Für Zürcher ist es schon schwer genug: Das sind die Probleme von Flüchtlingen bei der Wohnungssuche

27. Oktober 2015


Haben wir nicht alle schon mal vor Schrecken auf dem Absatz kehrt gemacht, als wir bei einer öffentlichen Wohnungsbesichtigung die gefühlte zwei Kilometer lange Warteschlange auf der Strasse gesehen haben? Als gestandene Zürcherinnen wissen wir, dass günstige Wohnungen an zentraler Lage Mangelware sind – darüber haben wir uns bereits schon zum tausendsten Mal in der Stammbeiz über dieses Thema furchtbar aufgeregt. Trotzdem lecken wir uns die Finger nach überteuerten Winzigwohnungen, schlecht isolierten WG-Zimmern, oder liebäugeln mit heruntergekommen Bruchbuden, nur um nicht aus unserer geliebten Stadt irgendwo in die «Agglo» ziehen zu müssen. Dass private Eigentümer immer noch dreist hohe Mietzinse für ein paar lächerliche Quadratmeter Wohnfläche verlangen können, ohne auf grosses Gejammer zu stossen, ist für Zürich so typisch wie die 7.50 Franken für ein grosses Bier. Merci vielmals.

Doch was bedeutet dies für wohnungssuchende ehemalige Flüchtlinge? Das Thema Wohnraum für Flüchtlinge und Asylsuchende ist so zentral wie noch nie. Durch die aktuellen Geschehnisse ist der Bedarf an günstigen, adäquaten Wohnungen gross. Wichtig an dieser Stelle zu erwähnen ist, dass hier nicht provisorische Asylheime gemeint sind, sondern richtige Wohnungen in Quartieren mit Zugang zu allen nötigen Ressourcen wie Schulen, Lebensmittelläden, Spielplätzen und so weiter.

Verschiedene Barrieren erschweren den Zugang zu Wohnungen Dabei kann man als lokales Beispiel die temporäre Wohnsiedlung am Rande von Zürichs «Downtown» an der Aargauerstrasse heranziehen. Hier stehen seit dem Jahr 2010 insgesamt 70 mobile Wohncontainer für Asylsuchende, betreut von der AOZ, eine selbständige öffentlich-rechtliche Anstalt der Stadt Zürich. In dieser Siedlung leben aktuell 120 Personen, vor allem alleinstehende junge Männer und Familien aus verschiedenen Nationen, hauptsächlich aber aus Nord- und Westafrika. Einige Asylsuchende wohnen bereits seit der Entstehung der Siedlung dort und haben auch teilweise schon ihre F- oder B-Bewilligung erhalten, haben also ein Recht darauf hier zu leben und zu wohnen. Für diese Personen heisst es, die provisorischen Container zu verlassen und sich auf die schwierige Suche nach einer richtigen Wohnung zu begeben.

Der überhitzte Wohnungsmarkt trifft die meisten hart. Ohne sauberen Betreibungsregisterauszug läuft schon mal gar nichts. Zwei Referenzen sind fast ein Muss. Dann sollen sie sich gegen hunderte andere, grösstenteils finanzkräftigere Mitbewerber durchsetzen, während sie selbst wohl nicht gerade in das Wunschprofil eines Hauseigentümers passen. Ausserdem lassen sprachliche Schwierigkeiten das Selbstbewusstsein schnell mal in den Keller sinken. Sie könnten sich auch überlegen, eine Wohnung ausserhalb der Stadt zu suchen. Jedoch haben sie sich in der kurzen oder längeren Zeit an der Aargauerstrasse Zürich zu ihrer Heimat gemacht. Die Kinder gehen hier zur Schule und in den Sportverein, der Arbeitsplatz ist in der Nähe – ebenso das mühsam aufgebaute soziale Umfeld.

Gewinn steht günstigen Wohnungen im Weg Obwohl es sich für alle als schwierig herausstellt, eine passende Bleibe in der Stadt zu finden, befinden sich die meisten von uns in der privilegierten Situation, eine feste Anstellung zu haben, somit auch über ein relativ solides Einkommen zu verfügen, der deutschen Sprache mächtig zu sein und mindestens eine Grundahnung über das ganze Bewerbungsprozedere und das Schweizer Mietrecht zu haben. Die AOZ unterstützt daher gemäss eigenen Aussagen die Wohnungssuchenden der temporären Wohnsiedlung an der Aargauerstrasse aktiv bei der Erstellung von Bewerbungsdossiers und schult im Umgang mit den gängigen Internetportalen. Die Sozialberaterinnen haben dabei ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Wohnungssuche für Flüchtlinge äusserst schwierig ist. «Vermieterinnen und Vermieter haben oft Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und Sozialhilfeempfängern», erklärt Corinne Widmer, Stabsmitarbeiterin Wissensvermittlung und Kommunikation der AOZ. «Eigentümer könnten Wohnungen zu fairen Bedingungen an Flüchtlinge vermieten und so die schwierige Wohnungssuche entschärfen», und platziert damit gleich einen Aufruf an alle Privatpersonen oder Firmen, welche solche Wohnungen zur Verfügung stellen können und möchten (bitte direkt bei der AOZ melden).

Könnte ein denkbarer Lösungsansatz sein, dass zukünftig jeder Eigentümer von grösseren Wohnhäusern verpflichtet wird, ein oder zwei Wohnungen vergünstigt für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen? Die Differenz zum tatsächlichen Mietzins könnte zum Beispiel als solidarischer Fonds durch die anderen Mieterinnen und Mieter über die Nebenkosten einbezahlt werden. 20 Franken pro Monat bei einer Wohnsiedlung mit rund 50 Wohnungen würden dafür allemal ausreichen. Die Aufgabe des Eigentümers sollte sein, die Einzahlungen in diesen Fonds, zu einem fixen Bestandteil des Mietvertrages zu machen. Die Vergangenheit zeigt jedoch, dass in einer wirtschaftsliberalen Gesellschaft wie der Schweiz, solche Zwangsauflagen kaum durchsetzbar sind. «Aufwand und Nutzen?» wäre wohl das ewig schwebende Banner über der nasenrümpfenden Riege der privaten Eigentümerschaft.

Viele leere Luxuswohnungen Anscheinend leisten in der letzten Zeit immer mehr Genossenschaften, wie zum Beispiel die Genossenschaft Kalkbreite, einen Beitrag und vermieten Wohnungen für Flüchtlinge und sozial Schwächere. Die Zürcher Wohnungsvermittlung Stiftung Domicil vermittelt diesen Wohnraum und tritt als Solidarmieterin zusammen mit den Familien, Paaren und Einzelpersonen im Mietvertrag auf. Der Druck ist allerdings gross und kann nicht von einzelnen Stiftungen und Organisationen getragen werden. Vor allem da momentan an allen Grenzen Europas tausende Menschen in Not darauf warten, endlich irgendwo in Sicherheit anzukommen. Es ist also unvertretbar, dass noch keine privaten Eigentümer zur Verantwortung herangezogen werden, während weiterhin Luxuswohnungen mit monatelangen Leerständen gebaut werden.

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