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Fotos: Elio Donauer

Immo-König der Langstrasse: Das Phantom Fredy Schönholzer

Ein Phantom geht um im Chreis Cheib, und das schon ziemlich lange. Es besitzt mehr Liegenschaften an der Langstrasse als alle grossen Pensionskassen, Banken oder Versicherungen: Sein Name: Fredy Schönholzer. Und eigentlich ist er ziemlich manifest, seit 70 Jahren schon.
13. Dezember 2020
Journalist

Phantom. Fisch. Aalglatt. Ein spezieller Mensch. Eine schwierige Person. Ein unmöglicher Kerl. Ein Rätsel.

Fredy Schönholzer, so könnte man vielleicht sagen, ist der bekannteste Unbekannte in Zürich, ein Promi ohne Fanklub oder Gesicht, aber mit einer Trutzburg an bester Lage. Bei Schönholzers Liegenschaften handelt es sich um ein Geviert mehrerer Häuser gegenüber der Piazza Cella, im Epizentrum des Chreis Cheib, nicht weit entfernt vom Bermuda-Dreieck. Zwei weitere Häuser befinden sich an der Brauerstrasse stadteinwärts und in Seebach, zudem besitzt er eine Liegenschaft im Lorrainequartier in Bern und eine in Hergiswil, einer Steueroase in Nidwalden, in der er offiziell den Wohnsitz hat.

Für viele Zürcher*innen ist die Langstrasse Herzstück der Stadt. Sei es als Treffpunkt, Wohnort, Arbeitsstrecke oder Absturzmeile: Kaum jemand kann sich der Langstrasse entziehen. Aber was liegt hinter den Fassaden, an denen wir täglich vorbeigehen? Und wer verfügt eigentlich über sie? Mit dieser Recherche machte Tsüri.ch erstmals die Eigentumsverhältnisse der Langstrasse publik. Die Nelly und Paul AG, welche Fredy Schönholzer gehört, ist gemessen an der Anzahl Grundstücke die grösste private Immobilieneigentümerin zwischen dem Limmatplatz und der Badenerstrasse.

Viel ist nicht bekannt über Schönholzer. Das liegt auch an der Unlust des 70-Jährigen, sich gegenüber Medien zu äussern. Ein paar herausgebellte Worte am Telefon müssen offenbar als Exklusiv-Interview verstanden werden, einen Journalisten des «Tages-Anzeigers» verscheuchte Schönholzer einst mit Gewaltandrohung, aber nicht ohne Humor aus seinem Innenhof. Auch mit Tsüri.ch will Schönholzer nicht sprechen. Nur schon die Kontaktaufnahme gestaltet sich schwer. Telefonanrufe gehen ins Leere, Mails an seine Firmen (er hat so einige ...) werden zwar gelesen, aber nicht beantwortet. Einmal nimmt eine Sekretärin ab, die aber, nun ja, leider leider nichts, aber auch gar nichts sagen kann, jedoch verspricht, dass sich jemand bei mir meldet, mit Sicherheit. Ein andermal nimmt ein Mann den Hörer ab, er ist «vom Pikett», wie er mehrmals betont, der zwar weiss um was es geht («ich habe das Mail gelesen ...»), dann aber auch nicht weiterhelfen kann («Ich weiss nicht, was der aktuelle Stand ist ...»). Und irgendwann weiss man gar nicht mehr, ob man sich das Raunen in diesen nichtssagenden Antworten einbildet oder nicht.

