Fünf Stunden raven auf einem Lovemobile – einmal und nie wieder?

Viele Stadtzürcher*innen meiden die Streetparade und bezeichnen sie als den schlimmsten Tag des Jahres. Das gehört zum guten Ton. Für ein Wochenende ist die Stadt in den Händen der Landeier und Techno-Tourist*innen. Sie kostümieren sich, konsumieren Drogen und sind schon am Nachmittag so blau, dass sie in Hauseingänge erbrechen und urinieren. So das gängige Bild. Wie ist es, mit solchen Leuten seinen Samstagnachmittag zu verbringen?
15. August 2017

Quaibrücke, 18.30 Uhr. Die Bässe wummern. Der Typ mit Man-Bun neben mir schreit und reisst seine Arme freudig in die Luft. Er beugt sich über das Geländer des Wagens. Ein Typ unten auf der Strasse streckt seine Hand nach oben. Handshake. Beide schreien vor Freude. Dario dreht sich zu mir, legt seinen Arm um meine Schultern «yeeeaah!». Seine Begeisterung ist ansteckend. Zusammen tanzen wir. Die Menge auf der Strasse winkt und schreit uns begeistert zu.

«Wir brauchen ein Radio. Organisiert eins, egal wie viel es kostet! Sonst dürfen wir nicht starten.» Michi ist nervös. Er ist für das Lovemobile des Phoenix Festivals zuständig. Michi ist schätzungsweise Mitte dreissig, trägt ein schwarzes Tanktop, kurze rote Hosen und eine Sonnenbrille. Normaler geht nicht mehr. «Sind Sie hier der Chef?», erkundigt sich jemand vom Staff. In einer Sperrzone wird das Lovemobile von Polizisten und Suchhunden auf Drogen und Sprengstoff überprüft. Exakt acht Minuten stehen für jeden Wagen zur Verfügung, erklärt ein kleiner, braungebrannter Polizist mit Sonnenbrille. Er hat sich freiwillig für den Wochenendeinsatz gemeldet. Der Polizist schüttelt den Kopf und grinst, als er von den Leuten erzählt, die betrunken oder auf Drogen am Strassenrand liegen. Wer Drogen nimmt, ist selber Schuld, so sein Fazit.

Erstaunlicherweise wird der Wagen kontrolliert, bevor die Raver*innen zusteigen. Falls jemand Drogen oder Sprengstoff dabei haben sollte, dann trägt es die Person wohl auf sich. Doch es ist beruhigend, dass in Zürich noch Feste gefeiert werden, ohne in die Hysterie anderer europäischer Städte zu verfallen. Sogar die Polizei ist ganz unaufgeregt durchschnittlich und gut gelaunt.

Ich beuge mich über das Geländer nach unten zur Menge. Als ich mich wieder zurück nach oben drehe, schlage ich dem Typen neben mir versehentlich meinen Arm ins Gesicht. Er verzerrt das Gesicht. Fasst sich an die Nase. Schaut mich wie ein geschlagener Hund an. Es ist laut. Ich gestikuliere entschuldigend. Ich verspüre den Drang sein armes, zartes Näschen zu küssen. Mutterinstinkt. Und Alkohol. In diesem Moment bewegt er seinen Kopf fünf Zentimeter nach oben, küsst mich auf den Mund und grinst spitzbübisch.

Jonas und André drücken allen auf dem Lovemobile einen Kleber und ein Schlüsselband in die Hand. Der Schmetterling darauf erinnert ans Logo des berühmten Tomorrowland Festivals. Jonas und sein Kumpel waren für die Deko des Lovemobiles zuständig. Das Dekorieren für grössere Goa- und Progressive-Events in der Schweiz ist ihr Hobby. Auch der Wagen ist orange dekoriert, denn der Legende nach starb der Phoenix, der die Sonne verkörpert, in einem Flammenmeer.

Ein junger Mann streckt seinen Plastikbecher in meine Richtung nach oben. Er spreizt den kleinen Finger und den Daumen von seiner Hand ab und macht eine Geste. Er will etwas trinken. Ich leere etwas Smirnoff aus meiner Dose in seinen Becher. Das Lovemobile setzt sich unerwartet in Bewegung. Das Getränk schwappt über den Becher und landet im Nacken eines Securities. Er fasst sich in den Nacken, riecht an seiner Hand und schüttelt den Kopf. Unschuldig grinse ich dem Typen auf der Strasse zu. Er streckt den Daumen in die Luft und grinst zurück.

Die Leute auf der Strasse winken und jubeln uns zu. Manche versuchen so dicht wie möglich an den Wagen ranzukommen, um ein High-Five zu erhalten. Doch die Securities, die unseren Wagen begleiten, drängen sie immer wieder zurück. Die Bässe sind über den Boden im ganzen Körper spürbar. Die Strecke vom Seefeld bis zum Hafen Enge kann mit dem Auto an einem normalen Samstag in etwa zehn Minuten zurückgelegt werden. An der Streetparade braucht ein Lovemobile für die gleiche Strecke fünf Stunden. Oft bleibt es in der Menge stehen. Quasi ein mobiler Club mit gelockerter Lautstärkebeschränkung.

Der Beat droppt. Die Menge springt. Ich springe mit. Regentropfen fallen auf mein Gesicht. Nur der harte Kern ist unserem Lovemobile bis hier zum Hafen Enge gefolgt. Die Boxen verstummen. Es ist halb neun. Nach fünf Stunden steige ich vom Lovemobile.

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