Gehen wir ins Hotel oder hinter den nächsten Busch?

Schwulsein in den 70ern
24. Juli 2015

Mein mausgrauer Opel Olympia steht zur Abfahrt bereit. Die Karosserie habe ich gestern noch auf Hochglanz poliert. Das gehört sich so als guter Schweizer. Man will ja nicht negativ auffallen. Ich setze mich auf das rote Polster und schnalle den Sicherheitsgurt um – alles andere als alltäglich, dass ein Auto Sicherheitsgurte hat. Ich drehe die Quadrophonie-Anlage auf. Deep Purple dröhnt aus den Boxen. Es ist ein lauer Sommertag im Jahre 1978 und ich rase mit offenem Fenster von Zug aus nordwärts in die Freiheit – oder in die scheinbare Freiheit. Ich bin ein 24-jähriger Homosexueller, in einer Welt, die kein Platz hat für Abnormalitäten.

Das Sihltal zieht an mir vorbei und ich bin ein wenig aufgeregt, was mich in Zürich erwarten wird. Es ist zwei Uhr an einem Sonntag. Es wird also noch hell sein, wenn ich in Zürich ankomme. Auf den Schutz der Dunkelheit kann ich mich nicht verlassen. Ich fahre ins Parkhaus am Central und parke mein Auto. Ich bin froh, dass die Autonummer noch immer jene meiner Grossmutter ist. Niemand wird jemals erfahren, dass ich hier war – hoffentlich. Die Nummer würde die Polizei bloss nach Luzern führen, wo eine alte Dame haust, welche man wohl kaum der Homosexualität beschuldigen kann.

Bin ich anders? Ich setze mich an einen Tisch vor der Rheinfelder Bierhalle und bestelle einen halben Liter Mineralwasser. Mit der Hoffnung ein bekanntes Gesicht zu sehen, betrachte ich die vorbeigehenden Leute. Ich erinnere mich zurück, als ich noch kaum pubertiert war. Ich hatte eben festgestellt, dass mir der Körper eines Mannes besser gefällt als Brüste und Ärsche des anderen Geschlechts. Ich war 14. Zum gleichen Zeitpunkt musste ich feststellen, dass meine Art der Sexualität nicht gesellschaftstauglich ist, dass Razzien in Schwulenlokalen gemacht und die Menschen nackt auf die Strasse getrieben wurden, um aller Welt zu zeigen, wer der «psychischen Krankheit», der Homosexualität verfallen war. Bin ich etwa ansteckend oder weshalb werde ich so ausgegrenzt? Bin ich so anders? Meine Eltern akzeptieren mich, wie ich bin. Doch wenn immer ich das Haus verlasse, muss ich mich zuhause lassen und einen strammen Schweizer spielen.



«Ich erlüge lieber eine heisse Sommeraffäre, welche aus allerlei Gründen leider ein abruptes Ende nahm.»

Manchmal nervt es mich, dass ich stets eine weibliche Begleitung finden muss für allerlei gesellschaftliche Anlässe. Kann ich niemanden auftreiben, bin ich den lästigen Fragen ausgesetzt. Zum Glück stützt mich meine lesbische Freundin, wir stützen uns gegenseitig. Ich weiss zwar, dass niemals jemand direkt fragen würde, ob ich schwul sei – nein, dafür haben die Schweizer keine Eier –, doch in ihren Blicken kann ich sehen, wie es rechnet. Ein Flussdiagramm von Fragen rast rasen durch ihre Köpfe. Kommt man zur Frage «schwul: Ja oder Nein?», dann wird geschwiegen. Doch das Stigmata ist in den Köpfen. Deshalb erlüge ich lieber eine heisse Sommeraffäre, welche aus allerlei Gründen leider doch ein abruptes Ende fand.

Man ist nirgends sicher Endlich erblicke ich ein vertrautes Gesicht. Wenn man ihn nicht kennt, würde man niemals erahnen, dass er schwul ist. Kein rotes Halstuch, kein abnormales Benehmen, kein weiblicher Touch ist auszumachen. Wir sind nichts weiter als zwei Hetero-Freunde, die sich zufällig in einer Bar treffen – oder zumindest soll es so wirken. Er kommt direkt auf mich zu. «Guten Tag», sagt er. «Auch wieder hier.» Ich lächle. Offensichtlich hat er denselben Plan für diesen Sonntagnachmittag. Er setzt sich neben mich und wir quatschen über dies und jenes – nicht anders als alle andern, nicht anders als die Heteros, die durch die Niederdorfstrasse flanieren. Stets lässt uns die Angst vor dem Register aufblicken und um uns schauen. Sie könnten jederzeit auftauchen. Wir müssen hetero wirken. Wir müssen! Ich glaube, wir schaffen das auch ganz gut. Doch sicher kann man sich nie sein. Auch hier in Zürich ist man nie sicher. Man ist nirgends sicher. Auch wenn wir nichts anders machen, als die anderen Jungen. Wir treffen uns in einer Beiz, um danach weiter zu ziehen und einen schönen Abend zu erleben.