Einstieg ins Erotikgeschäft

Sicher ist: Fredy Schönholzer kommt am 8. Dezember 1949 zur Welt, Heimatort ist Istighofen, eine ehemals eigenständige Gemeinde im Thurgau. Zusammen mit seinem ehemaligen Schulkollegen, Werner Stierli, den der Boulevard später etwas einfallslos auf den Namen «Sex-Stierli» taufte, eröffnet er 1971 den landesweit ersten Sexshop in einem Kiosk in Oerlikon und betreibt ein Import-Export-Geschäft mit für damalige Schweizer Verhältnisse allerlei unzüchtigem Material (Erotische Pokerkartensets, Dildos, aufblasbare Vaginas, ein Massagestab in Form eines Weihnachtsmännchens). Nachlesen kann man das in einem launigen Artikel des «Magazin» von 1998, der mittlerweile selber schon zu einem historischen Dokument geworden ist.

Wenig später eröffnete er mit der Boutique Erotica eine eigene Sexshop-Kette. Den Einstieg ins Erotikgeschäft ermöglichten ihm nicht zuletzt seine Eltern, Nelly und Paul Schönholzer, die zusammen mit dem damals 22-Jährigen als Gründer*innen auftreten und je eine Aktie der neuen Firma übernehmen. Das geht aus den Dokumenten hervor, die im Handelsregisteramt Zürich einsehbar sind.

Schönholzers Liegenschaft an der Ecke Brauerstrasse, Kernstrasse.

Zu dieser Zeit, in den 70er und 80er-Jahren, war Schönholzer eine der bekannteren Figuren im Stadtzürcher Milieu. Im Gegensatz zu den Rotlicht-Granden Gody Müller, Hans-Peter Brunner, Charly Hug und wie sie alle hiessen, sehnte er sich offenbar nicht nach dem Scheinwerferlicht. Eine Homestory von Schönholzer mit Sekt in der Hand, oder ein Foto, wie er neben einem schnellen Wagen posierte, das gabs bei ihm nicht. «Sandalen-Fredy», wie Schönholzer in Anspielung auf seinen preisbewussten Kleidungsstil genannt wurde, kurbelte sein Verdeck nie hoch. Dass er dennoch, auch heute noch, immer wieder mit dem Zusatz der «schillernde Persönlichkeit», bedacht wird, hat wohl mit seinen Anfängen im Sexbusiness zu tun.

Nach wenigen Jahren zieht sich Schönholzer offiziell aus der Boutique Erotica zurück und erwirbt Liegenschaften rund um die Langstrasse. Ob er sich damit auch aus dem Sexgeschäft zurückgezogen hat, ist unklar. Laut mehreren Quellen unterhält er in einer seiner Liegenschaften in der Folge ein schwungvolles Telefonsex-Geschäft. Andere sagen: Beim Schönholzer wurde immer angeschafft. Schönholzer selber wehrte sich immer wieder gegen die Anwürfe. 300 Wohnungen besitze er in der ganzen Stadt, diktierte er dem «Tages-Anzeiger» einst, und in keiner einzigen davon sei ein Sex-Betrieb untergebracht.

Auch wenn er sich gerne das Mäntelchen des ehrbahren Immobilienhändersumlegte: Den Ruch der Sex-Industrie wird er nicht mehr los. Wenig später kündigt er entnervt an, sich aus dem Immobiliengeschäft zurückzuziehen und alle Liegenschaften zu verkaufen. Ob er dieser Ankündigung tatsächlich Folge leistete, darf zumindest bezweifelt werden. Anfang der 90er-Jahre erwarb er das Areal der ehemaligen Lack- und Farbenfabrik Labitzke in Altstetten (mit dem Fabrikanten Gustav Labitzke verband ihn bereits eine Geschäftsbeziehung, 1981 kaufte er ihm das «Efeu-Haus» im Kreis 4 ab) und stellte die Fabrikräume als Zwischennutzung an Gewerbetreibende, Wohngemeinschaften und Künstler*innen zur Verfügung.

