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Die Zürcher Genossenschaften im Vergleich

Knapp 20 Prozent aller Wohnungen in Zürich gehören Genossenschaften. Welches ist die grösste? Welche hat den jüngsten Vorstand? Und was sind die aktuellen Herausforderungen für die Genossenschaften? Tsüri.ch hat recherchiert, das sind die Antworten.
14. Dezember 2020
Chefredaktor

Wird in Zürich über Genossenschaften diskutiert, ist dies meist mit dem Wunsch nach günstigem Wohnraum verbunden. Davon gibt es zu wenig, der Wohnungsmarkt ist hart, weshalb die Stimmbürger*innen vor fast zehn Jahren das Ziel von einem Drittel günstigen Wohnungen in die Gemeindeverfassung geschrieben haben. Umsetzen soll dies nun die Stadt, aber natürlich in Zusammenarbeit mit den Genossenschaften. Wie alt diese Wohnbaugenossenschaften sind, wer diese führt und welche davon die meisten Liegenschaften besitzt, war bisher nicht übersichtlich einsehbar.

Um das zu ändern, hat Tsüri.ch bei 51 Genossenschaften nachgefragt, an der Umfrage haben schliesslich 18 davon teilgenommen; von den ganz kleinen, bis zu den ganz grossen. Die folgende Auswertung zeigt also kein vollständiges Bild, aufschlussreich ist es trotzdem allemal.

Wie viel Platz haben die Genossenschaften?

Mehr als 430'000 Menschen leben in der Stadt Zürich, verteilt auf 195'707 Haushalte. Die meisten dieser Häuser und Wohnungen befinden sich in klassisch privater Hand. Rund 18 Prozent, also circa 35'000 dieser Haushalte, befinden sich im Besitz der Zürcher Genossenschaften. Wer sich eine dieser begehrten Wohnungen wünscht, braucht meist viel Geduld. Die teilnehmenden Genossenschaften gaben in der Umfrage an, dass bei jährlich zwischen 2 und 10 Prozent der Wohnungen die Mieter*innen wechseln.

Hier ein Überblick darüber, wer die meisten Liegenschaften, Siedlungen und Wohnungen besitzt.

Die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ), ist nicht nur die grösste, sondern auch die älteste Genossenschaft in der Stadt Zürich. Sie besitzt 58 Liegenschaften/Siedlungen mit 5100 Wohnungen, worin rund 12'000 Menschen leben. Pro Liegenschaft oder Siedlung wohnen in der ABZ also durchschnittlich mehr als 200 Personen. Die ABZ setzt im Vergleich mit anderen Genossenschaften also auf grössere Bauten, die wogeno als Gegenbeispiel beherbergt in 72 Liegenschaften knapp 1100 Menschen, was circa 15 Personen pro Haus ergibt.

Wie liesse sich diese Kapazität an gemeinnützigem Wohnraum erhöhen? Dazu braucht es in erster Linie zwei Dinge: Platz und Geld. Das Bauland, es ist bekannt, ist in der Stadt Zürich äusserst knapp. Seit Jahrzehnten heisst es, Zürich sei gebaut (mehr dazu hier im Interview mit Stadtrat Daniel Leupi). Das Geld für neue Siedlungen und Liegenschaften im Besitz von Genossenschaften wäre vorhanden. Nur eine der Teilnehmerinnen der Umfrage gab an, nicht genügend Kapital für den Erwerb von weiteren Liegenschaften verfügbar zu haben.

Wer leitet die Genossenschaften?

Geführt werden die Genossenschaften jeweils von einem Vorstand. Dieser entscheidet über die strategische Ausrichtung, die Geschäftsführung und über grosse Geschäfte. In einem solchen demokratischen Konstrukt muss diese Leitung von den Mitgliedern gewählt werden. Diese Mitgliederstruktur handhaben die Genossenschaften unterschiedlich. Bei einigen können alle Mitglied werden, die Anteilsscheine erwerben. Dazu gehören unter anderen die wogeno oder auch die Genossenschaft Dreieck und Kalkbreite. Bei anderen können nur jene Mitglied werden und somit an den Generalsversammlungen teilnehmen, die auch in einer Liegenschaft der Genossenschaft leben; dazu gehört beispielsweise die ABZ.

Nur bei den Genossenschaften Dreieck, wogeno und Kalkbreite muss bereits Mitglied sein, wer sich auf eine Wohnung bewirbt, bei allen anderen Teilnehmenden können sich auch Aussenstehende bewerben.

Zurück zu den Vorständen. Die untenstehende Grafik zeigt das Durchschnittsalter und die durchschnittliche Amtsdauer der Vorstandsmitglieder.

Das Durchschnittalter der Führungsriege bewegt sich zwischen 35 Jahren bei der Genossenschaft Dreieck und 65 Jahren bei der wsgz. Nur die Baugenossenschaft Schönheim beantwortet die Frage nach einer möglichen Überalterung der Schar der aktiven Genossenschafter*innen mit Ja, allerdings gibt es in keiner der teilnehmenden Genossenschaften ein Vorstandsmitglied, das unter 30 Jahren alt ist.

Das Verhältnis von Männern und Frauen in den Vorständen sieht so aus:

Welches sind die aktuellen Herausforderungen?

In der Umfrage hat Tsüri.ch gefragt, welches die grössten aktuellen Herausforderungen der Wohnbaugenossenschaften sind. Einige nennen in diesem Zusammenhang die Planungsunsicherheit während der Corona-Pandemie, andere grosse Bauprojekte, Umsiedlungen wegen Totalsanierungen, Professionalisierung der Verwaltung, Integration der Bewohner*innen in neue Siedlungen oder auch die Strukturanpassungen in Folge Wachstum.

Was kann die Bevölkerung tun?

Damit der Anteil an gemeinnützigem und günstigem Wohnraum in Zukunft steigen kann und die Stadt Zürich so das Drittelsziel schafft, muss auch die Bevölkerung eine aktive Rolle einnehmen. Die Genossenschaften rufen dazu auf, sich ihnen anzuschliessen, selber Genossenschaften zu bilden und sich an Abstimmungen und Wahlen zu beteiligen. Das am häufigsten genannte Werkzeug, mit dem sich die Bevölkerung für mehr genossenschaftlichen Wohnraum engagieren kann, setzt bei den heutigen Boden- und Liegenschaftenbesitzer*innen an. Diese, so eine breit vertretene Meinung, sollen ihr Besitz nicht den Meistbietenden, sondern eben den Genossenschaften verkaufen und den Boden somit der Spekulation entziehen.

Wollen die Genossenschaften nur günstigen Wohnraum und sonst nichts?

Nein, die allermeisten Wohnbaugenossenschaften sehen sich selber in einer weitergehenden Verantwortung der Stadt und der Gesellschaft gegenüber. Sie wollen die Nachhaltigkeit und die Gemeinschaft stärken, sie wollen schöne Lebensräume für Jung und Alt schaffen, sie wollen lebenswerte Quartiere und den Boden der Spekulation entziehen.

Als aktive Kraft in der Stadtentwicklung verstehen sich gut zwei Drittel der Teilnehmenden. Vor allem die aktive Mitwirkung der Menschen wird erwähnt, aber natürlich auch grosse Bauprojekte wie in Affoltern, wo die GISA «demnächst» mit 230 neuen Wohnungen das Quartier massgeblich mitprägen wird. Dadurch, dass der meiste günstige Wohnraum von Genossenschaften bereitgestellt wird, fördert dies die soziale Durchmischung der Stadt, was wiederum auf die Stadtentwicklung einwirkt.

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