Tsüri-Fäscht 🕺🏽💃🏽

Anna Stünzi ist im Vorstand von Gemeinsam Znacht. Bild: zVg.

Gemeinsam zNacht: «Wir haben bereits über 1000 Begegnungen vermittelt»

Kommendes Wochenende feiert der Verein Gemeinsam zNacht, der Begegnungen am Abendbrottisch zwischen Geflüchteten und Schweizer*innen organisiert, sein fünfjähriges Jubiläum. Tsüri.ch hat mit Anna Stünzi gesprochen, die im Vorstand ist.
23. Oktober 2019
Redaktorin

Worum geht’s bei Gemeinsam zNacht?

Anna Stünzi: Wir vermitteln Begegnungen zwischen Menschen, die schon länger in der Schweiz wohnen und geflüchtete Menschen. Familien, Paare, Einzelpersonen oder Wohngemeinschaften laden Geflüchtete zu sich nach Hause zu einem Abendessen («Gemeinsam Znacht») ein. So können sich beide Gruppen, Einheimische und Geflüchtete, auf Augenhöhe kennenlernen. Für viele Geflüchtete ist eine Einladung zu einem Gemeinsamen Znacht immer noch das erste Mal, dass sie ausserhalb der Sozialämter und Asylorganisationen mit Einheimischen in Kontakt kommen und eine Wohnung oder ein Haus von Schweizer*innen betreten. Für unsere Gastgeber*innen erhält die sogenannte Flüchtlingskrise, die sie seit Jahren in den Medien sehen und in politischen Diskussionen hören, ein persönliches Gesicht. So werden aus «den Fremden» Menschen mit einer Individualität und einer eigenen Geschichte.

Bei unserer Vermittlung zwischen Gastgeber*innen und Gästen unterstützen wir aktiv bis zur ersten Begegnung. Es kann bei einem einmaligen Essen bleiben oder sich eine freundschaftliche Beziehung daraus entwickeln, die weitere Einladungen zur Folge hat. Ziel ist, dass alle mitmachen können, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen - ohne dass man sich sofort für ein bestimmtes, längerfristiges Engagement verpflichten muss.

Wie kam man auf die Idee, eine solche Bewegung zu gründen?

Die Idee enstand nach einem Zeitungsartikel im Sommer 2014 über Ebba Akerman, welche eine solche Einladungsinitiative in Schweden aufgebaut hat. Martina Schmitz hat dann im September 2014 Gemeinsam Znacht in Zürich gegründet.

Ebba’s Botschaft ist sehr einfach: Alle Menschen können bei einem gemeinsamen Abendessen ein Gesprächsthema finden und sich so auf einfache und unbeschwerte Weise kennenlernen.

Die Kürzung der Nothilfe für abgewiesene Asylsuchende beispielsweise verkompliziert eine Vermittlung, weil die Fahrtkosten für die Geflüchteten unbezahlbar hoch sind.
Anna Stünzi

Wie steht ihr zur Schweizer Asylpolitik? Äussert ihr euch politisch?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Gemeinsam Znacht äussert sich grundsätzlich nicht politisch, doch unsere Tätigkeit ist natürlich auch politisch. Bei Gemeinsam Znacht nehmen Menschen mit verschiedensten Hintergründen und Meinungen teil. In den Gesprächen mit den Gastgeber*innen vor einer Vermittlung zum Beispiel kommen ab und zu auch Fragen, welche wir mit Verwunderung beantworten. Wir freuen uns aber gleichzeitig darüber, dass wir immer noch Anmeldungen von Gastgeber*innen bekommen, die durch uns wirklich das allererste Mal in Kontakt mit Geflüchteten treten. Wenn wir explizit politisch auftreten, könnte das eine zusätzliche Barriere für bestimmte Personen sein, einfach mal mitzumachen. Gemeinsam Znacht ist für die gesamte Bevölkerung da, für alle, die sich eine offene und (gast)freundliche Gesellschaft wünschen und diese aktiv mitgestalten wollen. Und wir hoffen natürlich, dass wir mit unserer Arbeit dazu beitragen, Verständnis für die Bedürfnisse von geflüchteten Personen zu schaffen.

