Fundbüro2: «Das war ganz schön intim – kein Small-Talk. Eine Wohltat!»

Die Schriftstellerin sitzt im Café Gloria, bestellt ein Ittinger und lacht lebhaft und schön. Man schaut Tanja Kummer an und denkt: Die Frau ist glücklich. Und das ist sie auch, immer mal wieder – «Aber nicht oft genug!» Ein Gespräch über den Tuben-Auspresser aus der Migros, den Wert des Wir-Gefühls, verlorene Lebensfreude und Tanjas Einsatz beim Fundbüro2, Zürichs Lost&Found für Immaterielles.
02. März 2017

Tanja Kummer, wir leben in einer Welt voller Dinge. Gibt es einen Gegenstand, der dich glücklich macht?
Es gibt tatsächlich ein Ding, das mir viel Freude bereitet: Das ist mein Tuben-Ausdrücker (Anmerkung: Das Interview wurde auf Schweizerdeutsch geführt – und beim Wort «Tuubä-Usdruckär» hat mich kurz Panik erfasst. Aber Tanja ist Veganerin und würde einer Taube nie etwas zuleide tun, alles gut). Das ist so ein Plastik-Teil, mit dem man auch noch das letzte bisschen aus einer Tube Senf oder Zahnpasta rausquetschen kann, das Maximum rausholen. Es sieht sogar hübsch aus – und macht Sinn.

Und mit dem Sinn sind wir auch schon bei Immateriellem. Welches Gefühl oder welche Überzeugung macht dich noch glücklicher als dieses Tuben-Wunderding?
(überlegt) Zum Beispiel das Wir-Gefühl. Dazu muss ich sagen: Ich mag auch das Ich-Gefühl, bin tatsächlich sehr gerne alleine und brauche viel Zeit für mich selbst. Heute beispielsweise habe ich spontan entschieden, die Arbeit zuhause zu lassen und einfach aufzubrechen, den Greifensee zu umwandern. Das war super – auch ohne Begleitung. Aber dass es in meinem Leben Menschen gibt, mit denen ich mich sehr verbunden fühle, ist unglaublich wichtig für mich: mein Freund, meine Freunde.

Das Wir-Gefühl macht mich glücklich. Ich bin auch gerne allein. Aber dass es Menschen gibt, mit denen ich mich verbunden fühle, ist unglaublich wichtig für mich.

Du beschäftigst dich auch beim Schreiben intensiv mit Gefühlen – in deinem Roman «sicher ist sicher ist sicher» geht es beispielsweise um eine Frau mit wachem Verstand und grossen Ängsten.
Genau. Martina, die Protagonistin, leidet unter Zwangsstörungen. Ihre Ängste sind irrational, aber sehr mächtig, bestimmend. Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, die generell sehr von Ängsten geprägt ist, von grossen und kleinen Panik-Momenten. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir immer und überall erreichbar sind, auch für das Schlimmste. Wir kommunizieren und konsumieren auf allen möglichen Kanälen, schauen auch vor dem ins Bett gehen nochmals aufs Smartphone.

Ich erlebte intime Begegnungen mit Menschen, die ich nicht kenne und mir auch gar nicht erzählen, wer sie sind und was sie im Leben so machen, sondern direkt zur Sache bzw. Nicht-Sache kommen.

Aber es gibt auch erfreuliche Meldungen: Beispielsweise die, dass im Februar das FUNDBÜRO2 eröffnet hat, ein Lost & Found für Immaterielles. Du warst bei der Eröffnung als Gast-Beamtin im Einsatz. Wie war das für dich?
Ich muss zugeben, dass mich die Ernsthaftigkeit der Situation überrascht hat – zumal ich die Idee, ein Fundbüro für Immaterielles zu eröffnen, in erster Linie einfach sehr witzig fand, mit vielen Scherzen gerechnet habe. Und dann sass ich am Schalter und erlebte intime Begegnungen mit Menschen, die ich nicht kenne und die mir auch gar nicht erzählen, wer sie sind und was sie im Leben so machen, sondern direkt zur Sache bzw. Nicht-Sache kommen: dem verlorenen Glauben an eine Person, zum Beispiel, der fehlenden Orientierung. Das war kein Small-Talk – und eine Wohltat.

Für wen, glaubst du, lohnt sich das: beim FUNDBÜRO2 eine Meldung zu machen?
Ich kann das grundsätzlich jedem empfehlen. Es ist auch einfach ein Erlebnis, das man sich holen kann, eine Chance, die eigene Erfahrungswelt zu bereichern. Und es gibt ja zwei Möglichkeiten: Entweder man erfasst die Meldung selber und via Webseite – oder man kommt während der Schalteröffnungszeiten zum Schalter auf dem Werdmühleplatz. Allein schon, dass man mal in Worte fasst, schriftlich oder mündlich, was einem beschäftigt, ist wichtig und oft auch wirksam.

Wenn du jetzt nicht als Gast-Beamtin im Einsatz gewesen wärst, sondern auf der anderen Seite des Schalter gestanden hättest, dann...
... dann hätte ich gemeldet, dass mir die Lebensfreude abhanden gekommen ist.

Ehrlich jetzt?
Nicht die ganze Lebensfreude, keine Sorge. Aber Teile davon. Existieren tu ich grundsätzlich gern, aber ich bin abgestumpft. Das ist wohl ein natürlicher Teil eines Prozesses – zumal ich unlängst Abschied nehmen musste von Begleitern, die mir sehr wichtig waren und gestorben sind. Dass man da nicht mehr bei jeder wohlriechenden Blume Luftsprünge macht, versteht sich vermutlich von selbst. Aber ich vermisse sie, diese Begeisterungsfähigkeit im Alltag, merke allerdings auch: Sie kommt langsam zurück. Stück für Stück.

Stück für Stück, Schritt für Schritt. Zum Beispiel beim Spaziergang um den Greifensee?
Genau. Auch das kann ich jedem empfehlen: Hin und wieder die Arbeit liegen zu lassen und rauszugehen – in die Natur. Allein oder mit Menschen, die einem wichtig sind.

* TANJA KUMMER ist Schriftstellerin und leitet seit 15 Jahren literarische Schreibkurse mit den Schwerpunkten «Autobiografisches Schreiben» und «Kreatives Schreiben». Mit 21 Jahren hat sie ihren ersten Lyrikband publiziert, bis dato sind sieben Bücher von ihr erschienen, zuletzt im Jahr 2015 der Roman «sicher ist sicher ist sicher» im Zytglogge Verlag. www.tanjakummer.ch

* Besuche das FUNDBÜRO2
im Web: www.fundbuero2.ch
auf Facebook: https://www.facebook.com/fundbuero2

Oder jeweils am ersten Samstag des Monats (mit wenigen Ausnahmen, siehe Web) im Pavilleon auf dem Werdmühleplatz, Zürich. Am 4. April ist Theater- und Filmregisseur Samuel Schwarz als Gast-Beamter im Einsatz.

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