Mittlerweile sind wir vier Kumpels. Wir kennen uns, aber nur über die Abende in Schwulenbars. Wir sind zwar alle schwul, doch sind wir nur Freunde. Die Frage stellt sich, was wir noch machen. «Wo wollen wir hin?», fragt einer der Drei. «Gehen wir an den Bürkliplatz», sagt der eine. «Nein!», erwidert der andere harsch. «Du weisst genau, dass es mittlerweile bloss ein Platz für Stricher und Zuhälter ist. Auch wenn es einst schön war als schwulen Treffpunkt. Höre endlich auf, in der Vergangenheit zu leben.» «Sihlhölzli?», fragt der Erste. «Genau dasselbe», sagt der Dritte und schaut ihn ungläubig an.



Ein von @anyaconstantinova gepostetes Foto am



Heute feiert Zürich offen den Christopher Street Day

«Die Klemmschwestern brauchen einige Zeit, um mutig zu werden.»


Mein Magen knurrt, weshalb ich vorschlage, dinieren zu gehen. Die anderen stimmen ein. Wir gehen in die Züribar. Denn dort essen auch die Heteros. Die Klemmschwestern unter uns brauchen einige Zeit, um ihren Mut zu finden und effektiv in eine Schwulenlokalität zu wechseln. Panisch blicken sie alle paar Sekunden um sich, ob die Schmier vielleicht doch noch auftaucht. Ich bezweifle, dass die Polizei uns sofort als Homos erkennen würde. Denn bunt oder offensichtlich schwul sieht keiner von uns auf. Das kann man sich nicht erlauben. Was bleibt, ist die Paranoia. Ich habe nie Angst, gesehen zu werden. Wenn mich Herr Müller oder Meier aus Zug heute sieht, dann ist der auch nicht ganz sauber. Man muss bloss einige Minuten vors Sexkino stehen, dann hatte man genau so viel gegen sie in der Hand. Andererseits habe ich doch Respekt, aber eher wegen meiner Karriere. Ich will doch nicht, dass die Sexualität der Karriere im Weg steht. Das darf nicht sein. Ich muss schmunzeln bei dem Gedanken. «Was lachst du so vor dich hin?», fragt der eine, nachdem wir bereits das Essen bestellt haben. «Ich dachte gerade an den Herrn Straffen-Schweizer», sage ich, «der mich im Militär zum Quartiermeister befördert hat. Wenn der wüsste, dass ich…» – jetzt flüstere ich – «schwul bin, dann würde der sich noch im Grabe umdrehen!»  

Klemmschwestern und ihre Angst geoutet zu werden Endlich haben auch die Klemmschwestern ihren Mut gefunden und wir machen uns auf zum Barfüsser. Wir laufen langsam auf die Tür zu, betend, dass jetzt in diesem Moment kein Polizist hier entlang laufen würde. Ein letzter Blick, zuerst rechts, dann links, und rein geht’s in die Beiz.   Alle Blicke schweifen kurz zum Eingang – nicht etwa wertend oder verachtend, nein, sondern interessiert. Es ist nicht anders, als wenn ein paar Freunde in einer Bar sitzen und eine wunderschöne Frau eintritt: Alle müssen starren. Nur waren wir hier die wunderschöne Frau.   Wir bestellen eine Runde und setzen uns an einen Tisch. Endlich können wir normal sein. Endlich ist die Hektik weg. Nur hin und wieder schweift mein Auge zur Tür. Wird die Schmier plötzlich reinkommen? Man kann nie wissen. Doch endlich können wir offen über schwulen Themen reden. Welche übrigens nicht anders sind, als die Gespräche von jungen Heteros. Wer mit wem? Hast du schon gehört? Wie findest du den dort? Hast du den schon gesehen?   Auch wenn alle Gesellschaftsschichten hier ein und aus gehen, meine Freunde sind eher Akademiker, weswegen Schwulsein als Politikum oft besprochen wird. Homosexualität ist bei der UNO nach wie vor als offizielle, geistige Krankheit eingetragen. In der Schweiz ist es zwar nicht illegal, aber das Register!Das gibt es. Und die gesellschaftlichen Probleme und das Verstecken die ganze Zeit – das gibt es auch! «Meinen Freund hat es letzte Woche erwischt», sagt  der zu meiner Linken. «Jetzt ist eine Fiche angelegt und er musste sich outen. Stellt euch das vor! Er musste sich outen.» Er blickt traurig in die Runde. «Ihm wurde gekündigt. Sein Arbeitgeber: ein richtiges Arschloch. Nun verliert er vielleicht sogar noch seine Wohnung. Zumindest redet seine Familie noch mit ihm».  



Heute ist der Barfüsser eine Sushi Bar




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«Falls es funkt, dann geht es schnell.»

«Meinen Freund hat es letzte Woche erwischt», sagt  der zu meiner Linken. «Jetzt ist eine Fiche angelegt und er musste sich outen. Stellt euch das vor! Er musste sich outen.» Er blickt traurig in die Runde. «Ihm wurde gekündigt. Sein Arbeitgeber: ein richtiges Arschloch. Nun verliert er vielleicht sogar noch seine Wohnung. Zumindest redet seine Familie noch mit ihm».

