Ein Grill mit politischer Botschaft: «In Palästina herrscht Krieg und die Leute besaufen sich hier»

Direkt neben dem Longstreet steht der Palestine Grill. Der kleine Imbiss hat aber weit mehr zu bieten als würzige Snaks für verkokste und betrunkene Party-Animals. Ein Blick hinter den Tresen des beliebten Protestgrills.
18. Januar 2015


Das Zischen der Pouletspiesschen auf den Grill vermischt sich mit dem schallenden Reggaeton. Im engen Räumchen steht der Grillmeister im Pullover und schwitzt. Dabei ist es auch am Grill bitterkalt. Das grüne Deckenlicht beleuchtet das Foto von Jassir Arafat und über dem Tresen hängt ein Zettel: «Der Kunde ist immer König. Darum immer :) Ausser, er ist ein betrunkener Junky!» Von den Betrunkenen gibt es viele hier. Wir befinden uns auf der Piazza Cella, dem Herzen der Langstrasse. Neben dem Longstreet verkauft der Palestine Grill seine arabischen Gerichte. Anders als in den unzähligen Kebab Läden an der Langstrasse ist der Palestine Grill selber Teil des Zürcher Nachtlebens. Oft organisieren die jungen Macher selber Konzerte und sind laut.

[caption id="attachment_445" align="alignnone" width="1200"]p6 Der Palestine Grill in den Farben der palästinensischen Flagge[/caption]

Viele Sticker um und am Stand verraten: dem Palestine Grill geht es nicht nur ums Essen. Sticker von Fuck-Fifa, Flaggen von Räuber und Tags von Puber zieren den Imbiss. Auch die Jungs um Sami, dem Gründer des Grills, sehen aus, als ob Sie direkt von einer After Hour kommen. Oder nach der Arbeit gleich zur nächsten Tür eintreten und im Longstreet die Nacht durchfeiern. Aber der Palestine Grill ist nicht nur tief in der Zürcher Szene verankert – das Bild von Arafat über dem Grill lässt es vermuten. Hier geht es um weit mehr als Abstürze, Tags und schnell mal einen Kebab verdrücken. Hier geht es um ein politisches Statement. Hier wird auf einen Missstand hingewiesen. Nicht schreiend laut, denn das würde im Lärm der Langstrasse sowieso nicht gehört.

Der gross gewachsene Sami trägt eine braune Lederjacke und eine olivgrüne Mütze. Er spricht ruhig und mit einem leichten Kreis-4-Akzent. Mit leuchtenden Augen erzählt er und wird richtig enthusiastisch, wenn es um seine Strategie für Frieden zwischen Israel und Palästina geht.

tsüri: Du hast den Palestine Grill vor eineinhalb Jahren gegründet. Bist du vom Erfolg überrascht? Sami: Ich bin sehr froh darüber. Man merkt, dass wir gut ankommen. Aber wir wollen noch mehr. Die Tatsache, dass wir dieses Gespräch hier draussen in der Kälte führen, ist eigentlich ein Misserfolg. Behördliche Sachen stehen mir extrem im Weg. Aber hey, Hauptsache, die Leute mögen unser Essen.

Bist du in Palästina geboren? Geboren nicht. Aber meine beiden Eltern kommen aus Palästina. Ich spreche auch Arabisch.

[caption id="attachment_441" align="alignnone" width="1166"]p2 Oft klagen Kunden, sie können kein Arabisch lesen. Der Schein trügt. Das ist unser Alphabet.[/caption]

Gibt es ein politisches Statement hinter dem Palestine Grill? Das Statement steckt in unserem Essen: Sish Taouk, das essen alle Palästinenser in Palästina. Sabich ist der Take-Away Renner in Israel. Beim Humus und Falafel haben wir Streit. Israeli und Palästinenser sagen beide: «Wir haben es erfunden.» Darum haben wir auch noch die Friedensplatte. Dort ist von allem ein bisschen drauf. Dann gibt es Frieden.


Kommen auch Israelis bei euch essen? Ja klar. Es arbeiten auch Israelis hier. Einige meiner besten Freunde sind Juden. Wir unterscheiden hier nicht besonders.

Also ist der Konflikt hier an der Langstrasse nicht präsent? Wenn ich mit meiner Grossmutter in Palästina telefoniere, erzählt sie oft von fehlendem Strom und Wasser. Dann wird mir meine Haltung zu diesem Konflikt am stärksten bewusst. Aber ich weiss, dass ich diesen Konflikt nicht lösen kann. Also machen wir beim Essen vorerst Frieden. Vielleicht etwas plump gedacht. Aber wir machens so.

[caption id="attachment_443" align="alignnone" width="732"]p4 Sami in seiner Küche: Die Behörden sind Arschlöcher[/caption]

Und wenn du die partywütigen Leute in der Nacht an deinem Grill stehen hast und gleichzeitig herrscht Krieg im Land deiner Eltern? Wie ist das für dich? Das bringe ich nicht so unmittelbar in Verbindung. Aber klar: In Palästina herrscht Krieg und die Leute besaufen sich hier. Aber das beginnt schon früher. Hier haben die Leute keine Werte mehr. Kokain wird auf dem Tisch genommen, an dem man auch isst. Das ist hier ganz normal. Was ich aber wirklich schlimm finde, wenn jemand nur für die Partys nach Tel Aviv geht. Dann denke ich: Hallo, gibts da nicht auch noch etwas anderes?

Zieht ihr durch euren Namen und euer Friedens-Statement auch eine speziell dafür interessierte Kundschaft an? Ja, das gibt es schon. Viele Leute sind auch inhaltlich interessiert und wollen uns vielleicht deswegen unterstützen. Wir wollen auch eine Art Treffpunkt sein. Ich habe schon erlebt, dass Leute zu uns rennen, wenn sie irgendwelche Probleme haben.

Gab es noch nie Probleme wegen dem Namen vom Grill? Doch, ein Randständiger hat uns einmal mit Steinen beworfen und die Scheiben kaputtgemacht. Aber eigentlich erwähne ich das nicht so gerne. Das war nicht politisch motiviert. Der war einfach verwirrt. Aber in diesem Umfeld hier hätte ich wahrscheinlich mehr Probleme, wenn wir ein Israel-Grill wären. Die Langstrasse ist mit den ganzen Türken die hier sind eher arabisch geprägt.

Wie ich sehe, unterstützt ihr auch andere Protestbewegungen. Zum Beispiel der Fuck Fifa Sticker am Tresen. Magst du Protestbewegungen? Eigentlich würde ich gerne noch mehr machen. Aber ich muss wegen dem Geschäft ein wenig aufpassen. Was hier mit den Behörden abgeht ... Das sind alles riesige Arschlöcher. Die lassen nicht mit sich reden. Zürichs Politik ist so ausgelegt, dass nur sehr reiche Leute etwas machen können. Sogar mit mehreren hunderttausend Franken erreichst du nichts. Du kannst fast nichts eröffnen wegen so super teuren, unnötigen Auflagen. Auch wenn ich mich schwer als Linker sehe – manche Bestimmungen sind nur hinderlich. Das ist kulturzerstörend.

Bei euch funktioniert es aber! Es ist mega hart mit einem Standort. Wir müssten eine ganze Ladenkette haben. Aber dann wirds grad unsympathisch. Nur wegen dem Geld muss man das nicht machen.

[caption id="attachment_442" align="alignnone" width="1188"]p3 Kulinarischer Protest für Frieden in Palästina und gegen die Überregulierung der Zürcher Behörden.[/caption]

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