26. April 2022 um 04:30

«Geht es um Körper, geht es um eine Norm»

Die erste Assoziation zu «Körper» ist für Performancekünstler:in Edwin Ramirez «Ausschluss». Ramirez und Nina Mühlemann gehören zu den wenigen Menschen mit Rollstuhl im Kulturbereich. Warum ist das so? Ein Gespräch über die Öffentlichkeit behinderter Körper in der Schweiz.

Nina Mühlemann und Edwin Ramirez machen Performances und leiten das Projekt «Criptonite». (Foto: Alexandra Moskovchuk)

Dieser Text ist bereits im Magazin FemInfo des Vereins FemSwiss erschienen. Dreimal jährlich wird dort aus feministischer Perspektive über gesellschaftspolitische Themen berichtet.

Marah Rikli: Wir führen dieses Gespräch aufgrund der aktuellen Covid-Situation per Zoom. Edwin Ramirez, Sie hatten kürzlich Kontakt mit einer positiv getesteten Person. Wie geht es Ihnen?

Edwin Ramirez: Gut. Ich habe mich gestern in Quarantäne begeben und war heute Morgen in einem Testcenter in Zürich, um einen Covid-Test zu machen. Ich musste jedoch im Freien getestet werden. Das Zentrum war nicht zugänglich für mich.

Wie meinen Sie nicht zugänglich?

Ramirez: Aufgrund meiner Behinderung bin ich Rollstuhlfahrer. Der Zugang zum Testcenter ist nicht barrierefrei. Neu sind mir solche Versäumnisse nicht, doch in der Pandemie ist es noch irritierender als sonst: In den Medien und der Politik wird von uns als «Risikogruppe» gesprochen, wenn es um unseren Schutz geht, kommen wir nicht einmal in die Gebäude.

Nina Mühlemann: In Krisen rutschen die Anliegen von sogenannten Minderheiten noch weiter in den Hintergrund. Besonders stark erlebt habe ich das im ersten und zweiten «Shutdown» der Pandemie – ich fahre ebenfalls einen Rollstuhl. Oftmals wurden Lifte in grösseren Gebäuden ausgeschaltet. Das schafft automatisch einen Ausschluss aus Teilen des öffentlichen Lebens.

Diese Zeitschrift widmet sich dem Thema «Körper». Was assoziieren Sie mit dem Wort «Körper»?

Ramirez: Geht es um Körper, geht es um eine Norm. Fette, kranke oder behinderte Körper hingegen werden praktisch immer ignoriert. Daher ist meine erste Assoziation «Ausschluss». Eine weitere Assoziation ist «Gesundheit». Dabei wird es fast immer behindertenfeindlich: Werbung zu Fitness oder Skifahren beispielsweise zeigt immer nichtbehinderte Menschen. Behinderte Menschen zeigt man in Zusammenhang mit «Charity», in Bereichen, wo es Mitleid braucht. Sie werden nie als Körper gezeigt, die einfach existieren, so wie alle anderen. Behinderte oder fette Menschen erleben diesen Mechanismus auch bei Arztbesuchen oder im Spital. Es geht immer um die Frage: Wie können wir eure Körper heilen und in die Norm bringen?

Mühlemann: Ich musste sehr daran arbeiten, eine positive Beziehung zu meinem Körper zu schaffen. Dass er in Ordnung und gut ist, so wie er ist. Zuerst brauchte es Überwindung, meinen Rollstuhl auf der Bühne zu verlassen. Das Theater hat mir zu einem besseren Körperbewusstsein verholfen. Wir haben zum Beispiel eine Show über langsame Tiere gemacht, und ich zeigte ein Kriechsolo. Was mir wichtig ist: Ich möchte Bilder und Körper zeigen, die man sonst nicht sieht.

«Da sehr wenige chronisch kranke oder behinderte Menschen im Kulturbereich sind, gibt es auch wenige Netzwerke oder Empowerment.»

Edwin Ramirez

Sie machen sich insbesondere im kulturellen Bereich gegen Ableismus stark. Ende 2021 haben Sie einen offenen Beschwerdebrief an die Leitung des Wildwuchs-Festivals geschrieben. Warum?

Mühlemann: Das Wildwuchs-Festival gehört seit seiner Entstehung vor 20 Jahren zu den «inklusivsten» Festivals der Schweiz und setzt sich mehr mit Barrierefreiheit auseinander als viele andere Festivals. Nun hat es kürzlich ein neues Leitungsteam zusammengestellt. Innerhalb des Teams wie auch in der Auswahlkommission ist jedoch keine einzige Person mit Behinderung dabei. Und das, obwohl das Festival in der Ausschreibung für die neue Leitung sogar explizit ein «diverses und inklusives» Team gesucht hat. Für uns ist der Entscheid daher ein No-Go. Stellen Sie sich mal vor, es würde ein Feminismus-Festival lanciert und es wären ausschliesslich Männer in den Führungspositionen vertreten.

