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«Genug getan ist erst, wenn das Recht zur Eheschliessung für alle gilt»

Über 70 Freiwillige zogen am vergangenen Sonntag in Gruppen durch die Stadt, um Aufmerksamkeit für die Abstimmung «Ehe für alle» zu generieren. Per «Verlobungsfoto» wurden Passant:innen gebeten, Farbe für die Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare zu bekennen.
29. Juni 2021

Text: Joanna Osborne


Die Botschaft, die Eheschliessung für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, wurde von den Mitwirkenden der sonntäglichen Aktion gleich selbst unter den Hashtags #ehefueralle und #jaichwill in den Sozialen Medien verbreitet. Hunderte von Menschen zeigten sich bereit, die Aktion zu unterstützen, die gleichzeitig den Auftakt zum diesjährigen «Summer of Love» symbolisierte und nur eine der vielen Anlässe darstellt, bis das Schweizer Stimmvolk am 26. September an die Urne tritt.

«Man möchte einfach gleich behandelt werden»

Die Zürcher Helfer:innen kamen in Glitzer, gut gelaunt und mit ansteckender Motivation bewaffnet. Vom Regenbogenhaus an der Zollstrasse aus ging es an die der Gruppe jeweils zugewiesene Stelle – vom Üetliberg bis hin zum Limmatquai. Für Helfer Dieter war diese Aktion der erste aktivistische Akt überhaupt. Die oft gehörte Aussage, die eingetragene Partnerschaft solle ihm doch genügen, will er nicht mehr hinnehmen: «Man möchte einfach gleich behandelt werden». Regina unterstreicht seine Aussage: «Ein Grossteil der Heteros denkt, wir haben bereits genug Rechte oder sind schon weit genug gekommen». Als Dieter einen Passanten anspricht, um ihn zum Mitmachen zu bewegen und daraufhin die Antwort erhält, dass er sehr viele Gründe aufzählen könnte, warum der Status Quo aufrechterhalten werden sollte, lehnt Dieter dankend ab. Er habe diese Gründe über Jahre hinweg oft genug gehört.

Insgesamt fielen die Reaktionen auf die Mobilisierung gemischt aus – die Palette reichte von einem «schisst mich a» bis zu «voll debi». Manche der auf der Strasse angesprochenen Menschen huschten geduckt und wortlos weiter, mit dem unverkennbaren Gesichtsausdruck, dass das Gespräch für sie nun beendet war. Einige hörten kurz zu, schüttelten dann aber den Kopf. Ein Herr sagte zu einer der Helferinnen, er suche noch eine junge Frau wie sie es sei, warum sie beide denn nicht heiraten würden. Eine Dame mittleren Alters streckte lediglich angewidert die Zunge heraus.

Dann gab es die von Anfang an hellauf Begeisterten, die mit ehrlichen Worten ihre Unterstützung aussprachen und jene, bei denen etwas Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, bevor sie sich dann aber trotzdem motivieren liessen. Für Helferin Delfina war ein solcher Moment auch einer der schönsten Erlebnisse des Tages: Nachdem sie ein Paar gefragt hatte, ob es sich an der Aktion beteiligen wolle, war das zuerst abgegebene Nein des Mannes vehement von seiner Partnerin zurückgewiesen worden. Schlussendlich landeten beide auf dem Bild.

Ein Nein ist viel mehr als eine blosse Uneinigkeit

Auf die Frage, inwiefern ein Nein sie kränke, antwortete eine weitere Mitwirkende, Rahel, dass nicht jedes Nein gleich zu interpretieren sei. Sie verstehe, dass manche Menschen nicht auf Social Media aktiv seien beziehungsweise es ihnen zu privat sei, um Inhalte zu teilen. Aber dann gäbe es dieses Nein der abwertenden Art und das treffe einen schon – auch wenn man sich über all die Jahre ein Schutzschild gegen solche Herablassungen aufgebaut habe.

Die stattliche Anzahl an Nein-Antworten, die an diesem Tag zusammenkamen, sind für Dominique dennoch Ausdruck dafür, dass der Kampf für ihr Recht auf Heirat noch lange nicht gewonnen ist. Da war man auch wieder beim Wort «Genug» angekommen: Genug getan sei erst, wenn das Recht zur Eheschliessung für alle gelte.