Inwiefern beeinflusst die Politik eure Arbeit?

Die Kürzung der Nothilfe für abgewiesene Asylsuchende beispielsweise verkompliziert eine Vermittlung, weil die Fahrtkosten für die Geflüchteten unbezahlbar hoch sind; oder auch wenn sie in abgelegenen Notunterkünften wohnen, von denen sie sich zudem oftmals nicht entfernen dürfen. Auf solche Probleme haben wir auch hingewiesen, als die stimmende Bevölkerung vom Kanton Zürich letztes Jahr über die Kürzung der Nothilfe entschied.

Grundsätzlich beobachten wir, dass die Geflüchteten je nach Wohngemeinde sehr unterschiedliche Möglichkeiten haben – sei es im Bezug auf Sprachkurse, Weiterbildungsangebote oder Zugtickets. Zu sehen, dass einige der Geflüchteten, welche wir ganz am Anfang vermittelt haben, immer noch auf den definitiven Entscheid warten ob sie bleiben können – was bspw. auch die Suche nach einer Lehrstelle erschwert – bedrückt uns.

Normalerweise ist nur der allererste Schritte schwierig, weil es ein bisschen Mut braucht, eine fremde Person anzurufen.
Anna Stünzi

Wie kamst du zu Gemeinsam zNacht? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Ich setze mich seit über 10 Jahren mit den Themen Migration, Flucht und Integration auseinander. Im Sommer 2014 habe ich – genau wie Martina – den Artikel über Ebba gelesen und war sofort überzeugt, dass sich so Menschen kennenlernen können, welche sonst nie in Kontakt kommen. Als ich dann auf der Facebook-Seite von Solinetz gelesen habe, dass es neu ein Gemeinsam Znacht in Zürich gäbe, habe ich mich direkt mit meiner damaligen WG angemeldet. Wir waren eine der ersten Gastgeber*innen-WGs, und das war auch der Start für mein Engagement bei Gemeinsam Znacht. Ich habe zusammen mit einigen meiner Mitbewohner*innen (6 von insgesamt 12) Martina bei den Vermittlungen geholfen. 2015 haben wir dann den Verein gegründet und seither stetig weiter aufgebaut. So haben wir beispielsweise dabei unterstützt, Gemeinsam Znacht auch in anderen Kantonen aufzubauen. Ausserdem haben wir, analog zu den Begegnungen zwischen Privatpersonen bei Gemeinsam Znacht, auch eine solche Möglichkeit im beruflichen Umfeld geschaffen: mit Gemeinsam Znüni vermitteln wir Schnuppertage für Geflüchtete in Firmen.

Wie läuft das konkret ab für die Gastfamilien bzw. die Geflüchteten? Wie meldet man sich da an?

Das Vermittlungskonzept ist relativ einfach: Gastgeber und Gäste melden sich auf unserer Website an und werden dann von uns nach verschiedenen Kriterien (Anzahl Kinder, Sprachkenntnisse, Nähe des Wohnortes etc.) «gematcht». Wenn wir eine Einzelperson als Gast vermitteln, schlagen wir ausserdem vor, dass diese auch noch einen Freund oder eine Freundin mitbringen könnte, damit er oder sie nicht so alleine ist – das hängt aber auch vom Gast selbst und den Gastgeber*innen ab.

Wir rufen jeweils Gastgeber*innen und Gäste vor der Übergabe der Kontaktdaten an, erklären Idee und Vorgehen von Gemeinsam Znacht und fragen, ob sie immer noch interessiert seien und Zeit haben. Anschliessend erhalten die Gastgeber*innen die Kontaktangaben der Gäste. Die erste Kontaktaufnahme sollte dann innerhalb von sieben Tagen passieren, damit nicht zu viel Zeit vergeht zwischen unseren Anruf und der Einladung. Das Datum des Abendessens können sie aber selbständig bestimmen. Falls es nicht klappt mit der Kommunikation oder der Kontaktaufnahme unterstützen wir nochmals. Normalerweise ist aber nur der allererste Schritte schwierig, weil es ein bisschen Mut braucht, eine fremde Person anzurufen. Sobald mal ein Datum steht, braucht es uns normalerweise nicht mehr.