Behinderte Aktivist:innen haben in den 1990er-Jahren den Leitspruch «Nothing About Us Without Us» ins Leben gerufen. Warum ist es wichtig, Menschen mit Behinderung in Entscheide miteinzubeziehen?

Ramirez: Die Perspektive von Menschen mit Behinderung ist in vielen Bereichen eine andere als die von nichtbehinderten Menschen. Betroffene spüren täglich, wo sie Barrieren, Ausschluss oder Diskriminierung begegnen. Durch die massive Untervertretung von behinderten oder chronisch kranken Menschen in Ämtern, Betrieben oder Leitungspositionen werden deren Bedürfnisse und Perspektiven jedoch oft vergessen.

Mühlemann: In der Schweiz sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung chronisch krank oder behindert. Da ist es nur logisch, dass diese Menschen miteinbezogen werden müssen. Sie sind ein grosser Teil unserer Gesellschaft und werden durch Ausschluss nach wie vor unsichtbar gemacht.

«Bei ‹Criptonite› geht es sowohl um Behinderungen als auch um eine ästhetische Einbindung von Barrierefreiheit in einem akademischen und künstlerischen Kontext», so Ramirez. (Foto: Alexandra Moskovchuk)

Sie haben zusammen «Criptonite», eine crip-queere Veranstaltungsreihe, die behinderte Künstler:innen zentriert, ins Leben gerufen. Was möchten Sie damit erreichen?

Ramirez: Wir suchen bei «Criptonite» nach einem gemeinsamen Verständnis von «Disability-Kultur» in einem akademischen und künstlerischen Kontext – mit einer politischen und aktivistischen Haltung. Dabei geht es sowohl um Behinderungen als auch um eine ästhetische Einbindung von Barrierefreiheit. Zum Beispiel mit Audiodeskription, Gebärdendolmetscher:innen oder Reiz- und Lärmminderung für neurodiverse Menschen. Für das Publikum gibt es unter anderem auch verschiedene Sitz- und Liegemöglichkeiten. Zudem wollten wir mit «Criptonite» etwas Nachhaltiges initiieren. «Criptonite» bezieht sowohl in der Konzeption wie auch bei der Umsetzung Menschen mit Behinderungen mit ein.

Warum sind so wenige behinderte Menschen in der Kunst und Kultur, insbesondere auf der Bühne, vertreten?

Mühlemann: Der Zugang zu den Kunsthochschulen bleibt behinderten Menschen oft verwehrt. Auch deshalb suchen sie häufig gar nicht erst den Weg in die Branche oder trauen sich eine Bühnenpräsenz nicht zu. Für viele Studiengänge ist die psychische und physische Idealform Voraussetzung, behinderten Menschen wird von gewissen Studiengängen aktiv abgeraten. Die meisten steigen quer ein, auch wir.

Ramirez: Da sehr wenige chronisch kranke oder behinderte Menschen im Kulturbereich sind, gibt es auch wenige Netzwerke oder Empowerment. Wir geben diesen Menschen Tipps und Möglichkeiten mit, um sich auch nach einem Projekt wie «Criptonite» weiterzuentwickeln und auf anderen Bühnen präsent zu sein. Sie lernen zum Beispiel, wie sie ein Dokument verfassen, das die Zugangsvoraussetzungen für eine Organisation formuliert, damit die gemeinsame Arbeit zugänglicher und barrierefreier wird – auch «Access Rider» genannt.

«‹Heidi› zeigt sehr klar die Ur-Schweizer Grundhaltung gegenüber kranken und behinderten Körpern auf.»

Nina Mühlemann

Was braucht es in struktureller Hinsicht für eine Chancengleichheit in der Kultur?

Mühlemann: Es braucht unbedingt einen Nachteilsausgleich für benachteiligte Studierende an Kunstschulen und in Kulturinstitutionen wie Theatern. Zudem müssen bereits im Kindergarten und in der Schule Zugänge geschaffen werden. Ein Beispiel dazu: In meiner Schulzeit sagte man mir immer, ich sei ja fit im Kopf und solle studieren. In der Theatergruppe spielen konnte ich dann aber nicht, weil es Treppen zur Bühne gab.

Ramirez: Meine Erfahrung diesbezüglich ist ähnlich. Mir wurde zu einer Ausbildung im Büro oder in einer Werkstatt geraten, Kultur oder Kunst waren nie ein Thema.

Wie können Institutionen wie Hochschulen für mehr Inklusion sorgen?

Mühlemann: Als Erstes müssen sie ihre Verantwortung übernehmen – denn es sind ihre Barrieren, die hindern, nicht unsere. Es gibt verschiedene Modelle von Behinderung. Das soziale Modell besagt, dass wir von Barrieren behindert werden, und fordert die Beseitigung physischer und sozialer Barrieren in der Gesellschaft. Ergo müssten alle Bereiche der Gesellschaft für Personen mit physischen oder psychischen Behinderungen zugänglich gestaltet werden.