Das grosse Geld

Im Lauf der 90er-Jahre taucht Schönholzers Name in den einschlägigen Datenbanken nur noch selten auf. Eintragungen in verschiedenen Wirtschaftsregistern legen nahe, dass er seinen Wohnsitz in dieser Zeit nach Marbella verlegt hatte. Warum, bleibt unklar. (Noch heute sind gemäss spanischen Registern zwei Firmen in Marbella auf seinen Namen eingetragen). In der Schweiz, so erzählen es Personen, die ihn kannten, werden seine Geschäfte derweil von Statthaltern erledigt, «Gang-Gos» aus dem Thurgau oder dem Appenzell, ebenso tatkräftige wie verschwiegene Reichsverweser, die, wenn sie ihren Dienst erledigt hatten, wieder ins Hinterland parkiert wurden. Ein System, das im Milieu schon immer erfolgsversprechend praktiziert wurde.

Das grosse Geld macht Schönholzer erst viel später, Anfang der Zehnerjahre. 2011 verkaufte er das Labitzke-Areal an die Mobimo AG. 34 Millionen Franken spült das in Schönholzers Kasse. Das Labitzke diente jahrelang als gelebte Durchmischung, ein Schmelztiegel, hier das Bordell, da die Künstler*innen, dort eine Moschee, als «Insel in der Stadt» wurde es in der WoZ bezeichnet. Schönholzer, so ein ehemaliger Bewohner einer dieser Zwischennutzungs-WGs, habe zwar «stattliche Mieten für die nach konventionellem Verständnis wenig wohnlichen Räume in den alten Industriebauten» verlangt, und sich kaum noch um deren Erhalt gekümmert, «die Mietenden im Alltag aber einer Art gefühlter Selbstverwaltung überlassen». Nach dem Erwerb zieht die Mobimo 281 Wohnungen hoch – mit Mietpreisen bis zu 3220 Franken für eine Dreizimmer-Wohnung.

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In den folgenden Jahren fällt Schönholzers Name in der Öffentlichkeit wieder in regelmässigem Abstand. Etwa, wenn bei einem seiner Häuser das Fassadenmaterial langsam auf die Fussgänger*innen herunterzubröckeln drohte. Oder, wenn wieder ein Glücksritter mit hängendem Kopf und leeren Taschen aus dem Keller der Langstrasse 83 rausgeschlichen kam. Was des öfteren passierte. Das Gewölbe an der Langstrasse 83 beherbergt den wohl bestbesetzten Friedhof der Zürcher Clublandschaft: Das Haus (Der Klub), Diva, District 4, Café Gold, Euphoria, Babette, Below 83. Sie alle mussten über kurz oder lang – meistens eher kurz – die Segel streichen.

Womit man letztlich wohl auch bei Schönholzers Erfolgsgeheimnis wäre. Die Vermietung seiner Liegenschaften nach dem Rohkost-Prinzip. Vier Wände, ein Boden und eine Decke reichen nach Schönholzers Verständnis, um darin zu wohnen, ein Club oder ein Restaurant zu betreiben. Was darüber hinausgeht, eine Lüftung etwa, muss von den Mieter*innen bezahlt werden. Zusammen mit einem hohen Mietzins (25'000 Franken pro Monat) und einem mehrmonatigen Mietdepot führte das bei den Klubbetreiber*innen an der Langstrasse 83 dazu, dass das Kapital schnell einmal weg ist.

Marc Aeschbach, ein ehemaliger Mieter in der Langstrasse 83, sagte dem «Tages-Anzeiger» 2009, man müsse wissen, mit wem man es zu tun habe, Schönholzer sei keiner, der verhandle. «Im laufenden Betrieb hat er uns die Heizungen abgestellt – und das im Winter.» Der Grund? Aeschbach versuchte, mit ihm über die Miete zu diskutieren.

Below 83 - Überreste des letzten Clubs an der Langstrasse 83.

Ein Schweizer St. Pauli zwischen Limmatplatz und Helvetiaplatz

Auch Jeannette Vernay hat ihre Erfahrungen gemacht mit Schönholzer. Die ehemalige Sozialarbeiterin eröffnete 2011 in einer von Schönholzers Liegenschaften eine Bar.