«Das ist schrecklich.», sagt mein Freund zur Rechten. «Doch habt ihr gehört? Vor ein paar Wochen haben einige Leute damit begonnen Unterschriften zu sammeln für die Abschaffung vom Homo-Register. Vielleicht hat der ganze Spuck bald ein Ende.»

Wir können über alles sprechen, besonders über Probleme, die das Schwulsein mit sich bringt. Das ist das Schöne hier. Klar sind wir nicht nur hier, um über Politik zu reden. Während des Gesprächs erblickt mein Auge einen schönen jungen Herrn, der vor dem Fenster steht. Er lächelt mich an. Ich lächle zurück. Also gehe ich zu ihm und offerierte ihm ein Getränk. Falls es funkt, dann geht es schnell, denke ich mir. Es funkt. Das gegenseitige Interesse ist geweckt. Wir sprechen einige Minuten, ohne einen Namen zu nennen, ohne zu viel persönliches preiszugeben. Man muss inkognito bleiben. Denn es geht nur um die Handlung. Liebe kann ich mir nicht erlauben. Ich kann – nein, ich darf mich nicht verlieben.

Während wir sprechen, stellt sich ein Vater mit seinem Sohn vor unser Fenster und betrachtet uns. Der Vater zeigt auf uns. Ich kann es an seinen Lippen ablesen, denn ich habe es in der Vergangenheit schon zu oft gesehen. «Schau’ Junge! Das sind Schwule!» Gefolgt von einigen Worten, dass man nie so werden soll. Dann kichert der Sohn , bis sie wieder von Dannen gehen.

So, das reicht. Ich habe genug. «Kommst du mit?», frage ich mein Gegenüber. Er nickt. Unsere Optionen sind nicht überwältigend. Man hat die Wahl zwischen öffentlichen Toiletten, Parkhäusern oder Büschen. Wenn man am Sihlhölzli vorbeigeht, rascheln die Büsche nur so vor sich hin. Doch ich habe zum Glück genug Geld für ein Hotel.

Ich gehe kurz zu meinen Freunden, um mich zu verabschieden. «Wo hin des Weges?», fragt einer meiner Kumpels. Ich deute bloss auf den heissen Typen an der Tür. Sie kichern und wünschen mir viel Spass. Ich weiss, sie freuen sich für mich.

Lieber ins Hotel als hinter den Busch Wir verlassen gemeinsam den Barfüsser. Logischerweise müssen sich unsere Wege jetzt trennen. «Treffen wir uns in einer halben Stunde im Hotel Marthahaus», sage ich. Er nickt. Er kennt das Prozedere. Zwei Männer tauchen besser nicht gemeinsam im Hotel auf. «Ich warte im Zimmer 24 auf dich.» Ich laufe Richtung Predigerkirche, er in die Gegenrichtung. Nach einigen Minuten treffe ich im Hotel ein.

Der Rezeptionist lächelt mich an: «Guten Tag der Herr», sagt er freundlich, «Wieder dasselbe Zimmer?» Sie kennen mich hier, weshalb alles reibungslos abläuft. Man muss einfach selbstsicher und wichtig auftreten, dann hegen sie keinen Verdacht. Ich gebe meine Personalien an und alles ist geklärt. Dies funktioniert nur, weil ich nicht im Register eingetragen bin. Ich bin mir sicher, wäre ich drin, würden meine Personalien direkt an die Polizei weitergeleitet werden. Sie würden uns die Türe eintreten, egal wann.



«Wir müssen zwei Zimmer buchen, ansonsten kommen die Bullen.»

Während mir der Rezeptionist den Schlüssel überreicht, betritt meine Begleitung das Hotel. Er würdigt mich keines Blickes. Gut so. Er weiss, wie damit umzugehen. Auch er lässt sich registrieren und sich einen Schlüssel geben, während ich bereits auf dem Weg aufs Zimmer bin. Wir müssen zwei Zimmer buchen, ansonsten kommen die Bullen.

Ich schalte das Licht ein, weil es bereits dunkel ist. Ich kann mich kaum aufs Bett setzen, schon geht die Türe auf. Er stürzt sich ungehalten auf mich. In diesen vier Wänden kann ich meiner Sexualität freien Lauf lassen. Ich fühle mich frei und sicher. Die Polizei wird nicht kommen. Es ist Nacht. In der Nacht lassen sie uns in Ruhe. Wahrscheinlich, weil sie zu faul sind.

Nach einigen Stunden verlasse ich das Hotel. Meine Affäre bleibt zurück. Ich laufe zu meinem Auto. In der Ecke hinter einem Auto höre ich ein Geräusch. Da ficken sie schnell, schnell. Ich bin froh, habe ich die Freiheit ins Hotel gehen zu können. Ich steige ins Auto und fahre los. Ich fühle mich zwar besser, zufriedener, doch dieser Abend war nichts weiter als ein Akt, mechanisch, lieblos, triebgesteuert. Emotionen kann man sich in diesen Zeiten nicht erlauben. Für Liebe hat es keinen Platz.

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