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Freitags streiken, Samstags shoppen?

Klimastreikende sehen sich aktuell mit dem Vorwurf der Doppelmoral konfrontiert. Und um es kurz zu machen: Ihre Kritiker*innen haben recht. Das Konsumverhalten der streikenden Jugend ist noch lange nicht so ideal wie ihre neuen Ideale. Doch untergräbt das keinesfalls ihre Forderungen nach Veränderung. Damit dieser Nebenkriegsschauplatz endlich verstummt, helfen nur Eingeständnisse.
07. April 2019

Hollywood hat es in zahlreichen Gerichtsdramen vorgemacht. Der einfachste Weg, die Glaubwürdigkeit eines*r Kläger*in zu untergraben, ist ihn oder sie in Widersprüche zu verwickeln. Dass derartige Taktiken meist nichts am eigentlichen Tatbestand ändern, ist kein Geheimnis. Sie beeinflussen lediglich die Einschätzung der Jury. Und hier liegt die Absurdität der Klimastreik-Kritiker*innen. Sie verhalten sich, als müsse man lediglich eine Mehrheit der Bevölkerung von der Unglaubwürdigkeit der Streikenden überzeugen, um alle Forderungen und Vergehen, ihre eigenen mit eingeschlossen, unter den Teppich zu kehren.

Doch das funktioniert im Rahmen der Klimadebatte nicht. Wir alle sind Kläger*innen und Angeklagte zugleich. Niemand kann sich dieser Doppelrolle entziehen. Und das ist okay. Es ist ein unangenehmer Zustand des Umbruchs und des Übergangs, den wir aushalten müssen. Und es ist eine Doppelrolle, die vor allem Eingeständnisse erfordert. Wir haben falsch gehandelt, jahrelang, weil wir es nicht besser wussten oder nicht wissen wollten. Weil wir den Ernst der Lage zu spät erkannt haben oder weil wir in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der Leistung und individuelles Glück mehr zählen, als das Wohl der Allgemeinheit. So ist es falsch, aber nicht verwunderlich, dass die meisten Streikenden Smartphones in den Händen halten, für die der «Konfliktrohstoff» Coltanerz gewonnen wird, Schuhe besitzen, die unterbezahlte Arbeiter*innen unter lebensgefährlichen Bedingungen herstellen und Erdbeeren kaufen, deren Produktion massenhaft Wasser verschlingt, da sie im Moment absolut keine Saison haben.

Doch wer aufgrund dieser Beobachtungen alle Forderungen der Jugend zu diffamieren versucht, leugnet das Erbe, von dem die Jugend sich erst noch befreien muss. Konsumgewohnheiten beruhen eben nicht nur auf individuellen Vorlieben. Sie sind das Ergebnis sozialer und politischer Entwicklungen. «Heimischer Komfort, Fernreisen, Ess- und Trinkgewohnheiten, Geschäftsöffnungszeiten, Bedeutung von Sauberkeit, Fitness, Modebewusstsein; diese und viele andere Aspekte unseres Lebenstils sind historische Produkte von gesellschaftlichen Normen, Erwartungen und Arrangements.» Zu diesem Schluss kam jedenfalls der Historiker und Konsumforscher Frank Trentmann – nachdem er 600 Jahre Konsumgeschichte analysiert hatte.

Wenn also die Jüngsten unter uns neue Ideale entwickeln, kann das ideale Verhalten erst in einem nächsten Schritt folgen. Und das muss es auch, keine Frage. Doch um tiefsitzende Gewohnheiten aufzubrechen, muss die Politik uns beiseite stehen. Technischer Fortschritt sollte nicht zum Kauf neuer Smartphone-Modelle nötigen, sondern nachhaltige Lösungen entwickeln. Schuhe sollten zu fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden und Erdbeeren nur dann erhältlich sein, wenn Saison ist. Wir brauchen eine Politik, die auf Kooperation statt Konkurrenzdenken setzt und Unternehmen belohnt, die der Umwelt nicht schaden. Eine Politik, die das Reparieren, Teilen und Tauschen von Dingen erleichtert, damit verantwortungsloser Konsum nicht unreflektiert durch nachhaltigen Konsum ersetzt wird. Und eine Politik, die ein gutes Leben für alle erschwinglich macht, damit Umwelt- und Sozialfragen niemals in Konkurrenz geraten. Nur gemeinsam mit Politikern können Konsument*innen grundlegende Veränderungen herbeiführen - alles andere wäre naiv.

Die Debatte um die Doppelmoral unserer Jugend ist ein taktischer Nebenkriegsschauplatz, der die eigentlichen Forderungen der Klima-Streikenden zu überschatten versucht. Um die Diskussion abzukürzen und ihren Kritiker*innen den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist Ehrlichkeit die beste Strategie: Ja, unser Konsumverhalten ist noch lange nicht so ideal wie unsere Ideale. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – müssen unsere Forderungen Gehör finden.

Praktikantin Civic media

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