Fünf Jahre später warf sie den Bettel. An einem regnerischen Novembermorgen stehen wir vor dem Barometer, eine Schwulenbar, die wegen Covid geschlossen ist. Hier führte Vernay ihre Bar, «Jeanettes Bar», fünf Jahre lang. «Das hiess auch: Fünf Jahre Streit mit Schönholzer.» Nachdem sie den Laden dicht gemacht hatte, schlief sie erst mal drei Monate durch, sagt Vernay lachend. Unterdessen hat die 52-Jährige das Quartier verlassen, «24/7 Halligalli ist zuviel für mich». Aber noch immer kennt Vernay den Chreis Cheib wie fast niemand, zu jeder Ecke fällt ihr eine Anekdote ein, hier wasche einer mit Spielautomaten Schwarzgeld, da wirte der begriffsstutzige Cousin eines Milieu-Bosses, und da hinten, hinter der fleckigen Glasscheibe, habe einer Potenzmittelchen verkauft, bis er kürzlich von der Schmier hochgenommen worden sei. Hupt es von irgendwoher, man kann man sicher sein, dass es ein Gruss an Vernay ist. Wir spazieren durchs Quartier, die Brauerstrasse runter, durch das Hausgeflecht neben der «Sonne», bis zur Piazza Cella. Die «Geisterhaus-Fassade» ist mittlerweile aufgehübscht worden, wie von Schönholzer damals angekündigt. Hinten, auf der Hofseite, stehen aber nach wie vor die Baugerüste. Vernay lacht: «Das war ja eigentlich klar!»

Auf der Website der Zulumi AG, eines seiner zahlreichen Unternehmen, kann man ein aktuelles Angebot für eine seiner Räumlichkeiten einsehen:

Monatlicher Nettomietzins CHF 11‘500.00 für Gastronomie und CHF 9‘800.00 für Handel. Kaution ab CHF 58‘800.00. «Der Innenausbau des Lokals, insbesondere die Lüftung, gehört hingegen nicht zur Grundausstattung des Mietobjekts. Als Mieter haben Sie für deren Kosten bei Anschaffung, Ersetzung und Unterhalt allein und vollständig aufzukommen.»

In den 80er-Jahren sorgte Schönholzer mit seinen Bauprojekten vor allem im Kreis 4 für heftige Diskussionen. Quartierbewohner*innen befürchteten angesichts der zunehmenden «ideellen Immissionen» (lies: käuflicher Sex) ein Schweizer St. Pauli zwischen Limmatplatz und Helvetiaplatz. Exemplarisch dafür eine Überschrift des «Tages-Anzeigers» Mitte der 80er-Jahren: «Erneut gerät eine Kreis-4-Liegenschaft von Fredy Schönholzer ins Gerede». Auch der Mieterverband kam regelmässig wieder mit Schönholzer ins Gehege. Scherr, alt AL-Gemeinderat und langjähriger Mieterverbandspräsident, erinnert sich gut an Schönholzer. «Wir hatten viele Streitfälle mit ihm, meistens Beanstandungen wegen der Nebenkostenabrechnung, verweigerten Reparaturen und Unterhaltsarbeiten. Er war ein Rappenspalter, machte keine Reparaturen, seine Häuser waren Bruchbuden.» Sozialarbeiterin Vernay ist in der Zeit, als sie aufsuchende Gassenarbeit machte, immer wieder mit Schönholzer aneinandergeraten. «Er hat in seinen Liegenschaften völlig überrissene Mieten von den Frauen verlangt, die hier angeschafft haben.» Viele der Milieumenschen hätten auf ihre Weise irgendwo eine soziale Ader gehabt, sagt Vernay, aber er nicht. «Er ist ein knallharter Businessmensch, es geht ihm nur um die Kohle.»

