Hier geht’s nicht um Abseits – es geht ums Menschsein

In der Turnhalle der TBZ am Sihlquai findet zweimal wöchentlich ein Fussballtraining für Flüchtlinge statt. Während gut 90 Minuten spielen Afghanen, Eritreer und Somalier Fussball. Unser Autor hat mitgespielt und festgestellt: Hier geht es um mehr als ums Toreschiessen.
23. November 2017

Die eine Fensterfront im 6. Stock des TBZ-Gebäudes am Sihlquai muss gegen Osten ausgerichtet sein. Abdhi hat sein Sporttuch kurzerhand in ein Gebetsteppich umfunktioniert und betet seine Verse. Zwei Stockwerke weiter oben ist die Halle bereits offen, einzelne, schon umgezogen, treiben Schabernack. Nacheinander tröpfeln sie herein, die jungen Männer mit F-Status: Abdhi, Mohammad, Nemat und Mehdi. In der Halle riecht es noch säuerlich von dem vorherigen Krav Maga-Training. Draussen ist der Montag bereits dunkel, die Halle aber leuchtet greller als der Morgenstern.

Nun sind alle da, das allwöchentliche Fussballtraining kann beginnen. Zum Aufwärmen wählt Trainer Joey das konventionelle Einlaufen, mal seitwärts, mal übersetzt, dann noch rückwärts! Anschliessend ein polysportives Ballspiel. Das Verliererteam muss 20 Liegestützen machen. Ein Afghane zählt auf Deutsch: Vier, fünf, sechs, sieben... Er überspringt ein paar Zahlen, lautes Gelächter. Nach 15 Liegestützen keuchen die ersten. Man ist hier zum Fussballspielen, nicht um Liegestütze zu machen. In der anschliessenden Gruppeneinteilung wird Nemat zusammen mit Sharamarke und Mehdi zum Team Grün gewählt. Nemat und Mehdi sind aus Afghanistan, Sharamarke kommt aus Somalia. Sie sind zwischen 20 und 23 Jahre alt und höchstens seit drei Jahren in der Schweiz. Alle drei haben sie funktionale Sportkleider und Tschutischuhe an. Ihre Smartphones haben sie in die Box für Wertgegenstände gelegt. Alles wartet sehnlichst auf den Anpfiff.

Mithelfen und entlasten

Das Fussballtraining findet jeweils am Montag und Mittwoch in Zürich statt, einmal wöchentlich in Winterthur. Vor zwei Jahren gründeten die ehemaligen VWL-Studis Joey Adler und Margot Gagliani die «Football Association for Integration», kurz FAFI. Zusammen mit rund 15 Freiwilligen findet seither das Fussballtraining für Flüchtlinge statt. «Damals waren die Durchgangszentren für Asylsuchende überlastet. Da kam uns die Idee mit dem Fussballtraining. Wir wollten mithelfen, diese Zentren zu entlasten», sagt Joey Adler. Die FAFI offerierte Halle, Trainer und Material, die Zentren brachten die Leute und schauten, dass alle informiert und instruiert sind. Unterstützung erhielt der Verein von ein paar Stiftungen. Ausserdem arbeite man eng mit dem Partnerverein Raumfang zusammen, der sich mit verschiedenen Projekten im Asylbereich engagiert. Joey blickt stolz in die Halle, wo mittlerweile alles bereit gemacht wird für das Fussballspielen: «Es ist schon toll, wie selbstständig die Jungs mittlerweile die Tore und Bänke auf- und abbauen.»

Rot gegen Grün

«Wo zu Beginn noch viel improvisiert werden musste, hat sich das Ganze jetzt ein bisschen beruhigt», sagt David, der ebenfalls als Trainer eingeteilt ist. Die jungen Männer seien mittlerweile alle auf Gemeinden verteilt worden. «Jetzt kommen nur noch diejenigen, welche wirklich Spass haben am Fussball.» Julian ist der dritte im Bunde heute Abend. Aus Deutschland kenne er die Flüchtlingsproblematik. «Wohnen tue ich aber hier. Deshalb habe ich mich gefragt, wie ich hier helfen kann.» Es gehe ihm um den Austausch. «Austausch», ein Wort, das Julian häufig braucht. Dann beginnt es. Es spielt Rot gegen Grün. Die Matches dauern jeweils drei Minuten und geschossen werden darf erst ab der gestrichelten Linie. Abseits gibt es nicht. Das Spiel ist schnell und konzentriert, lebt vom Einsatz der jungen Afghanen und Eritreer, es wird gelacht und Kunststücke werden anerkennend beklatscht. Hier ist ein heiterer Ort, hier herrscht Freude.

