Frauenporträts locken über 24'800 Besucher*innen ins EWZ-Unterwerk

Am Sonntag ging die Foto-Ausstellung der Starfotografin Annie Leibovitz im EWZ-Unterwerk Selnau zu Ende. Über Wochen strömten mehr als 24'000 Besucher*innen in die Frauen-Porträt-Ausstellung. Die Bilder zeigen Frauen in all ihrer Vielfältigkeit und sprengen gängige Genderrollen.
21. Februar 2017

Einige Fotos wirken wie Gemälde – drapierte Stillleben bis ins Detail arrangiert. Andere Bilder scheinen eine Momentaufnahme inmitten des Alltags zu sein. Die porträtierten Frauen wirken zugänglich und lebendig. Sie strahlen Kraft und Energie aus. Die meisten sind in der natürlichen Umgebung ihrer Arbeit abgelichtet worden.

Da ist beispielsweise eine Schwarze Frau in einem ledernen Chef(innen)-Sessel, die ihre Beine auf einem massiven Holzpult ausstreckt, zu sehen. Die im Büro herumstehenden Kameras sind auf sie gerichtet. Die Frau strahlt Macht, Unabhängigkeit und Stolz aus. Daneben das Foto einer Venus-ähnlichen Gestalt in einem blauen Seidenkleid mit Baby im Arm. Auf den zweiten Blick ist eine entblösste Brust sichtbar. Trotz dieser lieblichen Darstellung strahlt auch diese Frau Robustheit und Unverrückbarkeit aus. Bei der ersten Porträtierten handelt es sich um die Drehbuchautorin und Fernsehproduzentin Shonda Rhimes, bei der zweiten um Rachel Feinstein, einer Skulptur bauenden Künstlerin, die sich von Renaissance-Gemälden inspirieren lässt.

Die Porträts von Annie Leibovitz besitzen die beeindruckende Fähigkeit die einzigartige Geschichte jeder Frau zu erzählen, ohne sie in bestehende Normen zu drücken. Leibovitz besitzt die Gabe über Genderrollen, Stereotypen und Masken hinweg zu schauen und uns die Person in ihrer Echtheit dahinter zu zeigen. Dabei spielt die Fotografin mit genau jenen etablierten Rollenbilder, die sie sprengen will. Mit ihren Fotos interpretiert sie diese neu. So kreiert sie für den Betrachter ein zum Denken anregendes Bild. Ein Bild, welches die eigene Wahrnehmung von Frauen und Erwartungen an ihre Fähigkeiten zu hinterfragen wagt.

1999 startete Annie Leibovitz gemeinsam mit der Kulturschaffenden Susan Sontag die Porträtsammlung Women. Das Ziel war es damals, die Veränderung des Rollenverständnisses der Frau zu wiederspiegeln. Fast 20 Jahre später ist dieses Thema noch immer hochaktuell. Die neue Porträtreihe aus den Jahren 2011 bis 2016 setzt beim gleichen Punkt an. Die Fotos zeigen und feiern Frauen, die Bemerkenswertes erreicht haben und somit den positiven Wandel in der Wahrnehmung von Frauen unterstützen.

Auch in unserer Stadt nötig
Ausstellungen wie jene von Annie Leibovitz sind aus zwei Gründen sehr erfreulich – und auch für das liberale Zürich wichtig. Erstens steigern Bilder von Frauen die Visibilität von Frauen. Oft sind Frauen in der Öffentlichkeit schlicht nicht präsent. Sei es auf Werbeplakaten oder in politischen Podiumsdiskussionen. Ob absichtlich oder ungewollt, sie fehlen, als hätten sie nichts zum Thema zu melden. Indem Leibovitz Politikerinnen, Aktivistinnen, Autorinnen, Philanthropinnen, Künstlerinnen und viele mehr bei ihrer Arbeit zeigt, sensibilisiert sie unsere Wahrnehmung für deren Beitrag in der Gesellschaft.

Sind Frauen drauf, ist oft wenig Frau drin
Werden Frauen öffentlich abgebildet, werden sie häufig auf ihr Äusseres reduziert oder in tratitionellen Rollenbilder gezeigt. Mit ihren Portraits hilft Leibovitz solche Rollenbilder und einseitige Wahrnehmungen herauszufordern. Indem sie Bilder von den unterschiedlichsten Frauen zeigt, nährt sie das Verständnis und die Akzeptanz für eine Bandbreite von Weiblichkeit und widersetzt sich der Verewigung des einen Bild von Weiblichkeit.

Auf dem obigen Bild ist eine Auswahl an Zeitschriften am Kiosk zu sehen, die zeigt, wie einseitigen die Darstellungen von Frauen ist: Ganz links die Hollywood-Schönheit, in der Mitte die Tochter, was suggeriert, dass Frauen nur in Relation zu anderen Personen identifizierbar sind und rechts als sexy Zierde auf dem Playboy.

Um Frauen anders zu sehen machten sich in den letzten drei Wochen gemäss Veranstalter über 24’800 Personen nach Zürich auf, was zu Wartezeiten von über einer Stunde führte. Dieser Andrang beweist, dass das Thema auf grosses Interesse stösst und die Schweizer Bevölkerung offen ist, Neues von Frauen zu sehen.

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Titelbild: ZGV von UBS

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