apropos Programm. Vor wenigen Wochen ist der neue Zyklus gestartet. Auf welches kommende Stück freut ihr euch besonders?

Juliane: Am Ende des Zyklus zeigen wir das Gastspiel Softlamp.automonies von Ellen Furey und Malik Nashad Sharpe, das wir eigentlich schon letzten Sommer zur Eröffnung zeigen wollten. Aus coronatechnischen Gründen konnten sie aber nicht anreisen. Es ist ein Tanzstück, eine in Trance versetzende Choreographie auf einem lustigen Song.

Michelle: Ich freue mich auf unsere Co-Produktion mit dem feministischen Theaterkollektiv Henrike Iglesias und dem Theater Hora, in dem es um Märchen und Schönheit geht. Eine sehr schöne Zusammenarbeit zwischen diesen zwei Gruppen und uns, passend zur Weihnachtszeit. Das Theater Hora wird übrigens zweimal innerhalb von kurzer Zeit bei uns vertreten sein, einmal mit einem grösseren Ensemble und einmal mit Julia Häusermann als einzelner Performerin.

Wie soll die Gessnerallee künftig gegen aussen wahrgenommen werden?

Michelle: Ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute sagen können: Die Gessnerallee ist ein Ort für mich. Hier werde ich gespiegelt, kann mich wiederfinden und das entweder über Themen oder Menschen, die mich interessieren oder eine Stimmung, die mich anspricht. Ich wünsche mir, dass wir über das klassische Theaterpublikum hinaus Anknüpfungspunkte schaffen können und zwar langfristig. Und dann wünsche ich mir, dass dieses kollaborative Schaffen, dass wir hier sehr fest versuchen, eine Strahlkraft hat zu den Partner:innen und Gruppen, mit denen wir zusammenarbeiten. Die Gessnerallee ist nicht allein, sie ist kein Leuchtturm, sondern ein Netzwerk – in allem was wir tun.


Das aktuelle Programm der Gessnerallee findet ihr hier.

Raum in der Gessnerallee
Raum beziehungsweise nicht vorhandener Raum ist in Zürich ein omnipräsentes Thema. Das haben auch die Leiter:innen der Gessnerallee herausgefunden, als sie während dem letzten Jahr ihre Proberäumlichkeiten geöffnet haben. «Das wurde rege genutzt und geschätzt», so Michelle Akanji. Kunstschaffende können sich auch jetzt jederzeit melden, wenn Raum für Proben benötigt wird: «Das wissen viele nicht, ist für uns aber auch eine Form von Zugang schaffen.»

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