Wenn das Znacht schliesslich zustande kommt, haben wir nur zwei «Bedingungen»: dass ein Foto gemacht wird und wir dieses anschliessend zusammen mit einem Feedback von den Gastgeber*innen erhalten. Beides ist für uns wichtig – sowohl als Rückmeldung zu unserer Tätigkeit, aber vor allem auch, um unsere Botschaft weiterzugeben: es haben sich wieder zwei Menschen(-gruppen) kennengelernt. Und sie hatten einen schönen Abend.

Ist dir ein Beispiel, eine Geschichte besonders in Erinnerung geblieben?

Es gibt so viele Geschichten, die man hier erzählen könnte und so viele schöne Begegnungen; ich kann mich da nicht festlegen. Fest in Erinnerung ist mir natürlich mein eigenes erstes Gemeinsam Znacht, wo wir sieben Tibeterinnen und Tibeter in unserer 12-er WG zum Znacht hatten.

Welche Erfolge konntet ihr in fünf Jahren erzielen und was sind eure Ziele?

Wir haben in den letzten fünf Jahren über 1000 Begegnungen (Gemeinsam Znachts) vermittelt; viele der Gastgeber*innen und Gäste sind heute noch in Kontakt und es gibt zahlreiche Beispiele, bei denen Gastgeber*innen die Gäste ganz konkret bei der Jobsuche oder ähnlichem unterstützen konnten. Wir haben ausserdem Gemeinsam Znacht in die Kantone Aargau, Luzern, Zug, Thurgau und St Gallen gebracht. Mit Gemeinsam Znüni haben wir mit Firmen verschiedenster Grössen zusammengearbeitet, darunter auch Samsung und Google.

Wir werden Vermittlungen machen, solange es sie braucht – eine Prognose dazu wage ich nicht. Über die Zukunft unserer Arbeit werden wir am kommenden Samstag diskutieren.

Worum geht’s bei den kommenden beiden Events am Freitag/Samstag?

Am Wochenende wollen wir unser 5-jähriges Jubiläum feiern. Bei der Gelegenheit haben wir auch Organisationen aus Deutschland und Schweden eingeladen, die sich ähnlich engagieren. Am Freitag sind alle Gastgeber*innen, Gäste, Freund*innen und Unterstützer*innen von Gemeinsam Znacht herzlich willkommen, mit uns zu feiern. Es gibt Musik von Gina Éte und Peter Pana, ein grosses, bunt gemischtes Buffet und die Premiere eines Kurzfilms über Gemeinsam Znacht von der Dokumentarfilmerin Sana al Mor. Am Samstag werden wir einen Rückblick machen auf die letzten fünf Jahre und über die Zukunft diskutieren. Es gibt ein Grusswort der Stadtpräsidentin Corine Mauch, einen Vortrag von Ebba Akerman (der Gründerin der Initiative in Schweden) und ein Podiumsgespräch «Die Zukunft der Gastfreundschaft» mit Teilnehmer*innen aus Politik und Zivilgesellschaft: Sadou Bah (Autonome Schule Zürich), Jacqueline Fehr (Regierungsrätin Kt. Zürich), Verena Mühletaler (Solinetz und Pfarrerin), Peter Schneider (Psychoanalytiker und Journalist) und Andri Silberschmidt (Gastgeber bei Gemeinsam Znacht, Präsident Jungfreisinnige Schweiz, neu gewählter Nationalrat). Ausserdem besteht nachmittags die Möglichkeit zu einer Stadtführung durch Zürich mit Architectures for Refugees.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.

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