Ramirez: Sehr oft wissen Institutionen gar nicht, wie sie sich zugänglich gestalten könnten. Sie denken vielleicht daran, Rampen zu bauen, dann ist es aber auch schon vorbei. Hinzu kommt, dass Inklusion an Ressourcen gebunden ist. Barrierefreiheit kostet: Es braucht zum Beispiel Gebärdensprachedolmetschende, sichtbare Untertitel, spezielle Möbel oder anderes Licht für Neurodiverse. Das sind teilweise hohe Extrakosten.

Viele Hochschulen und Firmen haben genau dafür «Diversity & Gender»-Abteilungen.

Ramirez: Klingt schön, doch damit ist es nicht gelöst. Meistens sind diese Fachpersonen selbst nicht betroffen. Und falls doch, stellt sich immer noch die Frage, ob der Betrieb dann auch auf das Feedback der Fachperson reagiert und Änderungen in der Struktur vornimmt.

Erlebt ihr oft, dass Menschen oder auch Institutionen Angst haben, etwas Falsches zu tun in Bezug auf Integration und Inklusion?

Mühlemann: Vermutlich haben viele Menschen Ängste, weil es an Berührungspunkten fehlt. Ich glaube zudem, dass Behinderungen vielen Menschen Angst machen, weil sie selbst einmal davon betroffen sein könnten – nach einem Unfall zum Beispiel. Das ist anders als zum Beispiel bei Homosexualität. Niemand wird durch einen Unfall homosexuell, das heisst, die Abgrenzung zur eigenen Identität ist einfacher. Viele Menschen wollen Behinderte unterstützen und meinen es eigentlich gut.

«Wir werden als schützenswert dargestellt, wenn es darum geht, uns unmündig zu machen, und andererseits auf die Eigenverantwortung zurückverwiesen, sobald wir mehr Verantwortlichkeit und Unterstützung von der Gesellschaft verlangen.»

Edwin Ramirez

Ramirez: Ich hatte einen Lehrer, der sagte mir immer: «Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.» Viele Menschen werden übergriffig, weil sie helfen wollen. Durch meine Behinderung atme ich relativ laut. Immer wieder beginnen mich deshalb fremde Menschen bei Spaziergängen zu stossen. Gut gemeint, aber: Ich brauche diese Hilfe nicht.

Mühlemann: Mir passiert es sehr häufig, dass mich fremde Menschen mit dem Rollstuhl einfach rumstossen, ohne zu fragen. Auch während der Pandemie, als man sich eigentlich nicht näherkommen sollte. Für mich heisst das oft auch: Ich kann nicht selbst entscheiden, was der Grundabstand ist. Mein Einverständnis zählt nicht, auch nicht, dass der Rollstuhl zu meinem Körper gehört. Diese Art von Übergriffigkeiten stützen auch Statistiken, die zeigen: Behinderte Menschen erfahren mehr sexuelle Belästigung und Übergriffe als nichtbehinderte Menschen.

Das thematisierten Sie auch in Ihrer ersten «Criptonite»-Show. Ebenfalls eine gewisse Schweizer Haltung in Bezug auf Behinderung und Gesundheit – Sie führen dies dem Publikum anhand von Johanna Spyris «Heidi» vor Augen.

Mühlemann: «Heidi» zeigt sehr klar die Ur-Schweizer Grundhaltung gegenüber kranken und behinderten Körpern auf. Klara im Rollstuhl muss in der Geschichte nur genügend frische Alpenluft atmen und reichlich Ziegenmilch trinken, und schon kann sie wieder laufen. Und wenn nicht, so ist es ihr Fehler – das wollten wir kritisieren. Menschen mit Behinderung werden als einerseits als äusserst verletzlich und schützenwert konstruiert, andererseits werden sie auf ihre Eigenverantwortung zurückgeworfen?

Ramirez: Ja, wir werden als schützenswert dargestellt, wenn es darum geht, uns unmündig zu machen, und andererseits auf die Eigenverantwortung zurückverwiesen, sobald wir mehr Verantwortlichkeit und Unterstützung von der Gesellschaft verlangen.

Edwin Ramirez (they/them, keine Pronomina) ist Performancekünstler:in und Stand-up-Comedian aus Zürich. Nebst Auftritten auf allen grossen Comedybühnen der Deutschschweiz hat Ramirez in verschiedenen Projekten der Gessnerallee und des Theaters Neumarkt mitgespielt. Seit Anfang 2020 leitet Ramirez zusammen mit Mühlemann das Projekt «Criptonite».

Nina Mühlemann (she/her) ist Theaterwissenschaftlerin, Künstlerin und Kuratorin. Sie promovierte auf den Gebieten Performance und Disability Studies. Seit Anfang 2020 leitet sie zusammen mit Edwin Ramirez das Projekt «Criptonite».