Warten und zuschauen

Auch Nemat lacht. Er ist seit anderthalb Jahren in der Schweiz und wohnt nun in Oerlikon. Der 20-Jährige Afghane besucht die Fachschule Viventa in Zürich. Als er von seinem Wunsch, Informatiker zu werden, berichtet, fällt ein Eigentor. Alle lachen, der Unglückliche hält sich die Hände vors Gesicht. Doch so freudig sei es nicht immer. Nemat beteuert, dass es oft nicht einfach sei, sich hier zurecht zu finden. «Wir sind oft alleine, alles ist neu hier.» Mujtaba, 20 Jahre alt und aus Afghanistan, geht von Montag bis Freitag zur Schule und träumt von einer Stelle als Verkäufer in einem Kleidergeschäft. «Doch mein Status wurde noch nicht geändert.» Sagt’s und blickt betrübt auf seine Füsse. Die Analogie liegt nahe: Auf der Bank sitzen, während die anderen spielen. Das Fussballtraining hat auch deshalb einen grossen Stellenwert bei den jungen Mannen. Freiheit und Spielfreude, zweimal die Woche. Jeder hat seinen eigenen Rucksack, den er heute Abend in der Garderobe gelassen hat. So auch Sharamarke. Er ist aus Somalia und seit drei Jahren in der Schweiz. Im Fussballtraining ist er erst seit drei Wochen. Am liebsten schiesse er Tore. «Wenn ich keine Tore schiesse, bin ich traurig!», sagt er mit einem Lächeln in den Augen. Er träumt von einer Anstellung als Mechaniker, am liebsten etwas mit Autos. Von seiner Reise möchte er nicht erzählen. Er redet lieber übers Fussballspielen und Tore-Schiessen.

Ein langer Weg

Mohammad, der 21-Jährige ist in Zollikon untergebracht. Seine Familie ist von Afghanistan in den Iran übergesiedelt. Abgeklärt sagt er: «Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Familie. Aber ich sage nie, wenn’s mir schlecht geht. Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Mir geht es gut hier. Ich bin glücklich.» Viele der hiesigen Afghanen waren vorher im Iran. Einer von ihnen ist Mehdi. Der junge Mann arbeitete dort als Maurer, bevor er den 6000 Kilometer langen Weg in die Schweiz antrat. Häufig zu Fuss, mit Wagen und auch per Schiff. Ob er denn einen Traum habe? «Ich will Maurer werden!» In diesem Moment fällt ein Tor für Team Gelb. Alle klatschen, während einem klar wird, wie weit die Jungs gereist sind und was es alles gebraucht hat, damit sie an diesem Montagabend hier sitzen, einander zum Torschuss gratulieren und Spässe treiben können.

Eritreer, Somalier und Afghanen spielen Fussball. Schweizer spielen mit. Und fühlen sich als ob sie dabei im Abseits stehen und nur zuschauen. Wir, die wir dies als solidarischen Beitrag sehen – unser Zutun für eine gute Sache –, können nur in Ansätzen begreifen, welche Last die Jungens da tagtäglich auf ihren Schultern schleppen. Jedem geflüchteten Eritreer und Afghanen haften diese Schicksale an wie Fischerblei in den Taschen. Doch für anderthalb Stunden lässt jeder seine Sachen draussen vor der Tür und darf Mensch sein.

Übrigens: Hast du Interesse, ein solches Training zu leiten? FAFI ist stets auf der Suche nach Trainern. Aber auch Trainerinnen, denn bald beginnt das Fussballtraining für Frauen! Melden unter: info@fafi-schweiz.com

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