Das sehen nicht alle so. Einer, der beruflich mit Schönholzer zu tun hatte, sagt, wenn es ihm wirklich nur ums Geld gegangen wäre, dann hätte er seine Immobilien längst gewinnbringend verkauft.

Anruf bei Rolf Vieli. Vieli, der als «Mister Langstrasse» die Gentrifizierung des Chreis Cheib in den Nullerjahren massgebend geprägt hatte, lacht, als ich mich nach Schönholzer erkundige. Schönholzer sei für ihn immer ein Rätsel geblieben, sagt Vieli, der früher als Wirtschaftsjournalist und auf dem Betreibungsamt gearbeitet hat. «Ich habe nie so richtig verstanden, was ihn eigentlich getrieben hat. Klar, er hat seine Liegenschaften verludern lassen, sie nicht vermietet, oder so vermietet, dass er mit null Aufwand viel Geld machen konnte.» Aber im Gegensatz zu anderen Milieu-Figuren sei ihm der Narzissmus abgegangen. «Ich hatte oft mit seiner Mutter zu tun, es ging immer um Mietsachen, Reklamationen, Betreibungen. Wenn ich ihr sagte, ‹das ist jetzt aber nicht so ganz fein von ihrem Sohn›, antwortete sie immer, ‹aber der kleine Junge, er hat doch nichts gemacht!› Wie in einem dieser Hollywood-Mafiafilme.»

Wobei Schönholzer die legendäre buchhalterische Sorgfalt dem Vernehmen nach auch bei sich selber anzuwenden pflegt. Er schlote die billigsten Stumpen und trage seit Jahren den gleichen abgewetzten Mantel und ein antikes Brillengestell, sagt jemand, der ihn schon lange kennt. Freund*innen habe er kaum welche, mit der Familie habe er sich zerstritten. Nur Fredo, sein Schäferhund, geniesse sein uneingeschränktes Vertrauen.

Zeitlebens wie ein Phantom

Im Gegensatz zu Hug, Brunner, Mosberger und wie sie alle hiessen, gibt es Schönholzer immer noch. Und auch Werner Stierli, sein alter Geschäftspartner, wandelt noch auf den alten Pfaden. Gegenüber der Brauerstrasse 16, wo Schönholzers Zulumi AG ihre Büros hat, befindet sich eine der zwei Zürcher Monika K.-Filialen (eine Anspielung auf eine bekannte Schweizer Schauspielerin, die einst mit freizügigen Filmchen ihr Geld verdiente), eine Art Mini-Sex-Kino mit Videokabinen, wo man, wenn man mutig ist, durch Glory-Holes sein Besitztum in fremde Hände legen kann. Jetzt, in der Pandemie, liefe das Geschäft wegen Hygiene-Regelungen nicht so gut, sagt die thailändische Empfangsfrau. Stierli? Das Letzte, was sie von ihm gehört habe, sagt die Frau, sei, dass er in Kambodscha lebe (Inhaberin der Geschäfte ist gemäss Handeslregister unterdessen Stierlis Tochter). Stierli in Kambodscha, Stöckli ein reputabler Filmemacher, Albert Mosberger erstochen, Brunner erschossen, ob von sich selber oder von jemand anderem, darüber gehen die Meinungen im Milieu auch 15 Jahre nach seinem Tod noch immer auseinander.

Die Zeit, so kann man vielleicht aus der Distanz sagen, ist gnädig zu Schönholzer. Die Leute, die damals in den 70er und 80er-Jahren mit ihm zu tun hatten, weil sie sich an seinen Geschäftspraktiken störten, lassen sich heute in drei Gruppen einteilen: Entweder sind sie tot, erinnern sich nicht mehr oder es hat sich ein Schleier der Nostalgie über ihre Erinnerung gelegt.