Lucia Frei, Sprecherin des lokalen Komitees für die Ehe für alle, bezeichnet den vergangenen Sonntag als vollen Erfolg für die Community, selbst wenn sich die genaue Menge an Posts trotz den Hashtags nicht vollends auswerten liess. Das sei unter anderem darauf zurückzuführen, dass viele Leute die Bilder entweder in ihren Stories gepostet oder aber die Hashtags vergessen hätten. Auch wurde Social Media nicht von allen angefragten Personen genutzt, dafür hätten diese die Aufnahmen aber an ihr privates Umfeld verschickt. Auch sollen die Bilder als Einladung verstanden werden, dies für die Kundgebung vom 17. Juli, wo auf dem Helvetiaplatz ein grosses Ja aus möglichst vielen Menschen geformt werden soll. Darüber hinaus sind für diesen Anlass Reden von Befürworter:innen aus Politik, Community und Kultur geplant.

Liebe ist Liebe, egal zwischen wem – Ein Kommentar

Ja was hat es den nun mit diesen Gründen auf sich. Warum stört es Nora F. aus Volketswil, wenn sich Albert A. und Fred W. aus Pfäffikon das Ja-Wort geben wollen? Einer der Hauptargumente ist, dass eine Liebe zwischen zwei Menschen mit demselben Geschlecht nicht natürlich sei. Geht man kurz in die Neurowissenschaft, so lässt sich ziemlich schnell eruieren, dass Liebe vereinfacht ausgedrückt ein Gefühlszustand ist, dessen Entstehung auf biochemischer Grundlage – und damit einem ziemlich natürlichen Entstehungsprozess – beruht, wie die Autorinnen in diesem Buch erklären.

Da ist die Ehegemeinschaft vergleichsweise unnatürlicher, denn – ohne unromantisch sein zu wollen – so ist deren Entstehung heutzutage im Wesentlichen als ein juristisches, von Menschenhand konzipiertes Konstrukt zu verstehen.

Nora F. hat in punkto Unnatürlichkeit aber noch ein weiteres Argument griffbereit, nämlich, wenn sie auf die Nachwuchsreproduktion verweist. Aber wenn Nora F. das tut, sollte sie wissen, dass es der gleiche Stand von Medizin und Technologie ist, der ihrer Schwiegertochter die In-Vitro-Fertilisation ermöglicht hat und sie selbst dadurch zur stolzen Grossmutter machte. Der Natur «ihren Lauf gelassen» hat dann auch ihre alte Schulfreundin nicht, die glücklicherweise den Krebs besiegt hat – aber auch nur dank Chemotherapie.

Fraglich bleibt, was genau die Ansicht rechtfertigt, dass man nur auf einer Seite in «natürliche Geschehnisse» eingreifen darf, auf einer andern aber nicht? Weil man Mann und Frau braucht, um eine gesunde Kindeserziehung zu gewährleisten? Für die Überprüfung dieser Aussage fehlt nicht nur jede Art von vergleichender Langzeitstudie, es wäre auch interessant zu wissen, inwiefern die Kinder im Falle deren Existenz überhaupt einem Vergleich unterzogen würden. Wer kann den besser einen Nagel in die Wand hämmern? Der Sohn von Herrn F. und Frau F. oder doch der von Frau C. und Frau C.?

Der Einwand, es brauche Männchen und Weibchen für das Kindeswohl, eckt dann auch ein bisschen mit der Schweizer Scheidungsstatistik an: Allein letztes Jahr wurden laut dem Bundesamt für Statistik 16’210 Ehen aufgelöst, betroffen waren 12‘678 unmündige Kinder. Unabhängig davon, wie gut, schlecht, fair oder unfair das Sorgerecht aufgeteilt ist, wer eine:n Ersatzpartner:in hat oder aber alleinerziehend ist: Ausser dem Richter setzt sich hier grundsätzlich auch keine Drittpartie für das Kindeswohl ein. Man möchte ja auch nicht wirklich in fremde Angelegenheiten hineintappen. Doch wer sich gegen die Ehe für alle ausspricht, der tut genau das. Und wem das Kindeswohl Dritter so am Herzen liegt, der hat bei der momentanen Scheidungsrate eigentlich schon alle Hände voll zu tun.

Ok, die religiösen Hardliner, die verbieten natürlich gleich die Ehe für alle plus die Scheidung, fair enough. Bleibt nur noch offen, wo sich diese religiösen Schweizer Hardliner das ganze Jahr durch verstecken.

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