Geflüchtete an der Uni: Gegen Ungleichheiten muss man sich einsetzen

An immer mehr Unis und Fachhochschulen in der Schweiz entstehen Gasthörerprojekte für Geflüchtete. Von den einen werden sie in den Himmel gelobt, von anderen harsch kritisiert. Was ist da dran?
15. März 2017

--> Schnuppersemester für Flüchtlinge in der Kritik

Was bringen Gasthörerprogramme...?
Gasthörerprogramme nicht dasselbe wie ein Studienzugang, das ist wahr. Auch die Zugangskriterien erleichtern sie nicht. Was die Gasthörerprogramme tun, ist Leuten, die nicht das Geld haben sich in ihrer Freizeit als Auditor*innen einzuschreiben, die Gasthörergebühren zu bezahlen. Für junge Geflüchtete, die sonst nicht unbedingt gross Möglichkeiten haben, sich sinnvoll zu beschäftigen, kann dies eine willkommene Möglichkeit sein, seine Zeit mit Lernen zu verbringen. Schon nur der regelmässige Besuch von Vorlesungen kann helfen, die Sprachkenntnisse zu verbessern und sie dem Hochschulniveau näher zu bringen.

Das Schweizer Bildungssystem ist ausserdem ziemlich komplex. Nebst Hochschulen (Universitäten und Fachhochschulen), bieten auch Berufslehren und die höhere Berufsbildung ebenso wichtige und erfolgversprechende Ausbildungsmöglichkeiten an. So möchten manche Geflüchtete an die Uni, weil ein Studium der (einzige) Weg zu einer guten Ausbildung ist, den sie kennen - und nicht, weil ein Studium inhaltlich der Ausbildung entspricht, die sie im Herkunftsland begonnen haben. Es wäre deshalb auch nicht im Interesse der Geflüchteten, den Studienzugang für alle Interessent*innen zu fordern.

Es gibt hingegen nichts, was einem eine bessere Einsicht und Entscheidungsgrundlage für oder gegen eine Hochschulausbildung gibt, als eine Schnuppererfahrung, die ermöglicht die sprachlichen und fachlichen Anforderungen einzuschätzen und die eigenen Ressourcen realistisch zu beurteilen.

Die Gasthörerprogramme stellen jenen Teilnehmer*innen, die das möchten, Mentor*innen zur Seite. Damit haben sie ein gewisses Mass an Unterstützung, wenn es darum geht, eine mögliche Zulassung an die Uni oder die Fachhochschule abzuklären. Ausserdem gibt es die Möglichkeit, Kontakte ausserhalb der Asylunterkunft oder der Heimatgemeinde zu knüpfen, was wertvoll und motivierend sein kann.

... und was können sie nicht?
Gasthörerprojekte bringen also durchaus etwas. Reicht das aus? – Nein. Will man einen gleichberechtigten Studienzugang in der Schweiz, braucht es noch einiges. Da ist nicht nur der Förderwille der Hochschulen gefragt, die die eigene Rolle nur im Bildungsauftrag sehen, statt dass sie ihre institutionellen Rahmenbedingungen den Realitäten entsprechend gestalten. Sondern es braucht politischen Willen, sich mit unverhältnismässigen Hürden im Asylwesen auseinander zu setzen und ökonomische Hürden für den Studienzugang zu beseitigen. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften VSS forderte deshalb in seinem neuen Positionspapier ein Umdenken in der Integrationsstrategie, die Einrichtung von Potenzialabklärungen und angemessenen Zugang zu Stipendien.

Es ist höchste Zeit, dass sich mehr Hochschulen die Praxis in Genf zum Vorbild nehmen und Geflüchtete in den Gasthörerprojekten zu Prüfungen zulassen. So können die Teilnehmer*innen ihre Studienfähigkeit praktisch unter Beweis stellen und bereits ECTS für später sammeln. Die Zulassungskriterien müssen ja auch da noch immer erfüllt werden und sichern damit die Qualität des Studiums.

Geflüchtete sind gar nicht anders
Aber sollte man überhaupt Programme für Geflüchtete machen? Ergibt sich nicht bereits daraus eine unfaire Differenzierung?

Kategorisierung ist dann problematisch, wenn sie dazu benutzt wird, jemanden zum „anderen“ zu machen, auzuschliessen, zu delegitimieren, zu viktimisieren...

Gibt es aber Gruppen, die wichtige Bedürfnisse und Herausforderungen teilen – wie dies bei Personen im und aus dem Asylsystem der Fall ist – so macht die Kategorie so lange Sinn, wie sie der Bedürfnisermittlung und der Kritik spezifischer Hindernisse dient.

Bei Geflüchteten, die Zugang zum Studium möchten, treffen die Hürden, die alle internationalen Studierenden in der Schweiz bewältigen müssen mit der Tatsache zusammen, dass sie sich ihr Studienland nicht aussuchen können und addieren sich mit den alltäglichen Hindernissen, die das Asylsystem und die Abhängigkeit vom Sozialwesen mit sich bringen. Es gibt also durchaus Gründe, sich spezifisch für Geflüchtete einzusetzen und ihnen entsprechende Förderung zukommen zu lassen.

Diese Unterscheidung zwischen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung sollten sich auch die Hochschulen hinter die Ohren schreiben, wenn sie spezifische Unterstützungsmassnahmen für Geflüchtete als „positive Diskriminierung“ abtun.

Ja, und wer macht nun etwas?
Der VSS visiert mit seinem nationalen Projekt den Aufbau einer Informationswebseite für Geflüchtete an. Damit stellt er Infos zur Verfügung. Das war’s dann aber – ohne die Studierenden an den einzelnen Hochschulen geht gar nichts. Es ist schön und gut und wichtig, auf nationaler Ebene Politik zu machen – am Schluss ist es aber Sache der Studierenden vor Ort, sich für ihre geflüchteten Kommiliton*innen einzusetzen, entsprechende Strukturanpassungen, Pragmatismus und Fördermassnahmen einzufordern. Es sind die Stimmen der Studierenden, der Dozierenden, der Angestellten, die hier einen Unterschied machen können. Ein Gasthörerprogramm ist keine Universallösung, kein umfassendes Entgegenkommen, aber es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig ist, sich damit nicht zufrieden zu geben und sich auf den vermeintlichen Lorbeeren auszuruhen, sondern sich Schritt für Schritt in Richtung Gleichberechtigung aufzumachen – nicht nur für Geflüchtete.

Dieser Artikel ist eine Replik von Martina von Arx vom Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) auf die Kritik am Schnuppersemester für Geflüchtete.

Titelbild: Screenshot/Instagram

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