Im vergangenen Jahr übertrug Schönholzer der Nelly und Paul AG, einer Aktiengesellschaft, in der er Mitglied des Verwaltungsrats mit Einzelunterschrift ist, im Rahmen einer sogenannten gemischten Schenkung die Liegenschaften, die unmittelbar an der Langstrasse liegen, sowie die Liegenschaft in Seebach zum Preis von 22 Millionen und 720'000 Franken. Eine gemischte Schenkung kann man sich vorstellen, wie eine Weihnachts-Transaktion zwischen Grosseltern und Enkelkind: Die eine Seite liefert einen Star-Wars-Playmobil-Supersternzerstörer, die andere eine Knetfigur mit eher symbolischem Wert. Einzige Voraussetzung: Die Differenz zwischen dem Verkehrswert der Liegenschaften und der Schenkung muss mindestens 25 % betragen.

Die Idee dahinter: Mit der gemischten Schenkung können die Gründstücksgewinnsteuern aufgeschoben werden. Erst bei einer späteren Veräusserung müssen die Steuern entrichtet werden.

Die jetzige Besitzerin der Liegenschaften, die Nelly und Paul AG, wurde wiederum von der Paul und Nelly Foundation gegründet, einer Stiftung mit Sitz in Appenzell, die laut Eigenbeschrieb den SAC und die Naturfreunde Schweiz unterstützt.

Spielfilme für Erwachsene gibts bei Monika K.

Man würde Schönholzer gerne fragen, was der Sinn dieses komplizierten Firmenkonstrukts ist. Man würde auch gerne wissen, was er mit seinen Liegenschaften dereinst zu tun gedenkt. Man würde ihn dann bei Gelegenheit natürlich auch fragen, was er in Spanien gemacht hat, und wieso er eigentlich die Medien auf den Tod nicht leiden kann. Und wenn man schon einmal dabei ist, könnte man ihn auch noch fragen, was er denn eigentlich von der Entwicklung der Langstrasse hält, vom Kreis 4, von den konstant steigenden Mietzinsen und der Wohnungsnot in der Stadt. Und vielleicht hätte man am Schluss eine Ahnung davon, eine winzige jedenfalls, was er für ein Mensch ist, der Schönholzer, diese mysteriöse Telefonbuch- und Register-Existenz.

Niggi Scherr, der immer nur mit Stellvertretern von Schönholzer zu tun hatte, bittet einen irgendwann, bei Gelegenheit ein Foto von Schönholzer zu schicken. «Ich bin sicher, ich bin ihm im Kreis 4 hundert Mal über den Weg gelaufen.» Scherr sagt, für ihn sei Schönholzer zeitlebens wie ein Phantom gewesen: Ein Mensch, der immer überall zugegen war, aber nie Gestalt angenommen hatte. Langstrassen-Upcycler Vieli sagt, ihm sei Schönholzer wie ein Aal vorgekommen: Nie fassbar, immer gerade noch so herausgeschlängelt.

Aal, Phantom – eines ist sicher: Mit seinen Immobilien an der Langstrasse hat Schönholzer gutes Geld gemacht. Der mittlere Quadratmeterpreis hat sich gegenüber 1991 verdreifacht. Für 2016 weist das Steueramt Zürich für den Unternehmer ein satzbestimmendes Vermögen von 60 Millionen Franken aus, das satzbestimmende Einkommen liegt bei 1,17 Millionen Franken. Viel Geld, für ein Trugbild, wie für einen Fisch.

Nach Tagen, Wochen, erreicht uns dann eine Mail mit einem einzigen, dürren Satz, dem man zumindest eine gewisse Poesie nicht absprechen kann. «Herr Schönholzer ist nicht daran interessiert, möchte keine Auskunft geben.»


Dieser Beitrag ist im Rahmen des Rechercheprojekts «Wem gehört Zürich» erschienen. In den nächsten Tagen und Wochen werden weitere Artikel folgen. Willst du diese Recherche ermöglichen? Dann darfst du gerne hier das Crowdfunding unterstützen oder Tsüri-Member werden.

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